Modellprojekt Tanzen ohne Masken in Leipziger Distillery hat Besucher begeistert

Das Modellprojekt einer coronasicheren Tanzveranstaltung hat die Partygäste in der Leipziger Distillery begeistert. Doch wie gut hat es funktioniert? Ist der enorme Aufwand das Ziel wert? War es wirklich sicher? Die Veranstalter ziehen ein positives Zwischenfazit, sie sehen den Versuch eher als Test für den Herbst, wenn die Zahlen wieder steigen könnten. Ein Erfolg ließe sich aber erst in einer Woche feststellen, wenn die Ergebnisse der Nachtests feststünden. MDR KULTUR hat Stimmen zur Veranstaltung gesammelt.

Menschen stehen vor einem Club in einer Schlange.
Außerhalb des Clubs galt noch Maskenpflicht und Sicherheitsabstand Bildrechte: IMAGO / Christian Grube

Wie kann die Kulturszene trotz Corona wieder zum gewohnten Betrieb zurückkehren? In Leipzig gab es dazu an diesem Samstag ein Modellprojekt: Im Technoclub Distillery haben 200 Menschen die Nacht durchgefeiert – ganz ohne Maske und Abstand. Bedingung für die Tanzveranstaltung war: testen, testen, testen.

Schnelleres PCR-Testverfahren

Ein dreistufiges Testkonzept, entwickelt und umgesetzt in Zusammenarbeit mit dem Leipziger Max-Planck-Institut für Evolutionäre Anthropologie, dem Universitätsklinikum Leipzig und dem Krankenhaus St. Georg, machte die Party möglich. Vor der Feier, am frühen Samstagnachmittag, mussten die Partygänger erst einen Antigentest durchführen lassen, dann eine Gurgelprobe abgeben. Letztere wurde mit Hilfe eines beschleunigten PCR-Testverfahrens bis 19 Uhr geprüft – und dann konnte es bei einem negativen Ergebnis auch schon losgehen.

Menschen stehen vor einem Club in einer Schlange.
Teil des Konzeptes ist umfangreiche Testung der Teilnehmenden Bildrechte: IMAGO / Christian Grube

Eine Woche nach der Party soll ein weiterer Test außerdem zeigen, ob die Veranstaltung ein Infektionstreiber war oder ob das Konzept aufgegangen ist. Drei Tests, über eine Woche gestreckt – trübt das nicht die Partylaune? Yasmin aus Leipzig sieht das gelassen:

Naja, es geht schon. Es geht ja an sich schnell. Es ist besser, als gar nicht tanzen zu gehen, würde ich sagen. Es ist echt eine gute Möglichkeit, dass man wieder Tanzen gehen kann! Finde ich schon super, ja!

Yasmin, Teilnehmerin des Modellprojektes aus Leipzig

Gäste überschwänglich begeistert

Die Vorfreude auf die erste Technoparty seit mehr als einem Jahr war also groß – und die Erwartungen der 200 Gäste wurden erfüllt. Eine Party ohne Masken, ohne Abstand, und dank des Testkonzepts auch ganz ohne Angst vor einer Infektion – fast so wie vor Corona.

Es ist supergeil, die Leute einfach ohne Maske strahlen zu sehen, Spaß haben zu sehen, die Emotionen kommen megagut rüber. Auch megaangenehm, mit Leuten einfach mal wieder zu sprechen, bisschen zu connecten.

Bella, Teilnehmerin des Modellprojektes

Etwaige Berührungsängste nach einem Jahr ohne Dancefloor, Umarmungen oder Händeschütteln waren schnell vergessen und wichen einem Gemeinschaftsgefühl, Philipp freut sich, "dass man nach der ersten Umarmung einfach wieder aufgetaut ist, mit Menschen wieder sehr nah sprechen kann, sich diese Nähe auch einfach vorstellen kann, diese Nähe fühlt – und besonders auf dem Dancefloor, mit den Leuten einfach wieder eine Gemeinschaft bildet." Das Pilotprojekt vermittle auch ein Zusammenwachsen.

Man schaut in diese Gesichter und sieht die Freude, und teilt die Freude auch.

Philipp, Teilnehmer des Pilotprojektes

Auch als Dauerzustand denkbar?

Nach über einem Jahr Tanzentzug nehmen die Teilnehmenden auch unangenehme Coronatests in Kauf, wenn als Belohnung ein maskenfreier Dancefloor winkt. Ob die Partygänger aber ein solches Konzept auch auf Dauer mitmachen würden, da ist sich beispielsweise Jakob aus Leipzig unsicher. Im Moment sei die Bereitwilligkeit, sich in eine Schlange zu stellen, groß, ob man das allerdings auch in einem Jahr noch so akzeptieren würde, müsse man dann schauen, das hänge von der allgemeinen Entwicklung ab.

Menschen stehen vor einem Club in einer Schlange.
Vor dem Club sah es teilweise wie vor Corona aus Bildrechte: IMAGO / Christian Grube

Hoffnungsschimmer für Clubbetreiber

Noch viel mehr als für die Feiernden ist das Modellprojekt ein Hoffnungsschimmer für Clubbetreiber. Denn das Konzept hat wohl funktioniert. Sollte sich bei den Tests eine Woche nach der Veranstaltung herausstellen, dass es kein besonderes Infektionsgeschehen gab – und davon ist mit dem Testkonzept auszugehen – könnte das Modellprojekt auch zur Chance für andere Clubs werden, wieder in den Regelbetrieb zurückzukehren.

Ziel: Konzept für den Herbst

Ein schnelles Wiederaufleben der Clubszene, mit Veranstaltungen ohne Abstand und Masken an vielen Veranstaltungsorten hält Tobias Loy jedoch nicht für wahrscheinlich. Er ist Projektleiter und Teil der Initiative "Das ist Leipzig", die die Idee und das Konzept erarbeitet hatten. Noch sei viel Lobbyarbeit nötig, um die Resultate des Projekts in Verbesserungen für die ganze Szene umsetzen zu können, sagt er. Außerdem war der zeitliche Aufwand, der in die Kommunikation mit den Behörden geflossen ist, enorm: Die Idee zur Pilotprojekt-Party, die schließlich am 12. Juni stattfand, kam schon Ende Februar.

Loy sieht das Konzept jedoch ohnehin weniger als Neustarthilfe für den Sommer, denn als Lebensversicherung für den Herbst:

Ich kann mir durchaus vorstellen, wenn ich mir die neue Coronaschutzverordnung anschaue, dass es tatsächlich jetzt über den Sommer nochmal eine deutlich entspanntere Phase gibt. Aber das, was wir jetzt hier entwickeln, ist eben das, was uns im Herbst retten kann.

Tobias Loy vom Modellprojekt

Das Modellprojekt und die Clubszene

Dieses Thema im Programm: MDR KULTUR - Das Radio | 12. Juni 2021 | 12:10 Uhr

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