DDR-Kulturgeschichte Der Kulturpalast Bitterfeld: Ein Prachtbau für die Kunst des Volkes

Mitten auf dem Gelände des Chemieparks Bitterfeld steht ein monumentaler Klotz – ein riesiges Gebäude im neoklassizistischen Stil, wie aus der Zeit gefallen. Im Kulturpalast Bitterfeld lernten zu DDR-Zeiten Chemie-Arbeiter in Zirkeln zeichnen und dichten. Es gab Betriebsfeiern und Konzerte mit Stars aus dem Westen und hier wurde der "Bitterfelder Weg" beschlossen, der Kunst und Produktion einander näher bringen sollte.

Wer sich mit der Geschichte der DDR befasst, kommt an Bitterfeld nicht vorbei. Ganz gleich, ob man sich für Ökonomie, Umweltschutz, Kulturpolitik, Literatur oder für den "Wettstreit der Systeme" interessiert. Hochfahrende Ambitionen verbinden sich mit dem kleinen Städtchen im ehemaligen Bezirk Halle und mit den dortigen volkseigenen Betrieben der Chemie-Industrie.

Ein Palast für die Arbeiterklasse

Genau hier, am Standort der neuen boomenden chemischen Industrie, soll das modernste Veranstaltungsgebäude der Republik entstehen. Am 1. Mai 1952 erfolgt der erste Spatenstich und 5.000 Arbeiter und Arbeiterinnen leisten sogenannte freiwillige "Feierabendarbeit" - denn der Kulturpalast ist ihr Gemeinschaftsprojekt. 

Mit dabei sind Lore Dimter und ihr Bruder Fritz Hertel. Die Geschwister machen beide eine Ausbildung in der Chemie. Und selbstverständlich helfen auch sie als Lehrlinge beim Bau des Prestige-Palasts.

Da kein Schienen-Zugang zur Baustelle war, musste das Material von den Eisenbahnwaggons per Hand oder per Wagen oder irgendwie zur Baustelle gebracht werden. Das waren so die Dinge, die wir als junge Menschen dort gemacht haben.

Fritz Hertel
Kulturpalast Bitterfeld 1 min
Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Über 300.000 Stunden erbringen die Bitterfelder für ihren Palast. Der zukünftige Betreiber, das Elektrochemische Kombinat, kümmert sich gut um sie: Das Arbeiter-Symphonieorchester spielt auf der Baustelle - und nach getaner Arbeit gibt’s kostenlose Verpflegung für alle.

Nach zwei Jahren Bauzeit ist er fertig: 50 Meter breit, 100 Meter lang. In der DDR sollen Proletarier Paläste haben. Hier haben sie einen bekommen - den "Kulturpalast der Gewerkschaften Wilhelm Pieck“, so seine offizielle Bezeichnung.

Gold, Stuck, eine Bühne so groß, wie die der Leipziger Oper mit 1.000 Plätze im Saal. Zur Eröffnung werden Wagners Meistersinger gegeben.

Was man selbst geschaffen hat, das verbindet einen. Und das behält man bei sich. So etwas, das vergisst man nicht. Hat natürlich auch den Nachteil, dass man sich ungern davon trennt.

Fritz Hertel

Nach der Arbeit in den Zirkel

Der Kulturpalast ist von Anfang an ein Ort der Volkskunst und der künstlerischen Erkundungen. Gleich nach der Schicht in der Filmfabrik, dem Braunkohlenkombinat oder der Kartonfabrik und anderen Betrieben geht es zum Filmen, Tanzen, Malen oder Musizieren.

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Wundervoller Veranstaltungsort: Mit einer Bühne so groß, wie die in der Oper Leipzig Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Doch das Haus ist auch immer ein Veranstaltungsort. Radio- und Fernsehshows werden hier vom DDR-Fernsehen produziert, berühmte Theater und Orchester gastieren und sogar Stars aus dem Westen singen für die Chemiearbeiter in Bitterfeld. 1965 gibt der junge Udo Jürgens ein Konzert.

Und auch Walter Ulbricht findet den Weg nach Bitterfeld. Der hat auf dem V. Parteitag der SED (1958) vollmundig verkündet: Die Grundlagen des Sozialismus seien in der DDR geschaffen. Jetzt gehe es darum, den Westen zu überholen, vor allem wirtschaftlich. Und wo könnte das besser möglich sein, als in den chemischen Kombinaten? Die Losung lautet: "Chemie gibt Brot, Wohlstand und Schönheit".

Der Bitterfelder Weg

Auch die Kultur soll dabei helfen, den Westen zu überholen. Ulbricht lässt im Palast gleich zwei Kulturkonferenzen (1959 und 1964) abhalten. Die dabei propagierte Kulturdoktrin des Sozialismus wird bekannt als "Bitterfelder Weg". Gegenstand der Kunst sollen die Helden der Arbeit sein.

Walter Ulbricht
Walter Ulbricht (1893 -1973) Bildrechte: dpa

Ich möchte aufrufen, den Bitterfelder Weg zu einer großen parteilichen und volksverbundenen Kunst weiterzugehen. Ich wünsche Ihnen in Ihrer Arbeit weiter gute Erfolge.

Walter Ulbricht

Beschlossen wird, dass Künstler in die Produktion gehen und Erfahrungen im sozialistischen Arbeits-Alltag sammeln sollen. Etliche Autorinnen und Autoren folgten dieser Aufforderung, denn auch sie erhoffen sich davon neuen Stoff für ihr literarisches Schaffen. Christa Wolf inspiriert ihre Zeit beim "VEB Waggonbau Ammendorf" zum Roman "Der geteilte Himmel", Franz Fühmann schreibt seinen Reportage-Roman über die Warnow-Werft "Kabelkran und Blauer Peter" und Brigitte Reimann, die im Kombinat Schwarze Pumpe einen "Zirkel schreibender Arbeiter" leitet, verarbeitet ihre Erlebnisse im Roman "Ankunft im Alltag".

Aber auch die Arbeiter sollen "die Höhen der Kultur erstürmen“. Die Losung lautet: "Greif zur Feder, Kumpel!“ Im Kulturpalast gibt es dafür Platz für über 60 sogenannte Zirkel. Alles ist kostenlos, der Betrieb zahlt. Dieses "Volkskunstschaffen" wird nun zu einer breiten Bewegung. 

Lebensfremde Marotte

Die Bewegung - von vielen belächelt, von vielen aber auch mit Freude getragen – versandet letztlich. Aus dem "Bitterfelder Weg" wird ein "bitterer Feldweg", wie es nun im Volksmund heißt. Schließlich bleibt man bei der alten Arbeitsteilung. Auf der zweiten Bitterfelder Konferenz 1964 empfiehlt man den Werktätigen, sich auf Brigadetagebücher oder Wandzeitungen zu konzentrieren.

Christa Wolf bei einer Veranstaltung in der Ost-Berliner Erlöserkirche im Oktober 1989
Christa Wolf im Oktober 1989 Bildrechte: imago images / epd

Nach Erich Honeckers Machtantritt 1971 wird das Bitterfelder Projekt als einseitige, lebensfremde Marotte Ulbrichts endgültig beerdigt, zumal er noch einen unliebsamen Nebeneffekt hervorbringt, wie Christa Wolf 1990 rückblickend beschreibt:

"Und als klar wurde, dass die Verbindung der Künstler mit den Betrieben dazu führte, dass sie realistisch sahen, was dort los war, dass sie Freundschaften mit Arbeitern, mit Betriebsleitern, mit Leuten anderer Berufe knüpften und dass sie Bescheid zu wissen begannen auch über die ökonomische Realität in diesem Land: Da, genau an diesem Punkt, wurde die Bitterfelder Konferenz, wurden die Möglichkeiten, die sie uns eröffnet hatte, ganz rigoros beschnitten. Damit wurde also die Möglichkeit zur Einmischung durch Kunst, die wir vehement ergriffen hatten und die wir gar nicht so schlecht fanden, gekippt".

Weiter im Zirkel

Doch das Volkskunstschaffen bleibt und damit die Tätigkeit vieler Zirkelleiter. Auch Wolfgang Petrovsky - Maler aus Freital bei Dresden - leitet in Bitterfeld einen Zirkel.

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Wolfgang Petrovsky in seinem Atelier Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Zwischen ihm und den Zirkelmitgliedern entwickelt sich eine enge Verbundenheit, Freundschaften entstehen, eine freie und offene Atmosphäre etabliert sich. Der Zirkel wird zu einer kleinen Enklave, die offen genug ist für kontroverse Themen – wie die Arbeiten von Klaus Staeck, dem Plakatkünstler aus dem Westen. Der schickt seinem Freund Wolfgang Petrovsky verschiedene seiner Werke in die DDR.

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Abbildung von Staeks Plakat "Die Gedanken sind frei" Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Das herrliche Plakat 'Die Gedanken' sind frei", das war Sprengstoff direkt auch in Diskussionen im Verein. Das wurde nicht bloß besprochen, sondern heiß diskutiert! Wir haben uns aber auch keinerlei Beschränkungen auferlegt. Nie. Bei uns wurde, soweit ich das beurteilen kann, frei geredet. Das war immer das Schöne.

Wolfgang Petrovsky, Zirkelleiter

Thema Umweltschutz

In den letzten Jahren der DDR wird Kritik laut, Missstände werden offen angesprochen. In Bitterfeld bewegt vor allem ein Thema: die Umwelt. Partei und Stasi versuchen, das Ausmaß der Umweltzerstörung zu vertuschen. Doch die Anlagen der chemischen Industrie werden nur noch auf Verschleiß gefahren, es gibt weder Geld für neue Maschinen noch Umweltschutz.

Nach und nach wird das ganze Ausmaß der Umweltverschmutzung in Bitterfeld deutlich. Diese Entwicklungen gehen auch am Zirkel schreibender Arbeiter nicht vorbei. Ihre Texte sind jetzt kritisch, auch in öffentlich aufgeführten Programmen. Wie am 4. Oktober 89, zum 40. Jahrestag der DDR.

Wir wurden ja nie mit Abnahmen konfrontiert, wir wurden nie kontrolliert. Und da haben wir unser kritisches Programm offiziell bei einer Veranstaltung im Bitterfelder Kombinat aufgeführt. Das hat einen Eklat gegeben.

Reiner Tetzner, Zirkelleiter für die schreibenden Arbeiter

Grund für den Eklat ist das Gedicht "Greppiner Schlaflied" der Zirkelteilnehmerin Karin Kostow.

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Umweltverschmutzung in Bitterfeld Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Schlafe mein Söhnchen in Ruh.
Die Fenster sind alle zu.
Der Abgaswind draußen bläst sacht
Vom Werk her – und nebelt die Nacht
Und unsere Umwelt sanft ein…
Träume und hoffe mein Kind.
Irgendwann dreht sich der Wind.

Karin Kostow

Nach einer Aussprache Mitte Oktober darf das Programm wieder aufgeführt werden. Aber dazu kommt es nicht mehr, denn am 9. November fällt die Mauer.

Neue Hoffnung für den "Kupa"

Nach der Wende regiert die Marktwirtschaft und mit dem Kulturpalast geht es bergab. Verschiedene Konzepte der Nutzung scheitern. Eine Betreiberfirma stellt 2017 den Abrissantrag. Doch dann: Eine Unterschriftenaktion in der Bevölkerung – man erinnert sich, wie wichtig dieses Symbol für den Zusammenhalt von Bitterfeld ist.

Ein mutiger Mann mit einer marktwirtschaftlichen Vision, ein engagierter Förderverein mit kulturellen Hoffnungen und Geld vom Bund machen es möglich: Der Kupa soll umgebaut werden. Es ist der Auftakt für eine - hoffentlich - neuen Ära: der Palast soll nach dem Umbau als Kongresszentrum und Kulturstätte genutzt werden. Und somit zu dem wieder werden, was er damals war: das soziale Zentrum der Stadt, wo Menschen zusammenfinden.

Matthias Goßler, neuer Besitzer
Visionen: Matthias Goßler ist der neue Besitzer des Kupa Bildrechte: MDR/Petra Bertram

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Dieses Thema im Programm: MDR FERNSEHEN | Der Osten - Entdecke wo du lebst | 13. Juli 2021 | 21:00 Uhr

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