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Buga-AußenstandortAusflugstipp: Der Neue Friedhof in Mühlhausen – ein Gesamtkunstwerk

von Mareike Wiemann, MDR KULTUR

Stand: 30. Juni 2021, 04:00 Uhr

Der Neue Friedhof in Mühlhausen gilt als bedeutendste Friedhofsanlage Thüringens: Angelegt Ende der 1920er Jahre vom Mühlhäuser Baurat Karl-Theodor Huss im Stile der neuen Sachlichkeit beeindruckt der Friedhof durch eine Gesamtkonzeption, in der alles ineinandergreift: Architektur, Gartengestaltung und Bestattungskultur. Nun ist er Außenstandort der Bundesgartenschau in Erfurt.

Dass dieser Friedhof etwas Besonderes ist, merkt man schon an den Außenmauern – in ihnen finden sich in regelmäßigen Abständen kleine Fenster in Form gedrückter Spitzbögen. Ein Motiv, das sich über die gesamte Anlage zieht, an den Empfangsarkaden im Eingangsbereich ist es genau so zu sehen wie an der Trauerhalle. Während dieses architektonische Merkmal dem Expressionismus zuzuordnen ist, spricht die Gestaltung der Gesamtanlage die nüchterne Sprache der Neuen Sachlichkeit.

Die Spitzbögen ziehen sich durch die gesamte Anlage. Bildrechte: Stadt Mühlhausen

Wie man auf einer Karte im Eingangsbereich sehen kann, wurde der Friedhof nach einem streng geometrischen Muster angelegt: Zwei Hauptachsen bilden ein lateinisches Kreuz. Von ihnen gehen acht Segmente ab, in denen die Grabfelder angeordnet sind. Viele brusthohe, konisch geformte Hecken aus Lebensbaum, Hainbuche oder Prachtspiere sorgen hier für Struktur. An den Rändern des Friedhofs wird es wilder, dort wurde ein sogenannter Grüngürtel angelegt. Peter Weiland, Leiter der Stadtgärtnerei in Mühlhausen, deutet auf das Dickicht und sagt: "Man hat versucht, dem äußeren Grüngürtel einen Waldcharakter zu geben, um den Blick auf dem Friedhofsgelände zu lassen. Man wollte den Friedhof auf diese Weise ein Stück weit einhausen."

Eine Welt für sich

Das ist gelungen. Durch die hohen Bäume am Rand wirkt das Gelände wie abgeschirmt. Man merkt schnell: Hier hat der Mühlhäuser Baurat Karl-Theodor Huss ein Gesamtkunstwerk erdacht. Er war es, der Ende der 1920er Jahre diesen Friedhof plante. Mit Hilfe von Walter Krause, einem lokalen Bildhauer, der hier ebenfalls Spuren hinterlassen hat. Zum Beispiel mit dem Eva-Brunnen, einem Brunnen, über den eine schlichte Frauengestalt mit einer Schale in der Hand wacht.

Der Eva-Brunnen wurde von Bildhauer Walter Krause entworfen. Bildrechte: Stadt Mühlhausen

Oder mit einem Relief am Hauptportal des Zentralgebäudes, in dem sich die Trauerhalle befindet. Das Relief zeigt einen nackten Mann mit angewinkelten Armen, die er nach oben richtet. "Der Mann wirkt, als würde er sich in Richtung Himmel bewegen", erklärt Steffi Maass von den Mühlhäuser Museen. "Und das hat Krause mit einem künstlerischen Mittel gelöst: Der untere Teil des Reliefs ist sehr flach gehalten, oben wird es stärker, so dass man tatsächlich den Eindruck hat, dass er sich von der Erde loslöst."

Zurückhaltende Kunst

Das Relief heißt "Der Auferstandene", darunter die schlichte Inschrift "Wenn auch die Hülle sich wandelt, wir leben". Ein Satz, über den es sich in der grünen Weite des Friedhofs gut nachdenken lässt. Je tiefer man hineintaucht, desto mehr rückt das Straßenrauschen in den Hintergrund. Unzählige Vögel zwitschern, darunter auch seltene Arten wie Grauschnäpper oder Sommergoldhähnchen, Eichhörnchen hüpfen zwischen den Bäumen umher. Denn das ist dieser Friedhof auch, ein Paradies für Tiere und Pflanzen. Mehr als 70 Baumarten sind hier anzutreffen.

Rosskastanien säumen den Kastanienweg, Ginkos den Gingkoweg, Linden den Lindenplatz. Gerade in den Randbereichen gibt es immer noch Bäume aus der Anfangsbepflanzung, aber sie werden weniger. Und so verändert der Friedhof sein Gesicht. Baurat Huss hatte etwa auf dem Hauptweg eine Allee aus serbischen Fichten anpflanzen lassen, diese haben die Trockenheit und den anschließenden Borkenkäferbefall in den vergangenen Jahren nicht überlebt. In Mühlhausen traf man die Entscheidung, nicht wieder die gleiche Baumart nachzupflanzen, wie Peter Weiland berichtet: "Man ist dann zu der Säuleneiche als Pflanze gekommen. Weil man sich von ihr eine höhere Trockenheitsresistenz und mehr Robustheit erhofft."

In den vergangenen Jahren wurden vermehrt Säuleneichen wegen ihrer Robustheit angepflanzt. Bildrechte: Stadt Mühlhausen

Folgen des Klimawandels

So zieren nun Säuleneichen den Weg, wenn man vom Eingang zum Zentralgebäude läuft. Dieser Friedhof unterliegt einem stetigen Wandel, da ist Weiland überzeugt. Denn auch die Bedürfnisse bei der Bestattung ändern sich. Immer weniger Menschen lassen sich in der Erde begraben, so dass die Grabflächen anders aussehen. Alles ist hier im Fluss – nur die strenge Struktur des neuen Friedhofs und das architektonische Gesamtbild werden wohl so bleiben, wie von Anfang an erdacht.

Weitere InformationenAdresse:
Eisenacher Landstraße 14
99974 Mühlhausen

Seit dem 23. April 2021 täglich von 8 bis 20 Uhr geöffnet.

Toiletten sind vorhanden.
Gegenüber des Friedhofs befindet sich ein Restaurant.

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Dieses Thema im Programm:MDR KULTUR - Das Radio | 01. Juli 2021 | 14:15 Uhr