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Nur 200 Meter sind es von der Tank- und Rastanlage zur rekonstruierten Fundstätte des Fürstengrabes aus der Bronzeit. Bildrechte: dpa

Thüringens Pyramide an der A 71

Weltgeschichte in Thüringen entdecken: Das Fürstengrab von Leubingen

von Hartmut Schade, MDR KULTUR

Stand: 11. Juli 2021, 04:00 Uhr

Ab vom Schuss, aber doch verkehrsgünstig gelegen: Von der Tank- und Rastanlage an der A 71 im Landkreis Sömmerda sind es nur 200 Meter Fußweg zu einem archäologischen Fundort ersten Ranges. Das riesige Autobahnschild verweist auf einen nicht so mächtigen grünen Hügel, der sozusagen die Pyramide Thüringens ist: Ein Fürstengrab aus der Bronzezeit hat man dort 1877 entdeckt, und damit einen "Knackpunkt der Weltgeschichte".

Als "Knackpunkt der Weltgeschichte" bezeichnet der Thüringer Archäologe Mario Küßner den Fürstenhügel von Leubingen. Denn er sei "eines der ältesten Zeugnisse für die gesellschaftliche Hierarchisierung". Will heißen, die Einteilung in Oben und Unten.

Ausgegraben vom Archäologen Friedrich Klopfleisch

Als sich der Jenaer Professor Friedrich Klopfleisch mit seinen Arbeitern 1877 durch den acht Meter hohen Hügel gräbt, stößt er unter meterdicken Erd- und Steinschichten auf eine massiv gezimmerte zeltartige Hütte aus Eichenstämmen. In ihr liegen Gebeine, bestattet um 1942 vor der Zeitrechnung, mit Goldschmuck – Armringen, Gewandnadeln und einer goldenen Spirale – und mehr Waffen, als der Bestattete bei sich tragen konnte. Das sei typisch für die Bronzezeit, erklärt dazu Mario Küßner:

Mächtige Menschen haben sich in der Bronzezeit mit solch einer Überausstattung beisetzen lassen, weil die gezeigt hat: 'Der kann sich das leisten, der hat viel Macht'.

Mario Küßner, Archäologe

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Weltgeschichte vor der Haustür: Das Fürstengrab von Leubingen

Daraus lässt sich aus Sicht des Archäologen ein einschneidender Wandel im sozialen Gefüge ableiten, der in der Bronzezeit seinen Anfang nimmt.

Klopfleischs Fund

Der Jenaer Professor Friedrich Klopfleisch (1831–1898) gilt als "Vater der modernen Archäologie in Thüringen", weil er versuchte, sich aus den Funden auch ein Bild der Lebensumstände zu machen. So formuliert es Mario Küßner, der Gebietsreferent für den Landkreis Sömmerda im Thüringer Landesamt für Archäologie und Denkmalpflege ist. Klopfleisch war auch einer der Begründer der ur- und frühgeschichtlichen Sammlung der Universität Jena.

Die Bronzezeit ist die Periode in der Geschichte der Menschheit, in der Metallgegenstände vorherrschend aus Bronze hergestellt wurden. Diese Epoche umfasst in Mitteleuropa etwa den Zeitraum von 2200 bis 800 vor Christus.

1877 entdeckte Klopfleisch das Fürstengrab aus dem Jahr 1942 vor Christus. Der Grabhügel war ursprünglich achteinhalb Meter hoch und hatte einen Durchmesser von etwa 34 Metern. Das Alter konnte auch durch die Analyse des in der Totenhütte verbauten Eichenholzes ermittelt werden.

Spuren eines Machtzentrums der Bronzezeit

Rekonstruktion der Leubinger Totenhütte in Weimarer Museum für Ur- und Frühgeschichte Bildrechte: TLDA/ H. Arnold

Küßner leitet das Museum für Ur- und Frühgeschichte Thüringens in Weimar. In seinem Haus steht ein Nachbau der Leubinger Totenhütte, die originale ist in Halle zu sehen.

Vis-à-vis des Nachbaus ist auf die Wand ein monumentales Haus gezeichnet. Das Langhaus von Dermsbach, gefunden 2011 von Mario Küßner, eine Wegstunde vom Leubinger Hügel entfernt. Mit fast 50 Metern Länge und elf Metern Breite ist es eines der größten jemals entdeckten bronzezeitlichen Gebäude, errichtet etwa 200 Jahre nach dem Tod des Leubinger Herrschers. Seine Südwestwand ist genau auf den Hügel ausgerichtet. Für Mario Küßner steht fest:

"Um den Leubinger Hügel hat sich über die Jahrhunderte etwas entwickelt und offensichtlich auch Bestand gehabt, was man als Austausch-, Macht- und vielleicht auch Herrschaftszentrum beschreiben könnte."

Das Leubinger Fürstengrab ist Zeugnis für Beginn staatsähnlicher Strukturen

Die Himmelsscheibe aus dem 30 Kilometer entfernten Nebra steht ebenso für dieses Machtzentrum wie die jüngeren Fürstengräber von Dieskau und Helmsdorf. Als "Reich der Himmelsscheibe" interpretiert es Sachsen-Anhalts Landesarchäologe Harald Meller, als Stammesfürstentum im Thüringer Becken sieht es Mario Küßner vom Landesamt für Archäologie und Denkmalpflege im Freistaat.

Auf jeden Fall erzählt das Leubinger Totenmonument vom Beginn fester, vielleicht sogar staatsähnlicher Strukturen im heutigen Mitteldeutschland. Da scheint es logisch, wenn der Staat heute auf den Fürstenhügel verweist. "Tank- und Rastanlage Leubinger Fürstenhügel" verkünden große blaue Schilder an der A71. Womit der Fürstenhügel zum zweiten mal Geschichte schreibt – es ist die einzige Raststätte, die man zu Fuß verlassen kann. Um über einen Zeitreiseweg die 200 Meter bis zum Fürstengrab zu laufen und einen Knackpunkt der Weltgeschichte zu entdecken. 

Die Tank- und Rastanlage Leubinger Fürstenhügel, im Hintergrund ist der rekonstruierte Fundort zu erkennen. Das Projekt war Teil der Internationalen Bauausstellung Thüringen (IBA). Ein "Zeitreiseweg" führt von der Raststätte zum ältesten Bodendenkmal Thüringens. Später sollen entlang dieses Weges Funde aus den Ausgrabungen präsentiert werden. Bildrechte: dpa

Denn zusammen mit den Fürstengräbern von Dieskau und Helmsdorf, der Himmelsscheibe von Nebra und dem Langhaus von Dermsdorf symbolisiert der Leubinger Fürstenhügel den Beginn einer gesellschaftlichen Entwicklung, die Europa bis heute prägt.

Der Bronzezeitfürst in der "Totenhütte"

Die Küßner zufolge eindrucksvollste bronzezeitliche Grablegung Thüringens wurde 1877 zwischen Leubingen und Stödten im Landkreis Sömmerda binnen weniger Wochen geöffnet und geborgen.

Im Zentrum des Grabhügels fand sich eine rund vier mal zwei Meter große "Totenhütte", deren Dach mit Eichenbohlen gedeckt und mit Schilf abgedichtet war. Darüber lag eine zwei Meter mächtige Steinpackung.

Im Innern gefunden wurden die Gebeine eines älteren Mannes sowie eines etwa 10-jährigen Kindes. Außerdem wurde die reiche Beigabenausstattung entdeckt.

Dieses Thema im Programm:MDR KULTUR - Das Radio | 11. Juli 2021 | 16:10 Uhr