"How to Disappear Completely" Audiowalk durch Dresden – zwischen Fiktion und Realität

Gegen einen Spaziergang an der frischen Luft ist selbst im Corona-Lockdown nichts einzuwenden. Passend dazu bietet das Staatsschauspiel Dresden derzeit einen digitalen Audiowalk an. Mit "How to Disappear Completely" geht man aber nicht nur auf Entdeckungstour durch die Stadt, sondern taucht auf dem Parcours gleichzeitig in eine Erzählung ein. Grit Krause hat es für MDR KULTUR ausprobiert.

Zwei junge Menschen mit Mundschutz und Kopfhöhren auf den Ohren und einem Smarphone in der Hand in Dresden.
Mit Smartphone inkl. der Audiowalk-App und Kopfhörern geht es durch Dresden. Bildrechte: Sebastian Hoppe

Zum ersten Mal erfahre ich von Andrei als ich in Dresden auf der Augustusbrücke stehe. Über das GPS-Signal meines Smartphones bin ich geortet worden, und automatisch spielt eine speziell für den Audiowalk installierte App die erste Passage der Erzählung ab. Sie wird mich ab jetzt durch die Stadt leiten – die Stadt, so die Story, in der Menschen und Dinge vollständig verschwinden.

In der Geschichte, die mir über meine Kopfhörer erzählt wird, will Andrei erforschen, wie man spurlos verschwinden kann und streift auf der Suche nach Hinweisen über Straßen und Plätze weiter durch die Dresdner Neustadt. Ich folge ihm mittels einer Karte in der App, auf der 50 aufeinander folgende Stationen verzeichnet sind.

Kein linearer Weg

Blick auf den goldenden Reiter in Dresden.
Der Audiowalk schickt einen zu verschiedenen Stationen in Dresden – allerdings kann man seinen individuellen Weg wählen. Bildrechte: Matthias Kern

Autor Ambrus Ivanyos erklärt, die Erzählung sei so geschrieben, dass man seinen individuellen Weg wählen könne und den Stationen nicht linear folgen müsse. Anhand der eigenen Entscheidung, wo man langgeht, verändere sich die Story entsprechend und setze sich immer neu zusammen, ähnlich wie man es von Videospielen kennt.

Ambrus Ivanyos und der Architekt Balint Toth vom ungarischen Künstlerkollektiv "Meetlab" haben den immersiven Audiowalk "How to Disappear Completely" ("Vom völligen Verschwinden") entwickelt. Premiere hatte er in Budapest und wurde seitdem für das türkische Izmir, für Kairo und jetzt für Dresden adaptiert.

Wenn sie sich für einen Ort entschieden, sagt Ivanyos, dann meist für einen, der sich im Wandel befindet. Das gehöre auch zur Idee von "How to Disappear Completely", zu zeigen, wie Städte sich verändern und wie sich das Leben in den Städten verändert. Deshalb seien Dresden und die Neustadt so interessant: wie sie sich verändern, wie Dinge verschwinden und wieder auftauchen über die Zeit.

Fiktive Geschichte in der realen Welt

Zwei junge Menschen mit Mundschutz und Kopfhöhren auf den Ohren und einem Smarphone in der Hand in Dresden.
Die Geschichte ist fiktiv, führt einen aber an reale Orte. Bildrechte: Sebastian Hoppe

Alles, was man während des Audiowalks hört, ist fiktiv, alles, was man unterwegs sieht, ist hingegen sehr real: eine Wandinstallation am Kunsthaus Dresden oder etwa ein mannshoher Spiegel versteckt in einem Hinterhof, in dem man sein Gesicht nicht erkennen kann oder gar ein in einen Betonblock eingelassenes Einhornrelief, das auf 1695 datiert ist. Es sind die unscheinbaren Dinge, auf die die Aufmerksamkeit während der Tour gelenkt wird und die neugierig machen auf weitere unbekannte, bisher übersehene Details im Stadtbild. 

Mit dem Audiowalk habe man so etwas wie eine Stimme im Kopf erzeugen wollen, die einem erklärt, wie die Welt funktioniert, so Ivanyos. Es ginge bei dem Projekt darum zu zeigen, wie die Wahrnehmung von Realität beeinflusst und verändert werden kann. Realität sei nie objektiv, sondern immer ein Konglomerat aus verschiedenen, manchmal sich widersprechenden und immer um Aufmerksamkeit ringenden Geschichten.

Am Ende tauche ich aus der Erzählung um Andrei nach anderthalb Stunden wieder in der Realität auf, nach lediglich 22 passierten Audiostationen, aber doch immerhin am Ziel des Parcours.

Mehr zum Audiowalk Tickets und entsprechende Anweisungen für "How to Disappear Completely" gibt es bis zum 30. November beim Staatsschauspiel Dresden zu kaufen. Den Spaziergang selbst können Sie aber, wenn Sie App und Audiowalk auf Ihr Smartphone geladen haben, jederzeit und immer wieder von neuem starten.

Tipp der Autorin: Unbedingt mit vollem Akku losgehen!

Was Sie benötigen:
– aufgeladenes Smartphone mit GPS-Funktion
– Internetverbindung für den Download der App und der Audiodateien
– 160 MB Speicherplatz auf Ihrem Gerät
– Kopfhörer

Zwei junge Menschen mit Mundschutz und Kopfhöhren auf den Ohren und einem Smarphone in der Hand in Dresden. 4 min
Bildrechte: Sebastian Hoppe

Das Staatsschauspiel Dresden bietet den digitalen Audiowalk "How to Disappear Completely" an. Bei dieser Entdeckungstour durch die Stadt taucht man gleichzeitig in eine Erzählung ein. Grit Krause hat es ausprobiert.

MDR KULTUR - Das Radio Di 24.11.2020 12:00Uhr 03:58 min

Rechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Zwei junge Menschen mit Mundschutz und Kopfhöhren auf den Ohren und einem Smarphone in der Hand in Dresden. 4 min
Bildrechte: Sebastian Hoppe

Das Staatsschauspiel Dresden bietet den digitalen Audiowalk "How to Disappear Completely" an. Bei dieser Entdeckungstour durch die Stadt taucht man gleichzeitig in eine Erzählung ein. Grit Krause hat es ausprobiert.

MDR KULTUR - Das Radio Di 24.11.2020 12:00Uhr 03:58 min

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Dieses Thema im Programm: MDR KULTUR - Das Radio | 24. November 2020 | 13:10 Uhr

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