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Nur echt mit Flachdach: eines der Meisterhäuser in Dessau Bildrechte: imago/Rainer Weisflog

Architektur-Mythen des Bauhauses

Das Bauhaus-Flachdach: Fortschritt oder Fetisch?

von Andreas Höll, MDR KULTUR-Redakteur für Bildende Kunst und Architektur

Stand: 14. Januar 2019, 04:00 Uhr

Vor 100 Jahren wurde das Bauhaus gegründet, die berühmteste Kunst-Schule der Moderne. Dieses Jubiläum wird 2019 vor allem in Sachsen-Anhalt, Sachsen und Thüringen groß gefeiert. Das Bauhaus hat unseren Blick auf Design und Architektur radikal verändert. Ohne dabei die historische Leistung dieser Avantgardebewegung schmälern zu wollen, gab es aber auch Widersprüche zwischen den Design-Idealen und der Realität. Ein Merkmal der Bauhaus-Architektur ist beispielsweise das Flachdach. Es steht für Modernität, macht aber bis heute Probleme.

Die Architektur des Bauhauses ist geprägt von dem Konzept der Kiste. Das können elegante Würfel sein wie die Meisterhäuser in Dessau – oder die kompakten Klötze im Stadtteil Törten. Vor allem aber ist die Architektur des Bauhauses ein Bekenntnis zum Flachdach.

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Fortschritt oder Fetisch?Architektur-Mythen des Bauhauses: Das Flachdach

Das Bauhaus löst einen "Dächerstreit" aus

Und das Flachdach war zugleich auch eine hochpolitische Angelegenheit, als Walter Gropius die Dessauer Arbeitersiedlung plante. Denn mit einem Mal gab es einen Proteststurm der örtlichen Handwerker, erklärt Philipp Oswalt, Architekturhistoriker und früherer Direktor des Bauhauses in Dessau:

"Bei den Handwerkern war einfach ganz klar, wenn man so ein flaches Dach baut, das ist eine ganz andere Konstruktion, man braucht keinen Zimmermann, man braucht keinen Dachdecker mehr". Das habe "natürlich auch an den wirtschaftlichen Interessen des Dachdeckerhandwerks und der Zimmerleute" gekratzt.

Flachdach contra Satteldach – der Konflikt wurde in den 20er-Jahren in aller Schärfe ausgetragen – und das nicht nur in Dessau. Denn im gesamten Reich tobte plötzlich der sogenannte Dächerstreit – und der wurde dann auch ausgefochten mit eigenen Siedlungen, erzählt Oswalt.

Es gibt sowohl in Berlin wie in Stuttgart sozusagen Siedlung und Gegensiedlung. In Berlin-Zehlendorf einerseits von Bruno Taut 'Onkel Toms Hütte' mit Flachdach und dann die Gegensiedlung dazu im konservativen Stil mit Satteldächern.

Philipp Oswalt, Architekt und früherer Direktor Bauhaus in Dessau

Das Flachdach als "funktionaler Albtraum"

Walter Gropius kämpfte im "Dächerstreit" hartnäckig für das Flachdach Bildrechte: imago/United Archives International

Konservative gegen Avantgardisten: Der "Dächerstreit" nahm die Züge eines Glaubenskriegs an – und die Bauhäusler warfen sich natürlich wagemutig in die Schlacht, so Oswalt weiter. "Die Modernisten wie Walter Gropius verkauften die flachen Dächer als Konsequenz des modernen funktionellen Bauens: einfach herzustellen, billiger, funktionaler."

Doch die Wirklichkeit habe anders ausgesehen: Natürlich seien Dachräume auch immer ein "Pufferraum gewesen, wo man Dinge lagern kann, Wäsche trocknen kann, Kinder spielen". Insofern sei der Dachstuhl kein überflüssiges Anhängsel.

Beim Flachdach verlor man einen wichtigen Speicherraum. Doch darüber hinaus war es ein funktionaler Albtraum. Zum einen gab es Probleme mit der Wärmedämmung, zum andern konnte das Wasser schlecht abfließen, erklärt Werner Möller, Architektur-Experte vom Bauhaus Dessau: "Das hat natürlich auch immer konstruktive Probleme mit sich gebracht, also entweder mit Innenentwässerung oder Außenentwässerung, und die haben wir auch heute noch, wie bei den Meisterhäusern."

Ästhetik schlägt Funktionalität

Denn die haben eine sehr verschachtelte Dachlandschaft mit verschiedenen Entwässerungen, "und das ist heute eine große Herausforderung für die Denkmalpflege und die Sanierung dieser Gebäude, diese alten Fehler zu beseitigen und aber auch gleichzeitig nicht durch Veränderungen das ästhetische Bild zu verändern", so Möller.

Das Flachdach war nicht funktional, aber die Modernisten hielten eisern daran fest – und zwar aus ästhetischen Gründen. Für sie war es das Symbol des Fortschritts, und diese Ideologie wirft ihre Schatten bis in die Gegenwart, weiß Architekturprofessor Philipp Oswalt:

Wenn man jetzt an Architekturfakultäten schaut und da unterrichtet und auch mit Studenten spricht, auch heute gilt es so, dass ein Satteldach degoutant ist, das kann man nicht machen, das gilt als rückschrittlich, als völlig out.

Philipp Oswalt, Architekturprofessor an der Uni Kassel

Aus Oswalts Sicht gibt es dafür keine rationalen Argumente: "Das ist sehr erstaunlich, wie diese Ideologisierung auch noch 80 Jahre später so vehement fortwirkt."

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Dieses Thema im Programm:MDR KULTUR - Das Radio | 14. Januar 2019 | 08:40 Uhr