Premiere So geht Oper: "Ariadne auf Naxos" in Weimar

Bei dieser Inszenierung der Strauss-Oper nach antikem Stoff scheint alles zu stimmen. Regisseur Martin G. Berger hat die Geschichte für heute neu erzählt, stoppt manchmal das Orchester, um Kommentare in die Originalhandlung einzufügen. Das Ensemble glänzt. Großen Jubel gab es nach der Premiere im Deutschen Nationaltheater Weimar. Und auch unser Kritiker Uwe Friedrich zeigt sich begeistert.

Szenenfoto mit Ylva Stenberg (Zerbinetta) und Camila Ribero-Souza (Ariadne) in der Bildmitte
Das Original-Libretto der Strauss-Oper stammt von Hugo von Hofmannsthal Bildrechte: Candy Welz

Ariadne sitzt auf einer einsamen Insel rum, trauert glücklicheren Tagen nach und wünscht den Tod herbei. Der Felsen, auf dem sie haust, sieht in Sarah-Katharina Karls Bühnenbild genauso aus, wie Richard Strauss und sein Librettist Hugo von Hofmannsthal sich das um 1916 wohl vorgestellt haben: Viel bemaltes Pappmaschee, dahinter ein Seestück mit dramatischen Wellen, die wunderbare Sopranistin Camila Ribero-Souza steckt als Ariadne in einem weißen Wallegewand und jammert ganz hinreißend vor sich hin.

Um auf diesen Felsen zu kommen, musste sie allerdings erstmal eine ihrer Begleiterinnen mit Pistolenschüssen vertreiben, die sich frech auf ihren Platz gesetzt hatte. So schwach und verpeilt ist die Sitzengelassene auf Naxos also gar nicht, das macht Regisseur Martin G. Berger schnell deutlich.

Schon im Vorspiel zur Oper hat er alle Beteiligten auf eine Zeitreise geschickt. Die Querelen um die bestellte Festoper für den reichsten Mann der Stadt inszeniert er als virtuose Türenkomödie vor dem Orchestergraben. Das selbstreferenzielle Spiel um Künstlereitelkeiten und die aufblühende Liebe zwischen dem Komponisten und der Komödiantin Zerbinetta wird von einer Dada-Schauspielertruppe kommentiert, schließlich entstand auch diese Kunstform zur gleichen Zeit wie die Oper "Ariadne auf Naxos". Und um Gleichzeitigkeit des Geschehens geht es dem Regisseur Martin G. Berger.

Szenenfoto mit Marlene Gaߟner (Dryade), Camila Ribero-Souza (Ariadne), Heike Porstein (Najade) und Emma Moore (Echo)
Regisseur Martin G. Berger nutzt die Bühne in Vorder- und Hintergrund unterschiedlich Bildrechte: Candy Welz

Nach der Pause bleibt ein Teil des Publikums in den Foyers des Deutschen Nationaltheaters Weimar, während im Großen Saal die Vorstellung weitergeht. Draußen gibt es Jazzstandards und eine Operettenparodie, zudem verliest Zerbinetta ein feministisches Manifest.

Alte Geschichte für heute neu erzählt

Immer wieder hält Dirigent Dominik Beykirch die Musik an, dort wo sie ohnehin fast zum Stillstand kommt, und es werden Kommentare hinzugefügt. Kompositionslehrer und Haushofmeister machen sich beispielsweise auf die Suche nach ihren Rollen und finden den Briefwechsel von Strauss und Hofmannsthal, was wiederum den Komponisten in eine tiefe Genderkrise stürzt, denn er merkt erst jetzt, dass er eigentlich eine Frau ist.

Im Schauspiel sind solche Hinzufügungen und Stückkommentare schon lange üblich, in der Oper ist das schwieriger und funktioniert längst nicht bei jeder Partitur. Wenn aber ein Werk so brüchig und selbstreferenziell ist wie "Ariadne auf Naxos", dann noch ein gleichermaßen unternehmungslustiger und stilsicherer Dirigent wie Dominik Beykirch und ein ebenso phantasievoller wie dann doch skrupelbehafteter Regisseur wie Martin G. Berger zusammenkommen, macht das ungeheuer viel Spaß und bringt lustvollen Erkenntnisgewinn. Denn was heißt Theater anderes als eine alte Geschichte für heute neu zu erzählen?

Naxos wird zum Restaurant

Schon Strauss und Hofmannsthal hielten sich nicht an die antike Überlieferung, sondern setzten vollkommen neue Akzente. Berger lässt nun Ariadne und Zerbinetta die Rollen tauschen, im Videocasting setzt sich der Komponist als neuer Bacchus durch. Die beiden treffen sich im Restaurant Naxos, direkt neben dem U-Bahneingang "Wüste Insel" und landen schließlich im Bett, immer von einem Filmteam begleitet.

Vorne auf der Bühne spielt sich das gleiche Handlungsmuster mit Sopran und Tenor im antiken Gewand ab, die Musik der Oper bleibt unangetastet. Wieder eine Gleichzeitigkeit, diesmal zwischen erfundenem Opernmythos von 1916 und heute.

Szenenfoto mit Ylva Stenberg (Zerbinetta) und Camila Ribero-Souza (Ariadne)
Ylva Stenberg (links, Zerbinetta) und Camila Ribero-Souza (Ariadne) Bildrechte: Candy Welz

Exzellentes Ensemble

Das Ganze ist kurzweilig, sehr lustig und mitunter überraschend anrührend, denn zu jeder Zeit kommt die Musik zu ihrem Recht mit einem exzellenten Ensemble. Camila Ribero-Souza hat unzählige Farben für die Seelenzustände der Titelheldin zur Verfügung, Ylva Stenbergs Zerbinetta lässt mühelos die höchsten Koloraturtöne glitzern und Ric Furman hat nicht nur die nötigen Trompetentöne für den Bacchus, sondern spielt auch den gebrochenen Gott des Librettos, den Richard Strauss nicht vertont hat. Grandios ist auch Sayaka Shigeshimas Komponist, sehr beweglich in Stimme und Spiel der Harlekin von Äneas Humm.

Immer geht es dabei um Begehren und Lust, das machen auch Dominik Beykirch und die Weimarer Staatskapelle deutlich. Und wenn zum utopischen Schluss mit der Überwältigungsmusik die wild gemischten Paare jeweils unter ihren Bettdecken verschwinden, ist die Botschaft klar: Leute, probiert mal was aus. Und wenn’s schiefgeht, dann findet sich schon ein anderer Bacchus oder eine Ariadne, eine Zerbinetta oder ein Komponist, der vielleicht sogar eine Komponistin ist. Alles nicht so wild, seid großzügig, teilt miteinander, was ihr habt. Großer Jubel im Deutschen Nationaltheater Weimar.

Zur Oper "Ariadne auf Naxos"
Oper in einem Aufzug nebst einem Vorspiel von Richard Strauss
Libretto von Hugo von Hofmannsthal

Deutsches Nationaltheater Weimar, Großes Haus
ab 16 Jahren

Martin G. Berger (Regie)
Musikalische Leitung: Dominik Beykirch

Weitere Aufführungen
Fr 13.03.2020 // 19.30 Uhr
So 29.03.2020 // 16.00 Uhr
Sa 11.04.2020 // 19.30 Uhr
Sa 18.04.2020 // 19.30 Uhr
Sa 02.05.2020 // 19.30 Uhr

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Dieses Thema im Programm: MDR KULTUR - Das Radio | 08. März 2020 | 13:15 Uhr

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