Stadt- und Bergbaumuseum auf dem Untermarkt von Freiberg, 2001
Das Stadt- und Bergbaumuseum in Freiberg Bildrechte: dpa

Anbau in der Innenstadt Freiberg streitet um die richtige Architektur

Streit um Architektur in der Freiberger Altstadt: Seit der Entwurf für den Anbau am Stadt- und Bergbaumuseum veröffentlicht wurde, steht er in der Kritik – vor allem als zeitgenössische Architektur, die nicht in die Altstadt passe. Nun ruft auch noch eine Online-Petition aus Baden-Württemberg zum Protest gegen den Neubau auf, der bis zur Landesausstellung Sachsen 2020 fertig sein soll. Die Grube – gleich am Dom – ist schon ausgehoben. Allerdings gibt es auch Verteidiger des Entwurfs. Dass das moderne Bauen eher selten allgemeinen Zuspruch findet, ist nicht neu. Ist der Protest in Freiberg also ein ganz normaler Fall?

von Meinhard Michael, MDR KULTUR

Stadt- und Bergbaumuseum auf dem Untermarkt von Freiberg, 2001
Das Stadt- und Bergbaumuseum in Freiberg Bildrechte: dpa

Freiberg, wo Gottfried Silbermann wohnte und das Silber aus der Erde kam. Die Stadt glänzt mit stolzer Architektur aus Barock, Renaissance und Mittelalter. Unter den Augen Ottos des Reichen frustriert es etliche Bürger jetzt, was die Stadtregierung ihnen an neuer Architektur gerade organisiert hat.

Die erste Kritik lautet: ohne Wettbewerb. Dazu erklärt Baubürgermeister Holger Reuter: "Die Aufgabe, die wir hier zu lösen hatten, war eine relativ kleine Aufgabe, wofür sich ein Wettbewerb eigentlich so nicht angeboten hat."

Sehen und sofort beschließen

An sensibler Stelle gleich am Dom geht es um den neuen Eingangsbereich und um eine kleine Erweiterung für das Stadt- und Bergbaumuseum. Das erste Angebot sahen die meisten Stadträte erstmals in derselben Sitzung, in der sie es berieten und darüber zu beschließen hatten.

"Der erste Beschluss war ja Mitte 2017 gewesen – unter Ausschluss der Öffentlichkeit, weil alles letzten Endes nicht öffentlich verhandelt wird, bevor es überhaupt in den Stadtrat kommt", sagt Architekt Michael Milew von der Stiftung Baukultur. "Das heißt, man darf im Vorfeld auch gar nicht darüber reden."

Architektur für die junge Generation

Freiberger Dom
Das Bergbaumuseum liegt neben dem Dom in der Innenstadt Bildrechte: Otto Schröder

Neue Architektur rückt der Alten auf die Pelle. Erst die historische Entfernung homogenisiert, und dann wirkt nur das Neue als fremd. Im Freiberger Fall hatte zunächst die Denkmalpflege Einwände und verbot das Spitzdach. Varianten führten zur "Silbernen Pforte" – wobei die hier noch seriell-ornamentale Schrift in die Irre führt.

"Es ist angedacht, dass zwischen den beiden alten Domhäusern ein Kubus als Quader installiert wird mit einer Vorhangfassade installiert wird, indem das Wort Silber in mehreren Sprachen dargestellt wird“, erklärt Ronny Erfurt, Geschäftsführer des Büro phase 10. "Das soll sich einfach abheben von der altehrwürdigen Architektur, denn auch unsere Generation soll die Möglichkeit haben, ihren Anspruch auf Architektur darzustellen und umzusetzen."

Kritik: Bau sähe aus wie eine Moschee

Die Kommentare ließen nicht auf sich warten. Am meisten erregte auf dem Internetportal "Mein Freiberg", dass der Bau für den ersten Blick wie eine Moschee aussähe. Die Schriftfassade – ob nun sinnvoll oder nicht – konnte in Freiberg nicht verstanden werden, da die Stadtverwaltung, sagen wir, einen recht engen Begriff von "Öffentlichkeitsbeteiligung" hatte.

 "Wir haben eine Ideenfindung gehabt und ein Projektteam, das das bearbeitet hat, und dann ist natürlich alles sehr öffentlich, indem man das in den Stadtrat einbringt", sagt Baubürgermeister Holger Reuter, "der Stadtrat tagt öffentlich, da ist die ganze Geschichte dann auch öffentlich, und da ist der erste Entwurf vorgestellt worden im Rahmen eines Baubeschlusses".

Auch der Entwurf, den Sie jetzt sehen, ist im Stadtrat öffentlich diskutiert worden und dann letztendlich beschlossen.

Holger Reuter, Baubürgermeister

Bürgerbeteiligung unerwünscht

Doch scheint die kleine Öffentlichkeit des Stadtrates – vom Beschluss berichtet dann die Presse – den Frust erst erzeugt zu haben. Und ist das nicht tatsächlich ein merkwürdiger Begriff von "öffentlich", wenn stumme Besucher den Räten beim Beschluss zusehen dürfen? Bürgerbeteiligung jedenfalls war hier unerwünscht:

"Man kann das im Rahmen von Fachleuten diskutieren, die natürlich wissen, wie sie mit den Forderungen der Denkmalpflege umgehen können", sagt Reuter. "Wenn Sie das jetzt mit Außenstehenden diskutieren, die die fachliche Eignung dafür nicht haben, wird’s sehr schwierig."

Die späte Petition aus Baden-Württemberg, die von einer ehemaligen Freibergerin angeregt wurde, hat keine Chance, doch sie spiegelt auch die öffentliche Unkenntnis: Zu der Goldenen Pforte am Freiberger Dom eine Silberne Pforte zu bauen, ist eine sympathische Idee. Sie hätte manchen ästhetischen Frust besänftigt, wäre sie zuvor bekannt genug geworden.

Interesse erst nach dem Beschluss

Übrigens überfordert Bürgerbeteiligung vor den Entscheidungen oft auch die Seite, die später protestiert. "Das ist auch so symptomatisch, dass im Vorfeld das Interesse gar nicht da ist, sondern erst, wenn das Ergebnis da ist", sagt Michael Milew, Architekt der Stiftung Baukultur. "Das ist so eine grundlegende Geschichte, wo ich denke, dass man viel früher ansetzen muss und die Leute mitnehmen. Wenn man’s versteht, wie so ein Gebäude gedacht ist, wie es funktioniert, dann hat’s automatisch auch eine höhere Akzeptanz."

Fazit

Die Altstädte sind gut geschützt, anheimelnd und vertraut, sie lullen ein wie pränatales Badewasser. Doch hebt man den Kopf aus dem Traum, nervt modernes Zeug und Baulärm. Das ist so, es ist das eine. Das andere ist die repräsentative Demokratie in Zeiten von Internet und Petition. Sie muss viel mehr werben für ihre Entscheidungen. Tut sie es nicht, hat sie Unrecht und Facebook hat Recht, und das ist verheerend für "die da oben und die da unten".

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Dieses Thema im Programm: artour | 22. Februar 2019 | 22:05 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 22. Februar 2019, 04:00 Uhr

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