"Letzte Generation" "Bilderstürmer": Attacken auf Kunstwerke sind in der Geschichte nichts Neues

Die Klimaproteste der "Letzten Generation" sorgen aktuell für viel Aufmerksamkeit. Als sich Mitglieder der Gruppe im August am Rahmen der Sixtinischen Madonna in Dresden festgeklebten, entfachten sie hitzige Debatten über die Form des Protestes. Viele reagierten entsetzt und fragen sich seitdem: Heiligt der Zweck die Mittel? Ein Blick in die Historie zeigt jedoch, dass Attacken auf Kunstwerke eine lange
Geschichte haben, auch in Sachsen, Sachsen-Anhalt und Thüringen. Wenn Kunst nicht mehr "ins Bild" passte, wurden die "Bilderstürmer" der Reformation in Wittenberg ebenso übergriffig wie 2022 jene Aktivisten im Leipziger Völkerkundemuseum, die eine Stele zerstörten.

Aktivist der "Letzten Generation" nach einer Attacke auf ein Gemälde von Gustav Klimt
Die "Letzte Generation" ist in der Vergangenheit vermehrt mit Aktionen gegen Gemälde aufgefallen. Bildrechte: IMAGO/aal.photo

Die Geschichte der "Bilderstürmer" reicht bis in die Reformation zurück. Und, um es gleich vorwegzunehmen: Luther war dagegen! Auch er stand der Kunst, den Bildern, von denen die Kirchen damals überquollen, skeptisch gegenüber, waren sie mit dem Ablasshandel eng verbunden. Jedoch, Heiligenbilder und Ikonen zu zerstören, wie es andere Reformatoren, Calvin, Zwingli oder in Wittenberg Luthers Weggefährte Karlstadt, befürworteten, konnte aus Luthers Sicht nicht gut fürs Seelenheil sein.

Porträt von Andreas Rudolf Bodenstein Karlstadt (ca.1480-1541) mit Zerstörung religiöser Bilder im Hintergrund
Der Radikalreformer Andreas Bodenstein, alias Karlstadt. Im Hintergrund ist die Zerstörung religiöser Bilder zu sehen. Bildrechte: imago images / Photo12

Der Radikalreformer Andreas Bodenstein alias Karlstadt war in der Sache anderer Meinung. Er veröffentlichte 1522 sein Traktat "Von abtuhun der Bylder“. Die Schrift liest sich wie eine Aufforderung zum revolutionären Tanz. Verbrennungen eingeschlossen.

Auch zu DDR-Zeiten: viele Döbelner Denkmale zerstört

Die Methode des "Denkmalschleifens" war in Deutschland schon immer sehr beliebt. Verschollen, versetzt, vergessen. Vermodert, verkippt oder ganz offiziell, laut Polizeiakten, geklaut – das sind Schicksale, die auch Döbelner Denkmale in den letzten 150 Jahren ereilten. Kriege und Machtwechsel wurden genutzt, um die Zeitzeugnisse der jeweils ungeliebten Vergangenheit zu vernichten. Ein Obelisk mit den 17 Namen gefallener Soldaten im Deutsch-Französischen Krieg wurde in Döbeln erst zweimal umgesetzt, dann 1976 an Ort und Stelle vergraben, ein weiteres Kriegerdenkmal von NVA-Soldaten abgerissen und an der Mauer des Krematoriums untergepflügt.

Witterte sie auch nur den Ungeist des Militarismus', wurde die DDR rabiat. Das meterhohe Lenin-Sandstein-Denkmal auf dem Käthe-Kollwitz-Platz – heute wieder Wettinplatz – lagerte man indessen nach der Wende im Bauhof der Stadt ein. Viele Denkmale stehen heute übrigens genau an der Stelle, an der ihre Vorgänger geschliffen wurden.

Kolonialismus-kritischer Bildersturm: das GRASSI Museum für Völkerkunde zu Leipzig

Auch unabhängig von der "Letzten Generation" wird die Zerstörung von Kunstwerken als Protestform gewählt. Erst im März diesen Jahres haben Aktivisten in einer künstlerischen Intervention die denkmalgeschützte Stele der Büste des einstigen Museumsdirektors Karl Weule im Leipziger Völkerkundemuseum mit Hammer und Presslufthammer zerstört.

Karl Weule war der zweite Museumsdirektor des Hauses, der maßgeblich am Sammlungsaufbau mitwirkte. Zudem ist er als Gründer der Universitätsethnologie in Leipzig bekannt. Kolonialismuskritiker beleuchten heute vor allem Karl Weules Schattenseiten, kritisieren seine Sprache sowie die Umstände des Erwerbs von Ausstellungsstücken, und schrecken dabei auch vor verfälschenden Verkürzungen von Zitaten nicht zurück. Das erschwert einen ausgewogenen Gesamtblick auf Weules Schaffen im Kontext seiner Zeit.

Vorbilder der "Letzten Generation": die britischen Suffragetten

Geistige Vorläuferinnen der "Letzten Generation" sind unter anderen die Suffragetten, radikalisierte, britische Frauenrechtlerinnen Anfang des 20. Jahrhunderts. Für die Sache des Frauenwahlrechts schreckten sie vor Attentaten nicht zurück – ebenso wie jene Bilderstürmer, die sich am 23. August im Dienste des Klimaschutzes an den vergoldeten Rahmen der Sixtinischen Madonna klebten.

Zwei Umweltaktivisten  stehen in der Gemäldegalerie Alte Meister an dem Gemälde Sixtinische Madonna von Raffael.
Protest im Museum: Zwei Umweltaktivisten der Gruppe "Letzte Generation" klebten sich in der Gemäldegalerie Alte Meister an der Sixtinischen Madonna von Raffael fest. Bildrechte: dpa

Die britische Frauenrechtlerin Mary Richardson kam indessen am 10. März 1914 mit der Axt in die Nationalgalerie in London. Sieben Mal hub sie auf das Schutzglas des berühmten Gemäldes "Venus vor dem Spiegel" von Diego Velazquez ein, was auch die Leinwand samt Venus zerstörte. Erst 1928 erhielten übrigens Frauen in Großbritannien das gleiche Wahlrecht wie Männer. Es war vor allem der Verdienst jener Frauen, sind sich die Historiker einig, die sich auf nichtmilitante Weise dafür einsetzten.

Redaktionelle Bearbeitung: Lilly Günthner

Dieses Thema im Programm: MDR KULTUR - Das Radio | 05. Dezember 2022 | 07:10 Uhr

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