ARD-Themenwoche: #WieLeben? Jenaer Slam-Poet Friedrich Herrmann: Corona ist der größte anzunehmende kulturelle Unfall

Im vergangenen Jahr wurde Friedrich Herrmann zum deutschsprachigen Meister im Poetry Slam gekürt, doch seinen Erfolg auskosten konnte er nicht: Statt zehn bis zwanzig Live-Auftritte im Monat zu absolvieren, saß auch er ab März zu Hause, die Einnahmen brachen weg. Im Interview spricht der Jenaer über Lehren aus den vergangenen Monaten und verrät, wieso er in diesen Tagen manchmal gerne eine Schildkröte wäre.

MDR KULTUR: Der Lockdown im März hat Sie in einer sehr erfolgreichen Zeit erwischt. Ab wann war Ihnen klar, dass sich Ihr Leben grundlegend ändern wird?

Friedrich Herrmann: Vermutlich bereits zu dem Zeitpunkt, als die Leipziger Buchmesse abgesagt wurde. Ich wollte dort eigentlich mein Buch vorstellen, stattdessen füllte sich das Postfach mit lauter Absagen. Da habe ich gemerkt: Okay, da rollt was Großes auf uns zu, das ist ein Schlag in die Magengrube. Gleichzeitig war dieser erste Lockdown aber auch noch sehr aufregend. Ich hatte so ein Kribbeln im Bauch, weil die Zukunft ungewiss war. Und habe direkt angefangen, mit neuen Formaten zu experimentieren, etwa einen Podcast aufgelegt oder Texte vorgelesen, die mir Leute über Instagram geschickt haben.

Mittlerweile befinden wir uns im zweiten Lockdown, wieder wurden Veranstaltungen untersagt. Gehen Sie mittlerweile anders mit der Situation um?

Ja, total. Man weiß, was kommt und hat einfach keine Lust drauf. Ich hatte vor der Pandemie zehn bis zwanzig Live-Auftritte im Monat und habe das wirklich gerne gemacht. Zudem hatte ich gerade erst meinen ersten Solo-Abend entwickelt. Mittlerweile schreibe ich aber schon am Zweiten, einfach, um mich sinnvoll zu beschäftigen. Der November gilt ja traditionell als "Novel-Writing-Month", wo man die triste Jahreszeit einfach nutzt, um ein großes Projekt anzuschieben. Und genau das mache ich jetzt. Ich probiere keine virtuellen Formate mehr aus. Denn Geld verdiene ich damit auch nicht.

Ihre Einnahmeausfälle sind enorm – was macht das mit Ihnen, können Sie noch ruhig schlafen?

Mein Schlaf ist mir heilig … und ja, ich schlafe noch gut. Vor allem deswegen, weil ich in den vergangenen Jahren auf meinen Steuerberater gehört habe und Rücklagen gebildet habe. Wenn ich nicht von ihnen zehren würde, wäre ich vermutlich schon drauf und dran, mir einen anderen Job zu suchen. Diese Pandemie ist wirklich der größte anzunehmende kulturelle Unfall.

Friedrich Herrmann
Friedrich Herrmann holte 2019 den Titel "deutschsprachiger Meister im Poetry Slam". Bildrechte: Christoph Worsch

So habe ich mich jetzt ein bisschen in meinen Panzer zurückgezogen, und warte einfach ab. Ich bin tatsächlich auch Schildkrötenbesitzer, und diese Metapher funktioniert für mich ganz gut: Arme, Füße, Kopf einziehen und warten, bis der Sturm vorübergezogen ist.

Ich glaube tatsächlich, dass es ein sehr harter Winter werden wird. Gerade in diesen Monaten sind Kulturveranstaltungen ja auch Angebote, wo die Leute hingehen, um sich die Zeit erträglicher zu machen. Und das fällt alles weg.

Welche Lehren ziehen Sie denn aus dieser Zeit? Wird sie langfristig etwas verändern?

Da bin ich mir unsicher. Natürlich hoffe ich, dass ich beruflich irgendwann wieder zum früheren Alltag zurückkehren kann, vielleicht im nächsten Herbst.

Bei mir persönlich hat sich auf jeden Fall die Erkenntnis stark gemacht, dass so etwas wie ein Rhythmus mir sehr guttut. Früher haben meine Auftritte jegliche Struktur zerfleddert, ich hatte immer nur sehr unregelmäßig Zeit. Aber seit März pflege ich Rituale, Dienstagabend habe ich mich in den letzten Monaten beispielsweise immer zum Trashfilm-Abend verabredet. Ich glaube, Teile dieser neuen Gewohnheiten werden auch überleben.

Also hat all das am Ende auch etwas Gutes?

Das würde ich so nicht sagen. Aber – diese Pandemie wird wohl nicht die letzte Ausnahmesituation sein, die wir in unserem Leben bewältigen müssen. Insofern ist sie vielleicht eine gute Übung für Dinge, die kommen werden. Wenn man beispielsweise auf das Klimaproblem schaut: Hier beklagen viele Aktivisten ja, dass wir den Klimawandel noch nicht wie eine Krise behandeln. Und Corona haben wir wie eine Krise behandelt. Vielleicht ist das jetzt also eine Art Feueralarm, mit dem wir uns für andere größere Aufgaben vorbereiten.

Die Fragen stellte Mareike Wiemann für MDR KULTUR.

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Dieses Thema im Programm: MDR KULTUR - Das Radio | 17. November 2020 | 08:40 Uhr