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Auf den ersten Blick wirkt sie unscheinbar, doch die Alte Synagoge in Erfurt ist Europas älteste Synagoge. Bildrechte: dpa

WeltgeschichteSilberschatz und alte Gemäuer: Wie Archäologen Erfurts jüdisches Erbe entdeckten

von Hartmut Schade, MDR KULTUR

Stand: 30. Oktober 2021, 04:00 Uhr

Ringe, Broschen, Silbermünzen: Der 1998 gefundene jüdische Erfurter Silberschatz gilt als einzigartig. Auch die Alte Synagoge hat eine einmalige Geschichte und ist die älteste Synagoge in ganz Europa. Sie und weitere archäologische Funde geben wertvolle Einblicke in Erfurts jüdisches Erbe. Damit will die Stadt nun ins UNESCO-Weltkulturerbe aufgenommen werden.

Die archäologischen Arbeiten in der Erfurter Michaelisstraße waren 1998 fast beendet, als die Arbeiter einen Hohlraum entdecken. Dort liegen silberne Becher, Broschen, Ringe. Daneben silberne Barren und 3.141 Silbermünzen.

Gleichzeitig wird nur einige Dutzend Schritte von der Michaelisstraße entfernt ein hölzerner Fenstersturz in einer Gaststätte entdeckt. Das Gebäude, das zeigen die bauarchäologischen Forschungen, war vorher Lagerhaus und davor eine Synagoge. Der Holzsturz lässt sich anhand seiner Jahresringe auf das Jahr 1094 datieren.

Die archäologischen Funde verändern den Blick auf Erfurts Geschichte

Schatz und Fenstersturz verändern die Sicht auf Erfurts mittelalterliche Geschichte. Der Sturz, weil er die Synagoge ein volles Jahrhundert älter macht als bis dahin vermutet. Und der versteckte Schmuck, weil er einen Blick in das Leben einer wohlhabenden jüdischen Familie erlaubt und von ihrem Ende erzählt.

An den Knöpfen und Schnallen, so erzählt die Kunsthistorikerin Maria Stürzbecher, waren noch Fäden zu erkennen: "Man sieht, dass die sozusagen unter dem Eindruck der Gefahr von der Kleidung abgetrennt wurden."

Ein Hochzeitsring aus dem jüdischen Schatz von Erfurt. Bildrechte: imago/pictureteam

Bei den Pestpogromen wurden in Erfurt 900 Juden ermordet

1349 gibt es in ganz Europa Pestpogrome. Auch in Erfurt wird den Juden vorgeworfen, die Brunnen vergiftet zu haben. Am 21. März 1349 ermorden Erfurter Aufrührer die schätzungsweise 900 Juden der Stadt, plündern ihre Häuser. 15 kostbare Handschriften, darunter die größte hebräische Bibel des Mittelalters und die größte Thorarolle, kommen in die Ratsbibliothek, ein bronzener Sabbatleuchter findet sich im Domschatz wieder.

Die Synagoge verkauft der Rat an einen Erfurter Bürger, der sie zum Lagerhaus umbaut, bevor sie im 19. Jahrhundert zum Tanzsaal wird. So gerät sie in Vergessenheit, bleibt aber als Gebäude erhalten.

Erfurts jüdisches Erbe: Ein Kandidat fürs UNESCO-Weltkulturerbe?

Der Jüdische Schatz wird im Keller der Alten Synagoge ausgestellt. Bildrechte: IMAGO

Ihre Wiederentdeckung und der heute im Keller der Alten Synagoge ausgestellte Schatz markieren die Wiederentdeckung des jüdischen Erbes Erfurts. 2007 wurde die Mikwe, das jüdisches Ritualbad neben der Krämerbrücke, gefunden, und ein fast komplett in seiner mittelalterlichen Struktur erhaltenes Haus konnte einem jüdischen Kaufmann zugeordnet werden.

"Wir haben die am besten erhaltene Synagoge. Wir haben eine Mikwe, die baulich einzigartig ist und wir haben dieses jüdische Wohnhaus, das keine Parallele hat", listet Karin Sczech, Welterbebeauftragte der Stadt Erfurt, das bauliches Erbe auf. Silberschatz, Handschriften, Sabbatampel stehen für das kulturelle Erbe des jüdischen Lebens im Mittelalter. Ein lange verdrängtes Erbe, das 2022 aber Weltkulturerbe werden soll.

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Dieses Thema im Programm:MDR KULTUR - Das Radio | 31. Oktober 2021 | 16:10 Uhr