Nach Ausschreibung Sorge um Dresdner Palais Sommer: Neue Veranstalter des Kultur-Open-Airs

Der Palais Sommer gehört inzwischen zu den festen Größen im Dresdner Kulturjahr. 2005 wurde zunächst ein Freiluft-Atelier eingerichtet. Das Interesse war groß und das Rahmenprogramm wuchs, bis 2018 eigens eine GmbH für die Ausrichtung gegründet wurde. Möglich wurde das Festival mit hochkulturellem Anspruch auch durch Spenden und bürgerschaftliches Engagement. Der staatliche Betreiber des Parks hatte die Organisation jedoch neu ausgeschrieben und eine überraschende Entscheidung getroffen.

Fassadenprojektion am Japanischen Palais in Dresden
Wie sich der Palais Sommer in Dresden weiterentwickeln wird, ist derzeit unklar. Bildrechte: IMAGO / Andreas Weihs

"Der Palaissommer ist Geschichte", überschrieben Thomas Jurisch und seine Agentur Slamevents ihre Pressemitteilung, nachdem sie vor einer reichlichen Woche die Ausschreibung für die Sommerbespielung der Wiese vor dem Japanischen Palais in Dresden gewonnen hatten. Beim bisherigen Veranstalter des Palaissommers, der Kultur für alle gGmbH (KFA), empfand man diesen Auftritt als triumphalistisch und geschmacklos. Denn seit seiner Entstehung 2009 aus einem Pleinair heraus ist diese "spielerische Idee" eines eintrittsfreien Sommerfestivals ausgesprochen populär.

Bis zu 100.000 Dresdner besuchten jährlich die 180 Veranstaltungen zwischen Palais und Elbradweg. Neben den 60 Sponsoren trugen sie mit jährlichen Spenden in Höhe von ungefähr 300.000 Euro das Festival mit und bildeten einen Freundeskreis mit 1.200 Mitgliedern. Eine Onlinepetition für den Erhalt des Kultursommers haben bereits in der ersten Woche fast 11.000 Bürger unterschrieben, darunter zahlreiche bekannte Namen aus der Kulturszene.

Erfahrene Kulturveranstalter in Dresden ausgebootet

"Die Situation war vermeidbar", steht KFA-Geschäftsführer Jörg Polenz noch immer unter Schock. Auf den Vater der Dresdner Filmnächte am Elbufer und den Gründer des Filmfestivals geht auch der Palaissommer zurück. "Man hätte eher wahrnehmen müssen, was für ein Pflänzchen da gewachsen ist und wie die Bürgerschaft dahintersteht."

Picknick in Weiß und Aktplainair mit einem männlichen Modell
Die Anfangsidee eines Pleinair blieb weiterhin erhalten. Bildrechte: IMAGO / Sylvio Dittrich

Diese Kritik richtet sich vor allem an den Eigentümer des Geländes, den Staatsbetrieb Sächsisches Immobilien- und Baumanagement (SIB), Nachfolger des ehemaligen Staatshochbauamtes und dem Finanzministerium nachgeordnet. Für die künstlerische Nutzung der großen Wiese vor dem Palais für zwei Sommermonate bekam man 2018 sogar einen Dreijahresvertrag. Ein Dutzend Jahre galt die Gründerin KFA als konkurrenzloser Platzhirsch.

Fragwürdige Entscheidung des sächsischen Staatsbetriebs

Befremdet zeigte sich Jörg Polenz schon von der sehr späten und auffällig knappen Ausschreibung des SIB im vergangenen Herbst – nun sogar auf fünf Jahre angelegt. Über Kunst und Konzept seien nur wenige Sätze zu lesen gewesen, dafür ein Vergabekriterium zum Höchstgebot.

An dieser Stelle beginnen die Ungereimtheiten und offenen Fragen zur inzwischen erfolgten Vergabe an einen plötzlich aufgetauchten Konkurrenten, nachdem der Dresdner Palaissommer 2022 bereits fertig organisiert war. In einem Gespräch mit dem Kaufmännischen Geschäftsführer des SIB, Oliver Gaber, über die Ausschreibung habe dieser auf die Abstimmung mit dem Kulturministerium und den Staatlichen Kunstsammlungen verwiesen, berichtet Jörg Polenz.

"Wie kommen diese öffentlichen Träger zu einer Ausschreibung nach Höchstgebot, wohl wissend, dass gewachsenes bürgerschaftliches Engagement zerstört wird?", fragt deshalb der bisherige Veranstalter. Sein Gebot von 20.000 Euro mit Verhandlungsoption lag nicht wesentlich unter den 35.000 Euro von Slamevent. Im Kulturministerium und bei den Kunstsammlungen dementiert man aber entschieden eine Beteiligung bei der Vergabe. Der verwaltende Staatsbetrieb äußert sich auf Anfrage nicht zu seinen Entscheidungskriterien. Geschäftsführer Gaber verweist lediglich auf die Erwähnung der Förderung von Kunst und Kultur in der Ausschreibung.

Zuschauer bei Stepptanz-Solo
Der Eintritt zu den den vielfältigen Kulturveranstaltungen soll auch in Zukunft frei bleiben. Bildrechte: IMAGO / Sylvio Dittrich

Der neue Veranstalter

Von der spricht auch der siegreiche Thomas Jurisch viel. Das bis Ende Mai zu erarbeitende Programm werde "extrem gut", Künstler stünden bereits Schlange bei Slamevent. Seit 15 Jahren habe er das Konzept für einen Kleinkunstsommer in der Schublade. Dort bewegte sich der 48-Jährige bislang: "Poetengeflüster", Comedy, kleinere Events. Der "Aufstieg in die erste Liga", so Jurisch, bedeute eine große Herausforderung. Programm und Finanzierung müssen binnen eines Vierteljahres noch geklärt werden.

Der Unterschied zum bisherigen Anspruch des Festivals wird indessen deutlich: Während der bildungsbürgerliche Kulturwissenschaftler Polenz von einem "kleinen Utopieraum" und "Anstößen für die Entwicklung der Gesellschaft" spricht, verzichtet Jurisch künftig auf Filme, Diskussionen und Bildende Kunst. "Nur weil ich die letzten Jahre unter dem Radar der meisten Produktionen gewesen bin, ist das Produkt noch nicht unter einen Grundintellekt und eine Mindestqualitätsstufe ausgerichtet“, stuft der neue Veranstalter sich selber ein.

Sorgen um die Zukunft des Dresdner Festivals

Protestierende Anhänger des Palais Sommers, wie er bisher war, befürchten nicht nur einen Qualitätsverlust. Sie vermuten auch, hinter Jurisch stünden potentere kommerzielle Interessenten. Das weist dieser zurück. Eine Verkürzung des Open-Airs auf vier Wochen steht bereits fest. Der Eintritt soll kostenlos bleiben, bisher wurden an der Wiese Spendenboxen aufgestellt.

Polenz und die KFA wollen eine Korrektur zunächst auf politischem Weg erreichen und haben an Ministerpräsident Michael Kretschmer (CDU) geschrieben. Jurisch wähnt sich jedoch sicher und sagt: "Ein Vertrag ist ein Vertrag ist ein Vertrag!"

Dieses Thema im Programm: MDR KULTUR - Das Radio | 25. März 2022 | 17:10 Uhr