Jubiläum Ein offener Ort für alle: 30 Jahre Frauenkultur e.V. in Leipzig

Im Oktober 1989 erhielten Frauen in Leipzig erstmals ein eigenes Haus: das Kulturhaus "Jörgen Schmidtchen" in Leipzig-Schönefeld wurde Sitz des soziokulturellen Vereins Frauenkultur. Doch die Eröffnungsfete musste wegen eines Überfalls ausfallen. Denn nicht allen passte es, dass sich Frauen mit den neuen Räumlichkeiten auch neue Räume in der Stadtgesellschaft erschlossen. Drei Mal zog der Verein um und ist immer ein Stück gewachsen dabei. Das Ziel des Vereins: Künstlerinnen sichtbar machen und offen sein für alle Menschen. Nun feiert er sein 30-jähriges Jubiläum.

Christine Rietzke, Frauenkultur e.V. 5 min
Bildrechte: MDR/Judith Burger

Ein Fest zum 30. Geburtstag wird es später geben. Jetzt freut sich die Frauenkultur – das soziokulturelle Zentrum – erstmal über den neuen barrierefreien Zugang, den das Haus, umgeben von Garten und Bäumen, gerade bekommen hat. Obwohl: Zugänglich für alle war die Frauenkultur von Anfang an, erzählt Christine Rietzke, die Leiterin:

"Ein Haus nur für Frauen ist die Frauenkultur nie gewesen. Von Anfang an war der Anspruch der Frauenkultur: Künstlerinnen sichtbar machen. Inzwischen ist vieles Weitere dazugekommen, aber es ging nie darum, dass die Frauenkultur nur für Frauen ist. Das war immer ein großer Diskussionspunkt auch bei der Frauenbewegung in den alten Bundesländern, die da ein hohes Unverständnis hatten, warum das jetzt offen ist für alle Menschen. Und die DDR-Frauen haben gesagt: Ja, aber warum soll mein Freund jetzt nicht mitkommen? Oder Künstlerinnen haben gesagt: Ich tret doch nicht nur für die Hälfte der Menschen auf, sondern mein Publikum besteht aus allen."

Von Anfang an war der Anspruch der Frauenkultur: Künstlerinnen sichtbar machen. Aber es ging nie darum, dasss die Frauenkultur nur für Frauen ist.

Christine Rietzke, Leiterin Frauenkultur e.V.

Gebäude des Frauenkultur e. V. in Leipzig
Gebäude des Frauenkultur e. V. mit neuem, barrierefreien Zugang Bildrechte: MDR/Judith Burger

Mehrfachbelastungen für Frauen waren in DDR kein Thema

Ein offener Ort nicht nur für Künstlerinnen, das war der Anspruch, den die Frauen von Anfang an als Motiv für ihr Haus formulierten – nur einen passenden Namen fanden sie dafür nicht, trotz Preisausschreiben für originelle Ideen. So blieb es bis heute bei der Bezeichnung "Frauenkultur", wobei längst klar ist , dass Kultur im weitesten Sinne gemeint ist: Frauen nehmen sich Raum, sind öffentlich sichtbar – damit begann es schon zu DDR-Zeiten in den 80er-Jahren.

Rietzke erzählt: "Ich bin komplett in der DDR aufgewachsen, Ende der 60er-Jahre geboren. Wir haben das gar nicht als so notwendig empfunden, dass es Räume nur für Frauen geben muss. Weil es selbstverständlich war, dass wir als Frauen erstmal viele Sachen tun konnten, das war ganz normal. Über viele Sachen hat man nicht nachgedacht. Und es war klar, es gibt Themen, über die wurde in der DDR nicht gesprochen: Wie geht es Alleinerziehenden? Wie geht es Frauen mit Behinderung? Das wurde auch nicht thematisiert: Mehrfachbelastungen für Frauen, als Arbeitende, als Mutter usw. – und das waren Sachen, die wir thematisieren wollten."

Frauen forderten Teilhabe am Runden Tisch

Drei junge Frauen vor dem MIO Mädchentreff
Der interkulturelle Mädchentreff MiO! gehört ebenfalls zum Verein. Bildrechte: Christine Rietzke/Frauenkultur e.V.

"Wir" – das waren damals in Leipzig frauenbewegte Frauen, eine kleine aber spürbare Szene, Gruppen, Initiativen, die sich an heimischen Küchen- und Wohnzimmertischen trafen oder unter dem Dach der Kirche. Und die 1989, im Herbst des gesellschaftlichen Umbruchs, sichtbar und hörbar einen Platz am Runden Tisch erkämpften und Teilhabe einforderten. Das Jugendklubhaus "Jörgen Schmidtchen" in Leipzig-Schönefeld, so beschließt es der Runde Tisch Kultur, wird zur Verfügung gestellt für die Einrichtung eines Frauenkulturzentrums. Ein soziokulturelles Zentrum in freier Trägerschaft – ein vollkommen neues Konstrukt.

Rietzke erinnert sich: "So was gab es überaupt nicht. Das war eine Empfehlung des Deutschen Städtetages. Freie Trägerschaft heißt, man übernimmt Aufgaben für die Stadt, und die Stadt zahlt eine Basisfinanzierung. Dadurch, dass es freie Träger sind, können sie andere Mittel dazu akquirieren. Das hat dann auch so stattgefunden. Das bedeutete aber auch, man übernimmt ein kaputtes Kulturhaus, niemand hatte Ahnung von Arbeitsverträgen, von Verwaltungsrecht, von all dem, was so anfiel. Das haben dann alle im Schnelldurchlauf gelernt."

Aufbruchsstimmung unter Frauen nach 1989                 

Doch die Frauen gründeten einen Verein und legten los: ein Monatsprogramm nach dem anderen, Veranstaltungen, Konzerte, Ausstellungen, Disco. Frauen mit ihren Erfahrungs- und Handlungsräumen wurden sichtbar, und bestärkt davon entstanden andere Orte für Frauen. Im öffentlichen Raum gab es eine Aufbruchstimmung, im Privaten hingegen oft Verlusterfahrungen: Frauen verloren ihre Arbeit. Die Frauenkultur bot und bietet einen Raum gegen Vereinzelung.

Gebäude des Frauenkultur e. V. in Leipzig
Die "Frauenkulturfabrik" in unmittelbarer Nachbarschaft zum Werk II in Leipzig Bildrechte: MDR/Judith Burger

Denn, so führt Rietzke aus: "Die Frauenkultur lebt tatsächlich davon, dass die Leute kommen und sagen: Das interessiert mich, das sind Themen. Dann gibt es Arbeitsgruppen, die in der Frauenkultur arbeiten: Ob das nun feministische Juristinnen waren oder der Frauen-Schach e.V., es ist immer das obenauf, was gerade aktuell von Interesse ist. Das ist auch der große Vorteil von Soziokultur, schnell reagieren zu können. Und das andere ist, dass wir natürlich immer Sachen thematisiert haben, die uns wichtig waren als Verein."

Es geht um eine politische Aussage und die heißt: Frauen sind noch nicht so in allen Bereichen vertreten, angekommen, selbstverständlich, dass wir uns überflüssig gemacht hätten.

Christine Rietzke, Leiterin Frauenkultur e.V.

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Dieses Thema im Programm: MDR KULTUR - Das Radio | 29. Dezember 2020 | 07:40 Uhr

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