Kolumne Clemens Meyer zum 9-Euro-Ticket: Wir fahr’n, fahr’n, fahr’n mit der Eisenbahn!

Der Bahnfahrer und Schriftsteller Clemens Meyer sieht im 9-Euro-Ticket eine Möglichkeit, Heimat und Geschichte zu erkunden. Und uns endlich wieder näher zu kommen – gerade wenn die Zugfahrt im Nahverkehr etwas länger dauert. Eine Kolumne und Gedanken zum Start der Reise-Aktion.

Clemens Meyer mit Sonnenbrille, im Hintergrund ein Kohlebagger
Der Schriftsteller Clemens Meyer ruft dazu auf, mit dem Neun-Euro-Ticket bekannte und weniger bekannte Reiseziele in Sachsen, Thüringen und Sachsen-Anhalt zu erkunden Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Neun Euro für einen Monat und das im magischen Dreiklang, denn alle guten Dinge sind drei Monate! Anfangs dachte ich ja, wir würden, wie schon mit dem Sachsenticket, das ja auch in Thüringen und Sachsen-Anhalt gilt, uns nur im mitteldeutschen Raum bewegen, ging nicht die Angst um, die Horden der Neun-Euro-Ticketer würden, aus allen Teilen Deutschlands, bis nach Sylt pilgern? Wir fahr’n, fahr’n, fahr’n mit der Eisenbahn!

Regionalzug der Deutschen Bahn aif einem Bahnhof
Sich überraschen lassen: Sie können mit dem Neun-Euro-Ticket auch einfach in den nächsten abfahrenden Zug steigen und nach einer gewürfelten Anzahl von Stationen aussteigen. Bildrechte: imago/Rüdiger Wölk

Deutschlandweit im Nahverkehr

Und tatsächlich, "Deutschlandweit im Nahverkehr gültig" lese ich auf dem kleinen Stück Papier. Also tatsächlich, ab mit der Straßenbahn zum Bahnhof und dann nach Sylt! Westerland, 8 Stunden 31 Minuten, das ist doch keine Zeit!

Oder vielleicht doch in die andere Richtung mit Straßenbahn, S-Bahn und Nahverkehr direkt zum schönen Chiemsee, das ist ja schon fast Österreich, 10 Stunden und 24 Minuten vom Leipziger Hauptbahnhof, und nur dreimal Umsteigen, wir feiern eine neue Entdeckung der Langsamkeit! Oder doch nun endlich mal ins Allgäu fahren, fünfmal umsteigen nach Kempten, aber nur 7 Stunden und 45 Minuten Brutto-Fahrzeit. Da wollten wir Sparfüchse doch seit der Wende hin.

Oder doch hoch, hoch in den Norden, Ostfriesland, wie lange hat man keine Ostfriesenwitze mehr gehört, endlich rücken wir zusammen wie sich’s mit viermal umsteigen gehört! Emden Hauptbahnhof, Ostfriesland, 8 Stunden und 34 Minuten, sitzen ein Sachse und ein Ostfriese in der Regionalbahn, kommt ein Thüringer per Anhalter dazu ...

Die Angst der Sylter vor der ostdeutschen Invasion

Oder kommen jetzt die ganzen Ostfriesen endlich mal nach Usedom und Rügen, zu den nordostdeutschen Schwestern und Brüdern, runde 9 Stunden und 9 Minuten sind es bei fünf Umstiegen, was wird das für ein dreimonatiges Entdecken, Juno-Julei-August, große Ferien für alle, oder die Angst der Sylter vor der mitteldeutschen beziehungsweise ostdeutschen Invasion, aber was wollen wir denn überhaupt in Sylt?

Zugausfall-Anzeige der Bahn in Richtung Sylt
DIe Reisezeit kann sich durch ausgefallene oder überfüllte Züge noch verlängern Bildrechte: IMAGO

Wenn das Schöne doch so nahe liegt. Wir unsere Schlösser und Burgen und Museen, tief in den mitteldeutschen Weiten, endlich wieder erkunden können. Von den Leipziger Vororten bis nach Wörlitz fahren, oder erst das Wörlitz-nahe Bauhaus besichtigen und dann mit der S-Bahn bis zu dem verwunschenen Park, in dem die Pfauen lustwandeln.

Oder auf den Spielplan des Anhaltischen Theaters in Dessau schauen, was für ein Riesen-Bau aus den 30er-Jahren, der einst tausenden Theater-Gästen Platz bot und heute noch bietet. Ein spektakulärer "Hamlet" wurde dort letztens erst inszeniert. Und allein für die Café-Bar im anhaltischen Theater zu Dessau lohnt sich die Anreise, ja, da ist er endlich, der Genuss in vollen Zügen, rotes Plüsch und blitzendes Chrom, als würden wir in der Zeit reisen.

Auf nach Bitterfeld …

Und so gehört natürlich auch das nahe Bitterfeld auf unseren Neun Euro Reiseplan, nun wird er endlich wieder lebendig, der alte Spruch: "Sehn’n wir uns nicht auf dieser Welt, sehn’n wir uns in Bitterfeld!" Denn dort gibt es ein großartiges Kulturhaus, ein architektonisches Kleinod der sozialistischen Architektur. Im Reiseführer Wikipedia lesen wir hierzu: "Nach Gründung der DDR ließ diese in vielen Städten des Landes Kulturpaläste und -häuser als zentrale Stätten des gesellschaftlichen und kulturellen Lebens errichten, so auch ab 1952 in Bitterfeld."

Kulturpalast Bitterfeld, ein quadratisches Gebäude mit Eingangsportal
Der Kulturpalast Bitterfeld Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

… und Hoyerswerda

Wird es nicht langsam wieder Zeit für eine neue Bitterfelder Konferenz? Wo, wenn nicht hier können wir all unsere brennenden Fragen diskutieren. Und entdecken wir so vielleicht wieder unsere eigene Geschichte, erkunden den Bitterfelder Weg? Der uns mit der S-Bahn bis ins abgelegene Hoyerswerda bringt, wo einst Brigitte Reimann den Traum vom Aufbruch träumte, und doch bitter scheiterte, aber immer weiter träumte. Und ihre großartige Franziska Linkerhand geistert noch heute durch die Hoyerswerdaer Stadtlandschaft, zwischen Platte und Hoyerswerdaer Schloss, wo vor wenigen Jahren Brechts Flüchtlingsgespräche zur Aufführung kamen, wieder mehr und mehr davon!

"Willkommen in den Neubauslums, willkommen in den zehn Wohnkomplexen mit ihren drei Kneipen und Schließfächern für 70 000 Menschen, wo die Kriminalitätsrate und die der Selbstmorde einsame deutsche Spitze sind. Willkommen in einem bösartigen, hässlichen, dumpfen Alltag, der bösartige, hässliche, dumpfe Menschen stanzt." So schrieb der Spiegel, angesichts der Angriffe auf Asylbewerber vor nunmehr mehr als 30 Jahren. Aber unser Neun-Euro-Ticket spricht: Es werde Licht!

Unsere Heimat

Unsere Heimat, das sind nicht nur die Städte und Dörfer, sondern auch unsere Museen und unsere Schlösser, unsere Dichter und unsere LPGen, unsere Tagebaue und unsere Bahnhöfe ... Wir fahr’n, fahr’n, fahr’n mit der Eisenbahn! Wir glauben an die Zukunft, wir wollen reisen und besichtigen und genießen, wider einen bösartigen, hässlichen stumpfen Alltag, der uns vielleicht auch auf Sylt ereilen würde ...

Grabmal mit der Büste von Novalis, daneben eine steinerne Sitzbank
Im Stadtpark von Weißenfels befindet sich das Grab des frühromantischen Dichters Novalis Bildrechte: dpa

Und so fahren wir, drei Monate als Endlosschleife, von der Schleusenruine Wüsteneutzsch nach Leipzig-Leutzsch, von Bad Schandau nach Bad Düben, aber Moment, da gibt’s ja gar keinen Bahnhof mehr, aber Bus geht ja auch, vom Kyffhäuser bis zum Novalis Denkmal in Weißenfels, von Eisleben nach Lutherstadt, zu Willi Sitte nach Merseburg über Weimar nach Goslar zur Straßenbahnhaltestelle Moritzburg in Halle, um dann in Jena wieder bei Schiller und den Romantikern anzukommen, nie zu enden ...

Dieses Thema im Programm: MDR KULTUR - Das Radio | 30. Mai 2022 | 08:10 Uhr