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Im Rothschönberger Stolln Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Bergbau-Geschichte

Der Rothschönberger Stolln im Erzgebirge: Unesco-Kulturdenkmal unter Tage

Stand: 02. August 2021, 10:38 Uhr

Der Rothschönberger Stolln bei Freiberg gehört als Teil der Montanregion Erzgebirge zum Unesco-Weltkulturerbe. Und doch haben den einstmals längsten Stolln der Welt, der übrigens von Goethe und Humboldt mitgeplant wurde, bis dato nur wenige Besucherinnen und Besucher in Augenschein nehmen können. Und das, obwohl der Stolln überaus prägend für die Erzgebirgler ist: Bei der Flut 2002 verhinderte er Schlimmeres für die Region rund ums sächsische Freiberg. MDR KULTUR war für Sie unter Tage.

Der Dreibrüderschacht südlich von Freiberg: Wer hier unter der Erdoberfläche auf Entdeckungsreise geht, taucht ein in eine eigene Welt, die geheimnisvoll und faszinierend zugleich ist. 160 Meter geht es hinab in die Dunkelheit, an die Wiege des sächsischen Bergbaus. Schon vor 600 Jahren wird hier Silber abgebaut. Silber, das Sachsen zu großem Wohlstand verhilft. Je tiefer man vordringt, desto unwegsamer wird es. Das Rauschen des hier ungeliebten Wassers wird immer lauter.

Diese Wassermassen sind für die Bergleute, damals wie heute, die größte Herausforderung: Wenn sie dem Berg seine Schätze abringen, kämpfen sie seit jeher gegen das unliebsame Nass. Darum wagt man 1844 etwas weltweit Einmaliges und bahnt den Wassermassen einen neuen Weg. Nach einer halben Stunde ist der Gang in die Tiefe beendet, das Ziel ist erreicht: der Rothschönberger Stolln.

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Auf Inspektionsfahrt

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Das unterirdische Wasserkraftwerk

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Neue Messmethoden für den Stolln

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Der Stolz der Bergleute

Von Branderbisdorf durch das Freiberger Revier über Halsbrücke

Der Stolln verläuft von Branderbisdorf durch das Freiberger Revier über Halsbrücke. Das Wasser aus den Gruben wird dann bis nach Rothschönberg geleitet. Dort mündet der Stolln in die Triebisch. Ein gigantisches Bauwerk, für die meisten Menschen bleibt es aber im Dunkel unter Tage verborgen.

Technische Daten des Rothschönberger Stolln

Erbaut: von 1844 bis 1882
Gesamtlänge: 50,9 km
acht Lichtlöcher
Durchschnittliches Gefälle: 0,033 %
Wasserdurchfluss pro Sekunde: 685 Liter
Baukosten: 7.186.697,43 Reichsmark
Zwei Mundlöcher (Abflüsse) zur Triebisch
Von acht Lichtlöchern sind heute noch drei mit Huthäusern erhalten

Prominente Beteiligung an der Planung des Stollns

August von Herder projektierte den Stolln Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Für Bergleute ist der Stolln eine Legende: Johann Wolfgang von Goethe und Alexander von Humboldt sind an seiner Planung beteiligt. Federführend ist August von Herder, Sohn des berühmten Dichters und ab 1826 Oberberghauptmann in Sachsen. Gemeinsam wagen sie damals das Abenteuer und projektieren den längsten Stolln der Welt.

Der Bergbau entwickelt sich im 18. Jahrhundert rasant. Probleme bereitet die Entwässerung der Bergwerke, die damals immer tiefer ins Erzgebirge vorangetrieben werden. Und so beginnen 1844 die Arbeiten an einem Stolln im Freiberger Bergbaurevier.

Sanierung durch viel Eigeninitiative

Heute pflegen Vereine ehrenamtlich dieses Kultur-Denkmal. Ihre Arbeit wird 2019 belohnt. Der Rothschönberger Stolln ist wichtiger Bestandteil der Montanregion Erzgebirge. Diese erhält vor drei Jahren den Titel UNESCO-Weltkulturerbe. Entlang des 50,6 Kilometer langen Stollens begegnet man überall Menschen, die es sich zur Lebensaufgabe gemacht haben, dieses Erbe zu bewahren.

Jens Heinrich vom "Förderverein Drei-Brüder-Schacht" Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Jens Heinrich vom "Förderverein Drei-Brüder-Schacht" ist einer von ihnen. Seine Augen leuchten, wenn er über den Rothschönberger Stolln erzählt. Dieser Schacht am Rande von Freiberg bietet noch etwas ganz Besonderes: ein Kavernenkraftwerk, dass aus der Kraft des Grubenwassers Strom erzeugte. 1972 wird es stillgelegt, aber die Betriebsanlagen sind erhalten geblieben und für eine spätere Wiederinbetriebnahme konserviert. Es ist der Wunsch von Jens Heinrich und seinen Mitstreitern, dass dieses Kraftwerk wieder in Betrieb geht.

Im Moment steigt die Hoffnung, dass das Kraftwerk wieder arbeitet. Regenerative Energien sind gefragt. Die Zeit ist reif, wenigstens für eine teilweise Wiederinbetriebnahme.

Jens Heinrich, "Förderverein Drei-Brüder-Schacht"

Folgt man dem Rothschönberger Stolln weiter Richtung Freiberg, findet man sich auf einer unterirdischen Baustelle wieder. Mit großem Aufwand wird der Stolln hier saniert. Das ist wichtig, erklärt Sachsens Oberberghauptmann Prof. Dr. Bernhard Cramer, denn ohne den Stolln könnten zum Beispiel auch die Studenten und Forscher der TU Bergakademie Freiberg in ihrem Ausbildungsbergwerk nicht mehr arbeiten.

Schon damals war Präzision gefragt

Unterwegs auf Inspektions-Tour: Berginspektor Frank Rottluff Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Schon zu Zeiten seiner Erbauung ist der Rothschönberger Stolln auch in technischer Hinsicht eine Sternstunde des Bergbaus. Neue Maschinen werden für den Streckenvortrieb entwickelt und Markscheider, die Vermessungs-Ingenieure im Bergbau, projektieren den Tunnel in über 100 Metern Tiefe mit neuen Verfahren. Noch heute schwärmen die Bergleute von deren Leistung.

So eine Genauigkeit würden wir uns heute auch wünschen. Manchmal haben wir schon bei 30 Meter tiefen Anlagen Messfehler, obwohl die digitalen Instrumente heute viel genauer sind.

Rolf Zeise, Berginspektor

Am 21. März 1877 erfolgt der Durchschlag zwischen den beiden Teilen des Rothschönberger Stollns. Damit können, nach 33 Jahren Bauzeit, die meisten Freiberger Gruben an den Rothschönberger Stolln angeschlossen werden und ihre Grubenwässer ableiten.

Schutz bei Jahrhunderthochwasser im jahr 2002

Geprägt vom Bergbau: die sächsiche Stadt Freiberg Bildrechte: dpa

Knapp 130 Jahre später bewahrt der Stolln die Stadt Freiberg vor einer Katastrophe. Denn der Entwässerungsstolln dient noch heute dem Hochwasserschutz. Beim Jahrhunderthochwasser 2002 verwandeln sich Mulde und Bobritzsch in reißende Ströme. Hätte der Rothschönberger Stolln damals nicht einen Großteil der Wassermassen abgeleitet, wäre Freiberg von einer Flutwelle bedroht gewesen.

Hochwasserschutz, alternative Energiegewinnung und beeindruckendes unterirdisches Kulturdenkmal: der Rothschönberger Stolln bietet verschiede Facetten, die zu einer Entdeckungsreise einladen.

Ironie der Geschichte: Allein der Ideengeber August von Herder hat den Stolln selbst nie gesehen. Er stirbt sieben Jahre vor Baubeginn. Doch sein Name bleibt mit diesem Bauwerk und dem Bergbau auf ewig verbunden.

Dieses Thema im Programm:MDR FERNSEHEN | Der Osten - Entdecke wo du lebst | 27. Juli 2021 | 21:00 Uhr