Inger Nilsson als Pippi Langstrumpf.
Inger Nilsson als Pippi Langstrumpf im ersten Pippi-Film 1969. Bildrechte: imago/EntertainmentPictures

Vor 75 Jahren Astrid Lindgren rutscht aus und schreibt Pippi Langstrumpf

von Thomas Hartmann, MDR KULTUR

Inger Nilsson als Pippi Langstrumpf.
Inger Nilsson als Pippi Langstrumpf im ersten Pippi-Film 1969. Bildrechte: imago/EntertainmentPictures

Zwei Polizisten sind auf der Flucht vor Pippi Langstrumpf. Doch das Fluchtauto bewegt sich kein Stück. Die Räder drehen und drehen sich, berühren aber nicht den Boden. Wie auch, wenn Pippi das Auto hochhebt. Für das Mädchen mit dem möhrenroten Haar und den Bärenkräften eine Kleinigkeit. Wer sollte das besser wissen als Astrid Lindgren. Die Schöpferin von Pippilotta Viktualia Rollgardina Schokominza Efraimstochter Langstrumpf, die statt Schokominza auch Pfefferminz heißt. Das ist verschieden eingedeutscht worden.

Zunächst Geschichten am Krankenbett

Pippi Langstrumpf wird während einer Lungenentzündung geboren. Astrid Lindgrens Tochter Karin liegt 1941 krank im Bett, also denkt sich die Mutter Geschichten aus, um sie zu unterhalten.

Die berühmte schwedische Kinderbuchautorin Astrid Lindgren.
Die schwedische Kinderbuchautorin Astrid Lindgren. Bildrechte: dpa

Und dann sagte ich an einem Abend: Was soll ich denn erzählen? Erzähl mir von Pippi Langstrumpf. Sie erfand den Namen in diesem Augenblick, und ich fragte nicht, wer ist Pippi Langstrumpf, sondern ich fing an, von einem Mädchen zu erzählen, das zu diesem Namen passen könnte und danach wollte sie nichts anderes hören als von Pippi Langstrumpf. Jeden Abend.

Astrid Lindgren, Schrifstellerin

Fantasievoll, neugierig, frech, Vorschriften wie Autoritäten ignorierend, geradezu anarchistisch - das sind einige Qualitäten, mit denen Astrid Lindgren ihre Bewohnerin der Villa Kunterbunt ausstattet. Nur, abgesehen von Karin und einigen ihrer Mitschülerinnen hätte wohl niemand etwas von Pippi erfahren, wenn Astrid Lindgren im März 1944 keinen Unfall erlitten hätte.

Ich rutschte im Schnee aus und verstauchte mir den Fuß und musste eine Zeit lang im Bett liegen. Was macht man dann, wenn man sehr gut stenographieren kann. Man schreibt ein Buch.

Astrid Lindgren, Schrifstellerin

Fantasie, die provoziert

Pippi Langstrumpf
Pippi macht Sachen, die "normale" Kinder nicht machen. Bildrechte: IMAGO/United Archives

Das Pippi Langstrumpf-Buch soll zunächst nicht mehr sein als ein Geburtstagsgeschenk für Karin. Doch dann schickt es Astrid Lindgren bei einem Preisausschreiben ein, es gewinnt und damit beginnt der Siegeszug Pippis und ihrer Schöpferin. Aber bei allem Erfolg, sie treten in Scharen auf: die Bedenkenträger, die Warnenden, die die Werte in Frage gestellt sehen und das Buch als Provokation empfinden. Einer ihrer Wortführer: der Psychologie- und Pädagogik-Professor John Landquist.

Kein normales Kind isst eine ganze Sahnetorte während eines Kaffeekränzchens auf, es läuft auch nicht barfuß auf ausgestreutem Zucker herum. Aber beides erinnert an die Fantasien einer Geisteskranken oder an krankhafte Zwangsvorstellungen.

John Landquist, Psychologie- und Pädagogik-Professor

Schreiben für eine behütete Kindheit

Pippi Langstrumpf mit riesigem Schneeball
Pippi Langstrumpf haut nichts so schnell um. Bildrechte: imago/United Archives

Dieser Widerstand haut weder Pippi um noch Astrid Lindgren. Weitere Abenteuer Pippis erscheinen, und Astrid Lindgren hat über das Schreiben des Pippi-Buches ihre eigentliche Berufung entdeckt: "Es ist schwer, ein Mensch zu sein, nicht wahr. Und das muss es vielleicht sein. Aber ich finde, dass unschuldige kleine Kinder glücklich und geborgen sein sollten, zumindest so lange sie Kinder sind. Ich schreibe, um zu vergessen, dass es leider nicht immer so ist."

Dieses Thema im Programm: MDR KULTUR - Das Radio | Kalenderblatt | 27. März 2019 | 06:40 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 28. März 2019, 09:43 Uhr

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