Buchvorstellung Armin Nassehis "Muster" will Blick auf die Digitalisierung verändern

Die Digitalisierung wird von vielen Menschen als Bedrohung wahrgenommen – eine Art Kolonialmacht, die über die Gesellschaft gekommen ist und diese in ihren Grundfesten erschüttert. Man kann es aber auch ganz anders sehen, meint der Soziologe Armin Nassehi, Professor an der Ludwig-Maximillians-Universität München. Mit seinem Buch "Muster. Theorie der Digitalisierung" will er einen neuen Blick auf die Digitalisierung schaffen und ist damit für den Preis der Leipziger Buchmesse nominiert.

Armin Nassehi: Muster. Theorie der digitalen Gesellschaft
Cover des Buches "Muster" von Armin Nassehi Bildrechte: C. H. Beck

Dieses Buch provoziert. Ob in Sachen Datenschutz, Plattformökonomie, Hatespeech oder Künstliche Intelligenz: Seit Jahren suchen Wissenschaftler nach Ansätzen, wie man mit der Digitalisierung umgehen soll. Doch Armin Nassehi findet all die Forschung oberflächlich – nennt sie eine Mischung aus "kritischer Attitüde und alltagsnaher Beschreibung".

Dem "Problem" auf der Spur

Was den Soziologieprofessor stört, ist, dass die digitale Technologie bisher als "ein Thema unter anderen auf die moderne Gesellschaft appliziert" und damit als bereits existent vorausgesetzt werde. Er wolle tiefer bohren. Nassehi sagt: "Was ich versuche, das ist schon so eine Idee zu entwickeln, warum eigentlich diese Technik in dieser Gesellschaft so erfolgreich ist. Ich habe eine techniksoziologische Intuition, nämlich dass Techniken sich nur dann durchsetzen können, wenn sie ganz offensichtlich einen Nerv der Gesellschaft treffen. Ich nenne das, wenn sie ein Problem lösen. Und diesem Problem bin ich auf der Spur." Denn danach werde nicht einmal gefragt, kritisiert Armin Nassehi.

Armin Nassehi
Nominiert für "Muster. Theorie der Digitalisierung" in der Kategorie "Sachbuch": der Soziologe Armin Nassehi Bildrechte: dpa

Genau diese Leerstelle will der Soziologieprofessor mit seiner "Theorie der digitalen Gesellschaft" füllen und damit nichts weniger als einen Perspektivwechsel herbeiführen. Das gelingt ihm auch. Schon die Antwort auf die Frage, welches Problem die Digitalisierung eigentlich löst, überrascht: "Ich behaupte ja, – das ist in der Tat eine steile These – dass die moderne Gesellschaft eigentlich schon im 19. Jahrhundert, bevor es Digitaltechnik gab, eine digitale Gesellschaft war. Die Komplexität der Gesellschaft ist gestiegen, durch die Entstehung der Nationalstaaten, durch Urbanisierung, durch die Verbetrieblichung des Kapitalismus wie wir das gerne nennen, durch Entstehung von Verwaltungen, durch Sozialplanung und ähnliche Geschichten. Diese Komplexität hat sich unter anderem darin gezeigt, dass man sich auf die früheren einfachen analogen Wahrnehmungsformen nicht mehr so richtig verlassen konnte." Genau hier habe die Digitalisierung angesetzt.

"Dritte Entdeckung der Gesellschaft"

In einem profunden Rückblick zeigt Armin Nassehi, wie bereits im 19. Jahrhundert mithilfe von Sozialstatistiken Verhaltensmuster und Regelmäßigkeiten entdeckt wurden. Die Digitalisierung habe diese Datenanalyse schlicht perfektioniert und – nach der Entstehung der Nationalstaaten und der Moderne – zu einer "dritten Entdeckung der Gesellschaft" geführt. Die Komplexität der gesellschaftlichen Moderne sei dadurch erst sichtbar geworden.

Die moderne Gesellschaft war schon im 19. Jahrhundert, bevor es Digitaltechnik gab, eine digitale Gesellschaft.

Armin Nassehi, Soziologe und Autor

Dass diese Errungenschaft gleichzeitig zu neuen Problemen – oder, wie es soziologisch heißt – zu "Störungen" führt, verschweigt Nassehi nicht. Akribisch listet er die altbekannten Herausforderungen auf. Für deren Bewältigung brauche es aber "intelligentere Steuerungs- und Beobachtungsformen" als bisher. Zuallererst einen neuen Blickwinkel: Wer die Digitalisierung als "Kolonialmacht" begreife und vor Kontrollverlust warne, verfehle sie schlicht. Denn genutzt werde die Technik trotzdem. Für wichtiger hält es Nassehi deshalb, die Eigendynamik der digitalen Technik verstehen und gestalten zu lernen.

Das Beispiel Datenschutz-Grundverordnung

Wie kompliziert das ist, macht der Soziologe am Beispiel der Datenschutz-Grundverordnung deutlich. Eigentlich halte er die für eine "geniale Sache", doch die Praxis sehe ganz anders aus. Nassehi erklärt: "Die Datenschutz-Grundverordnung ist eine rechtliche Form, die uns dazu bringt, wenn wir eine neue App einrichten oder wenn wir irgendwo gespeichert werden, zuzustimmen, dass wir dort gespeichert sind. Schon haben wir eine rechtliche Form dafür, dass man mit unseren Daten mehr machen kann, als wir eigentlich wissen können." Das rechtliche Problem sei damit gelöst, das technische aber nicht, so der Soziologe. "Ich habe jetzt auch keine Lösung für das Problem. Aber ich kann zumindest zeigen, dass die rechtliche Regulierung dieser Geschichte noch keineswegs dazu führt, dass die Handlungen sich dazu prinzipiell verändern."

Hier mit Analysen weiterzuhelfen, sieht Armin Nassehi seine eigene Zunft in der Pflicht. Er wünscht sich gar eine "Wiedergeburt der Soziologie". Sein Buch ist die beste Empfehlung dafür. Wichtig wäre aber, dann auch kritisch Herrschaftsfragen in den Blick zu nehmen. Darauf hat Armin Nassehi bedauerlicherweise in diesem Buch verzichtet.

Angaben zum Buch Armin Nassehi: "Muster"
352 Seiten, gebunden
ISBN: 978-3-406-74024-4
C.H. Beck

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Dieses Thema im Programm: MDR KULTUR - Das Radio | 27. Februar 2020 | 18:50 Uhr

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