Weltgeschichte vor der Haustür Haynsburg: Das Rätsel um Deutschlands einzigen Freidenkerfriedhof

Deutschlands einzig erhaltener Freidenkerfriedhof befindet sich im Burgenlandkreis in Sachsen-Anhalt. Wann und warum der Friedhof zwischen Goßra und Haynsburg entstanden ist, bleibt jedoch bis heute ein Rätsel. Diesem geht MDR KULTUR im Podcast "Weltgeschichte vor der Haustür" auf den Grund.

Freidenkerfriedhof in Haynsburg 18 min
Bildrechte: Harald Menz

Adolf Reichardt war Landwirt und Gastwirt, Erfinder mit mehreren Patenten, Hobbyastronom mit selbstgebautem hölzernen Bebachtungsturm, Gründer von Sportvereine und Sterbekassen – und Freidenker. Das sind die gesicherten Fakten über den 1849 in Goßra bei Zeitz geborenen Bauernsohn. Doch wie und warum er zum Freidenker wurde, ist unklar.

Wer sind Freidenker?

Die ersten Freigeister, die sich an den Dogmen der Kirche rieben und diese infrage stellten, gab es schon Anfang der 19. Jahrhunderts. Statt Glaubensgrundsätze nachzubeten, solle der Mensch sich seines eigenen Verstandes bedienen. Oder wie es der berühmteste deutsche Freidenker, Friedrich Nietzsche, formulierte: Freidenker sei, wer das "Ausdenken und Aussprechen von verbotenen Dingen" praktiziere.

Naturwissenschaft statt Glaube, Evolution statt Schöpfung, Feuerbestattung statt Erdgrab, rigorose Trennung von Kirche und Staat. Unter den Freidenkern findet man Reformer aus dem Bürgertum, ebenso wie Sozialdemokraten und Kommunisten. Ihren Höhepunkt hatte die Freidenkerbewegung in der Weimarer Republik, bevor die Nazis sie verboten.

Im Ort selbst ist er eigentlich mehr als 'Spinner' in die Geschichte eingegangen.

Harald Menz, Vorsitzender des Heimatvereins Haynsburg

Im Ortsgedächtnis ist Adolf Reichardt lebendig geblieben durch Geschichten, Legenden und seinen Friedhof. Das Recht, nicht auf geweihtem Kirchengrund bestattet werden zu müssen, erstritt er sich 1923 vor dem Reichsgericht in Leipzig. So wird es seit Jahrzehnten im Dorf erzählt. Harald Menz hat in Archiven und Bibliotheken nach dem Urteil gesucht – "Gibt's aber nicht."

Hinter dem steinernen Obelisken steht ein grüner Baum, das Wiesen-Areal ist von einem Zaun umgeben.
Der Freidenkerfriedhof nahe Haynsburg umfasst ein Areal von nur 200 Quadratmetern. Bildrechte: Harald Menz

Ursprung des Haynsburger Freidenkerfriedhofs gibt Rätsel auf

Wann und warum der Freidenkerfriedhof entstanden ist, bleibt ein Rätsel, weil aus Adolf Reichardts Nachlass wenig überliefert ist. 1916 wird er bereits in einem Wanderführer als Sehenswürdigkeit erwähnt. "Es ist nach unseren Recherchen der einzige erhaltene Freidenkerfriedhof in Deutschland", erklärt Andreas Stahl vom Landesamt für Archäologie und Denkmalpflege Sachsen-Anhalt.

Eine langer und hoher Gedenkstein
Gleich hinter dem Eingang des Friedhofs steht ein Obelisk. Bildrechte: Harald Menz

Nur 200 Quadratmeter groß ist der Friedhof und liegt am höchsten Punkt der Verbindungsstraße zwischen Goßra und Haynsburg. Ein hüfthoher Holzzaun grenzt ihn von der umgebenden Wiese ab. Blickfang ist der übermannsgroße Obelisk gleich hinter dem Eingang. Zwischen zwei Trauerweiden steht ein blumengeschmückter hoher Grabstein – für Adolf Reichardts Bruder Wilhelm. Er selbst ist auf der linken Seite bestattet. Auf der rechten Seite erheben sich zwei Grabsteine. Insgesamt liegen die sterblichen Reste von sieben Männer und drei Frauen auf dem Haynsburger Friedhof. Doch eine Grabstele aus der rechten Seite kann keinem Begräbnis zugeordnet werden. Er bleibt rätselhaft, der Freidenkerfriedhof von Haynsburg.

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Dieses Thema im Programm: MDR KULTUR - Das Radio | 28. November 2021 | 16:15 Uhr