Weltgeschichte vor der Haustür Dinosaurier am Thüringer Bromacker: Bei den Verwandten zu Besuch

Der Bromacker im Thüringer Wald zwischen Tambach-Dietharz und Georgenthal ist berühmt für Ursaurier-Funde. Ein Jahrzehnt lang ruhten die Ausgrabungen, doch im August 2021 förderte ein Team von 30 Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern Erstaunliches zutage: Dazu zählten neben Schädeln und Teilskeletten auch Abdrücke versteinerter Pflanzen und kleiner wirbelloser Tiere. Derzeit werden die Funde erforscht und präpariert, nicht nur für die Wissenschaft. Archäologie-Fans sollen künftig in einem "Bromacker Lab" die Ursaurier als unsere entfernten Verwandten entdecken können. Vor Ort soll außerdem eine Besucherplattform entstehen.

Pflanzenfresser Orobates pabsti holotype
Der Ursaurier Orobates pabsti, ein Pflanzenfresser aus dem Perm vor 295 Millionen Jahren, gefunden im Bromacker Bildrechte: Thüringer Landesamt für Denkmalpflege und Archäologie / Stiftung Schloss Friedenstein Gotha / Foto: Stephan Brauner

Der erste Zweibeiner war ein Thüringer und hörte auf den Namen "Eudibamus cursoris". Ein Ursaurier. Gelebt hat er vor 290 Millionen Jahren auf dem Urkontinent Pangäa auf einer Hochebene nahe des Äquators. Heute ist die einstige Hochebene ein Teil des Bromackers bei Tambach-Dietharz nahe Gothe und gehört zu den bedeutendsten Fundstätten von Ursauriern, den ersten Wirbeltieren, die das Land eroberten.

Ursaurier-Funde im Bromacker: Entfernte Verwandte?

Modell Eudibamus von Peter Mildner
Der erste Zweibeiner: Modell Eudibamus von Peter Mildner Bildrechte: Stiftung Schloss Friedenstein Gotha

Auf dem Bromacker findet man beides: die im Wasser lebenden Urzeit-Amphibien und die ersten landlebenden Reptilien, Urzeitsaurier genannt. Deutlich kleiner als ihre populären Nachfahren, die Dinosaurier. Doch von den Ursauriern führt nicht nur eine Entwicklungslinie über die Dinos zu den heutigen Reptilien und Vögeln, sondern auch zum Menschen, wie Grabungsleiter Professor Jörg Fröbisch vom Berliner Naturkundemuseum zu den sogenannten Synapsiden erklärt:

Das ist die Evolutionslinie der Säugetiere: Wir finden am Bromacker Vertreter sowohl unserer eigenen Vorfahren als auch von Vorfahren der Dinosaurier. 290 Millionen Jahre alt, aber gut erhalten

Jörg Fröbisch Grabungsleiter
Bromackergrabung 2008
Ausgrabungen auf dem Bromacker, 2008 Bildrechte: Thüringer Landesamt für Denkmalpflege und Archäologie / Stiftung Schloss Friedenstein Gotha / Foto: Kerstin Fohlert

Solche Ursaurier wurden sonst nur noch in den nordamerikanischen Rocky Mountains entdeckt. Das Gebiet des heutigen Thüringens und Nordamerika waren vor rund 290 Millionen Jahren Teil des Riesenkontinents Pangäa. Allerdings haben die Knochen vom Bromacker die Jahrmillionen oft besser überdauert, weil feinere Sedimente sie bedeckten. Und nicht nur die Skelette blieben erhalten, sondern auch Fußspuren.

Erste Entdeckungen im Bromacker vor 150 Jahren

Pia Kain präpariert einen Fund vom Bromacker.
Präparation eines Fundes Bildrechte: Susanne Hörr

Mit ihnen fing vor über 150 Jahren die Entdeckung des Bromackers an. 1848 schreibt Bernhard von Cotta, er habe in einem Steinbruch bei Friedrichroda "ziemlich deutliche Fuss-Eindrücke eines vierzehigen Thieres" gefunden. 1974 entdeckt der Geologiestudent Thomas Martens einen Knochen. Dabei waren sich die Wissenschaftler sicher, im eisenhaltigen Gestein des Bromackers könnten diese niemals Jahrmillionen überdauern.

Also wenn die Lehrmeinung etwas anders ist als die Realität, da muss man halt einfach weiterforschen.

Thomas Martens Geologe

Einmaliger Ur-Amphibien-Fund: "Tambacher Liebespaar"

Rund ein Dutzend Skelette wurden seither aus dem Bromacker geborgen. Weltweit einmaliges befindet sich darunter, etwa das "Tambacher Liebespaar", zwei komplett erhaltene Ur-Amphibien, die nebeneinanderliegen. Oder das vollständige Skelett des Ursauriers Orobates papsti. Von dem stammen auch die meisten Fußabdrücke. Und so konnten die Forscher Orobates im Computer zum Laufen bringen.

Archäologische Funde am Bromacker in Thüringen
Zwei komplett erhaltene Ur-Amphibien, die nebeneinanderliegen und deswegen als Tambacher Liebespaar bezeichnet werden. Bildrechte: Seymouria sanjuanensis

"Den Spreizgang", so beschreibt Jörg Fröbisch die Fortbewegung der Saurier, "den sehen wir heute auch bei Salamandern oder Echsen, immer ein Bein nach vorne und die Beine seitlich vom Körper abgespreizt."

Rekonstruktion des Ökosystems

Abdrücke unterpermischer Regentropfen auf einem Sandstein der Saurierfundstelle Bromacker
Abdrücke von Regentropfen auf einem Sandstein der Saurierfundstelle Bromacker aus dem Unterperm Bildrechte: Frank Scholze

Nicht nur Fussstapfen versteinerten im feinen Sand der früheren Hochebene. Auch Gänge und Höhlen, in denen Ursaurier lebten, kleine krebsartige Tiere und Insektenflügel. Selbst das Wetter hinterließ Spuren im Stein: Die Hitze durch Trockenrisse und kräftige Regengüsse durch versteinerten Kuhlen. Das ermöglicht es den Forschern, das gesamte Ökosystem des Bromackers vor 290 Millionen Jahren zu rekonstruieren, was Jörg Fröbisch begeistert:

Wir haben hier ein Ökosystem, was erstmals der Struktur unserer modernen Wirbeltierökosysteme entspricht: An der Basis der Nahrungspyramide gibt es viele Pflanzenfresser, an der Spitze wenige Prätadoren.

Jörg Fröbisch Grabungsleiter

Prätadoren sind Raubtiere, die keine Konkurrenz fürchten müssen. So wie heutzutage der Mensch. Jener Zweibeiner also, der heute auf allen Vieren mit Hammer und Meißel auf dem Bromacker nach seinen weit entfernten Vorfahren sucht.

Bromacker-Lab im Gothaer Schloss geplant

Die Menge an Funden, die auf dem zwischen Tambach-Dietharz und Georgenthal gelegenen Bromacker nach 290 Millionen Jahren wieder ans Tageslicht gekommen seien, bezeichnet Grabungsleiter Jörg Fröbisch als außergewöhnlich. Ihre Begeisterung wollen die Forschenden nun teilen.

Derzeit wird an einer Webpräsenz zum Bromacker gearbeitet. 2022 sollen außerdem im Gothaer Schloss ein "Bromacker Lab" und am Grabungsort eine Besucherplattform entstehen. Neben der Stiftung Friedenstein sind an dem Projekt das Museum für Naturkunde Berlin mit dem Leibniz-Institut für Evolutions- und Biodiversitätsforschung, die Schiller-Universität Jena und der Unesco-Geopark Inselsberg-Drei Gleichen beteiligt. Das Vorhaben hat unter anderem zum Ziel, das Ökosystem des Unteren Perms zu rekonstruieren.

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Dieses Thema im Programm: MDR KULTUR - Das Radio | 05. September 2021 | 16:15 Uhr

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