Kultur im Lockdown Erfurt ohne Kunst und Kultur: Eine Stadtgesellschaft im Wandel

Kunst und Kultur befinden sich seit Wochen im Lockdown. Auch bei den jüngsten Bund-Länder-Vereinbarungen zur Pandemiebekämpfung gab es wieder keine neuen Perspektiven. Nicht nur unter den Kulturschaffenden macht sich deshalb Unmut breit. Auch seitens der Kultur-Interessierter herrscht Unsicherheit darüber, ob und ab wann man sich wieder auf Angebote einlassen könne. Erfurt befindet sich deshalb momentan im kulturellen Dämmerzustand – was macht das mit einer Stadtgesellschaft?

 leere Tische eines Restaurant am Domplatz in der Erfurter Innenstadt
Bildrechte: imago images/Karina Hessland

Wie viele andere Städte der Welt steht auch das sonst so lebendige Erfurt still. Die mittelalterlichen Pfade der kleinteiligen Altstadt, in der sich die Menschen seit Jahrhunderten begegnen, sind leergefegt. Das ungemütliche Schneetreiben des "Flockdowns" tut sein Übriges zum apokalyptisch anmutendem Stadtbild. Erschwerend hinzu kommt die aktuelle Perspektivlosigkeit für Kunst- und Kulturstätten im Shutdown. Wichtige Begegnungsorte und Resonanzräume der Erfurter Stadtbevölkerung, wie Galerien, Museen und Theater, sind bis auf Weiteres geschlossen – doch was bleibt von einer Stadt, wenn dort keine öffentliche Kultur mehr stattfinden kann?

Schwer aushaltbare Doppelrolle

Tobias Knoblich, Kulturdezernent der Stadt Erfurt
Tobias Knoblich, Kulturdezernent der Stadt Erfurt Bildrechte: imago images/VIADATA

Tobias Knoblich ist Kulturdezernent der Stadt Erfurt und zugleich Präsident der Kulturpolitischen Gesellschaft. Somit wird ihm in dieser herausfordernden Zeit eine sehr ambivalente Rolle zuteil: Während Knoblich auf kommunaler Ebene selbst Betreiber verschiedener Kultureinrichtungen ist, agiert er auf Bundesebene als politischer Akteur und somit, in Corona-Zeiten, in gewisser Weise als "Überbringer von Hiobs-Botschaften". Denn Tobias Knoblich muss Corona-Maßnahmen umsetzen und verteidigen, wohl wissend, dass er und seine Kommune unter den Einschränkungen letztlich selbst leiden werden. Vor allem Solo-Selbstständige und privatwirtschaftliche Akteure seien diejenigen, die momentan "am Ende der Nahrungskette" stünden, obgleich sie eigentlich auf Erfurts Bühnen und Stadtfesten zu den produktivsten und wahrnehmbarsten Personen zählten, so Knoblich. Erfurts Kunst- und Kulturschaffende jetzt von ihrer Tätigkeit abhalten zu müssen, sei für ihn daher nur schwer aushaltbar.

Kultur ist dynamisch

Erfurt im Winter
Ein Blick auf das verschneite Erfurt Bildrechte: IMAGO / Jacob Schröter

Will man dem Kultur-Lockdown in Erfurt etwas Gutes abgewinnen, so ist es der daraus entstandene intensive Dialog mit der Stadtgesellschaft – ein Austauch, der hilft, aktuelle Probleme der kulturellen Stadtentwicklung zu verstehen und auf Misstände aufmerksam zu machen. So äußerten Erfurts Bürgerinnen und Bürger, dass sie vor allem Bühnenprogramme, Ausstellungen und Angebote freier Künstlerinnen und Künstler im öffentlichen Raum im Lockdown schmerzlich vermissen würden. So manches Museums-Angebot hingegen scheint für viele weitestgehend verzichtbar. Deshalb kommt das neue Museumsentwicklungskonzept der Stadt genau zum richtigen Zeitpunkt, unterstreicht Tobias Knoblich mit Blick auf die Wandelbarkeit von Kultur, die in Corona-Zeiten sichtbarer denn je wird:

Kultur muss sich verändern, sie ist etwas Dynamisches. Sonst wird es langweilig und sie bietet nicht mehr die Reflexionsräume einer Gesellschaft, die sich ja auch wandelt.

Tobias Knoblich, Dezernent für Kultur und Stadtentwicklung Erfurt

Dass sich unsere Stadtgesellschaften im Zuge der temporären Abwesenheit von Kunst und Kultur verändern werden, steht damit außer Frage. Schon jetzt ist die Veränderung des öffentlichen Raums deutlich spürbar. Diese Dynamik gilt es anzunehmen und zu hinterfragen – nur dann wird Erfurts kulturelle Vielfalt bald wieder aus dem Dämmerschlaf zurückkehren können.

Blick auf Theaterbühne in Erfurt aus Zuschauerperspektive vom Rang: Weiter, runder Winkel, tief liegende Bühne, rote Farben und Holz.
Unter vielen kulturellen Begegnungsorten bleibt auch das Theater Erfurt pandemiebedingt weiterhin geschlossen. Bildrechte: Theater Erfurt

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Dieses Thema im Programm: MDR KULTUR - Das Radio | 01. Januar 2021 | 08:10 Uhr