Architektur-Mythen des Bauhauses Warum das Bauhaus-Design nicht im Alltag funktioniert

2019 ist Bauhaus-Jahr. Vor 100 Jahren wurde die berühmteste Kunstschule der Moderne gegründet und hat die Architektur und das Design wie kaum eine andere geprägt. Keine Frage: Das Bauhaus ist wohl die einflussreichste Avantgarde-Bewegung aus Deutschland. Von Weimar aus, von Dessau und zuletzt auch Berlin hat sie ihren internationalen Siegeszug angetreten – und das, obwohl sie nur 14 Jahre existierte. Ohne dabei die historische Leistung dieser Avantgardebewegung schmälern zu wollen, gab es aber auch Widersprüche zwischen den Design-Idealen und der Realität. Zum Beispiel beim Funktionalismus.

von Andreas Höll, MDR KULTUR-Redakteur für Bildende Kunst und Architektur

Ein Mann geht am 31.03.2016 in Bonn (Nordrhein-Westfalen) an dem Original der Tischlampe von Wilhelm Wagenfeld (r) und einem Nachbau (l) vorbei. 4 min
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Das Credo des Bauhauses war der Funktionalismus: Die Form eines Gebäudes oder eines Gebrauchsgegenstands wird aus seiner Funktion heraus entwickelt, ohne Schnörkel und überflüssiges Dekor. Der Gebrauchswert, das effiziente Funktionieren, steht also im Vordergrund. Das wurde auch reklamiert für eine Leuchte, die als Ikone der Bauhaus-Moderne gilt: die legendäre Wagenfeld-Lampe. Sie besticht durch strenge Gestaltung aus geometrischen Elementen wie aus dem Bauhaus-Bilderbuch.

Praktisch und effizient – form follows function

Philipp Oswalt
Philipp Oswalt war von 2009 bis 2014 Direktor am Bauhaus. Bildrechte: dpa

Als die Wagenfeld-Lampe 1923 entworfen wurde, war sie eigentlich gar nicht so sehr für den Gebrauch im Alltag konzipiert. Sie war vielmehr gedacht als hochästhetisches Ausstellungsstück für eine Leistungsschau des Bauhauses in Weimar. Bald wurde sie als Leselampe vermarktet – doch für diesen Zweck war sie überhaupt nicht geeignet.

Die macht kein gescheites Licht, um damit lesen oder arbeiten zu können. Die Lampe macht irgendwie so ein ambient-light-Hintergrundlicht. Das funktioniert, das ist auch ganz schön, aber an sich ist sie eine leuchtende Skulptur.

Philipp Oswalt, Design-Experte und früherer Direktor am Bauhaus Dessau

Komplizierte Herstellung und viel Handarbeit

Leuchtende Skulptur statt funktionierender Leselampe – das war das eine. Zum anderen war die Wagenfeld-Leuchte extrem schwierig herzustellen. Denn ihre Form folgte nicht so sehr der Funktion einer rationellen Industrieproduktion. Sie sollte vielmehr die Kunsttheorie des Bauhauses illustrieren. Deshalb war die Herstellung kompliziert – und viel Handarbeit war nötig – wie Philipp Oswalt erklärt:

Deswegen war die damals schon sehr, sehr teuer, also ein Luxusobjekt und ist halt eher ein Lifestyle-Produkt. Eben halt in einem Bekenntnis zu einer Sache, aber nicht irgendwie alltagsgebräuchlich. Dann gehe ich zu Ikea und kaufe mir eine Nachttischlampe für 15 Euro.

Philipp Oswalt, Design-Experte

Der Wassily Chair: Programmatisch für die Bauhaus-Ästhetik

Auch der berühmte Wassily Chair von Marcel Breuer wurde ursprünglich als theoretisches Demonstrationsobjekt entwickelt. Der Stahlrohrsessel mit der abgeschrägten Sitzfläche – er sollte programmatisch die Bauhaus-Ästhetik verkörpern. Der Design-Theoretiker Werner Möller vom Bauhaus Dessau erzählt:

"Einerseits verkörpert der Stuhl auch das Thema der Industrialisierung, der Massenfertigung. Durch die Zerlegbarkeit in einzelne Elemente, die Schrauben, wurde betont, dass man die Elemente zusammenlegen kann, so ähnlich wie der berühmte Thonetstuhl 14. Der andere wichtige Aspekt daran war natürlich die Entkernung des gewohnten bürgerlichen Polstermöbels – insofern war er das Statement eines Maschinenmöbels, das in den Wohnbedarf kommt."

Der legendäre "Wassily Chair" (vorn) nach einem Entwurf von Marcel Breuer ist am 15.04.2014 im Grassi Museum für Angewandte Kunst in Leipzig (Sachsen) zu sehen.
Der legendäre Wassily Chair (vorn) nach einem Entwurf von Marcel Breuer. Bildrechte: dpa

"Zum Sitzen mag ich das Ding nicht."

Das Maschinenmöbel ist das Manifest einer neuen Zeit – aber ist das auch komfortabel? Der Bauhaus-Experte Philipp Oswalt hat ganz eigene Sitzerfahrungen gemacht:

Das Ding sieht toll aus, aber wenn man sich da reinsetzt, das ist nicht bequem. Da kommt man auch kaum wieder raus. Es gibt so eine Sitzhaltung, in der man da sitzen kann. Also zum Sitzen mag ich das Ding nicht.

Philipp Oswalt, Design-Experte und Architekturprofessor

Breuer-Sessel brauchen Platz

Dazu kommt, dass das Stahlrohrmöbel von Marcel Breuer den Dimensionen eines klassischen Klub-Sessels nachempfunden war. Und das war alles andere als praktisch für einen normalen Arbeiterhaushalt. Werner Möller erklärt, warum der Sessel eigentlich nur in einer bürgerlichen Wohnung mit entsprechend großem Wohnzimmer funktioniert: "Für eine Wohnung fürs Existenzminimum bei 47 Quadratmetern und kleiner als 20 Quadratmetern Wohnraum ist natürlich so ein Sessel zu groß. Da haben Sie mit zwei Sesseln das Wohnzimmer voll."

Weitere Bauhaus-Mythen

Dieses Thema im Programm: MDR KULTUR - Das Radio | 14. Januar 2019 | 08:40 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 14. Januar 2019, 04:00 Uhr

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