Japanische Blumenkunst Thüringer Ikebana-Professorin zeigt mit Blumen das Undarstellbare

Ikebana ist die japanische Kunst des Blumenarrangierens. Und sie ist zugleich viel mehr als eine reine Floristiktechnik, es geht um Meditation sowie darum, die Harmonie von Perfektion und Imperfektion zu finden. Eine Meisterin dieser philosophischen Kunst ist die Ikebana-Professorin Ingrid Bauhaus. Thüringen-Korrespondentin Mareike Wiemann hat mit ihr über die richtige Blumenwahl und die Suche nach dem Nichts gesprochen.

Ausgestelltes Ikebana-Arrangement in einer Vase
Ikebana-Arrangement in einer Vase Bildrechte: IMAGO / Fotoarena

Das Land der aufgehenden Sonne liegt manchmal näher, als man denkt, zum Beispiel in einem kleinen Dorf bei Weimar, wo Ikebana-Professorin Ingrid Bauhaus die japanische Kunst des Blumenarrangierens lehrt. Den philosophischen Ansatz dieser Kunst beschreibt sie so: "Ich sage immer bei meinen Schülerinnen, wenn ich anfange mit dem Unterricht: Sie werden im Unterricht viel 'Nichts' lernen. – Und dann gucken die immer ein bisschen irritiert, weil die denken, wir sind im falschen Kurs, wir wollen doch was lernen. Aber es geht darum, den freien Raum, das Nichts, das Unsagbare, das Undarstellbare zu zeigen."

Mit Blumen das Undarstellbare zeigen

Bei Ikebana geht es immer um die Kunst des Weglassens. Ganz im Gegensatz zur hiesigen Floristiktradition, in der um so üppiger oft umso besser ist. Bauhaus erläutert: "Es wird oft minimalistisch gearbeitet. Und dann kommt so der einzelne Halm vom Gras ... stellen Sie sich ein Farnkraut vor, diese Verästelungen, die dann nicht nur im großen Halm oder im großen Stil zu sehen sind, sondern die Verästelungen, die weiter gehen, und, und, und ... Das wird alles betont. Das wird nur sichtbar, wenn ich keinen Blumenstrauß habe, der vollgestopft ist. Und darum geht es beim Ikebana – viel leeren Raum zu zeigen."

Eine Kursteilnehmerin steckt in einem Gewächshaus in der Königlichen Gartenakademie in Berlin Hartriegelzweige in einen im Wasser liegenden Blumenigel.
Pflanzen werden in einen Blumenigel gesteckt Bildrechte: dpa

Für Bauhaus ist Ikebana deswegen ein Weg, mitten in der Pandemie die Natur vor der Haustür neu kennenzulernen. Sie arbeitet bei ihren Blumenarrangements viel mit Pflanzen, die sie draußen findet, oder die zur Jahreszeit passen. Im Herbst nutzt sie abgestorbene Äste, im Frühjahr die Frühblüher. Gerade ist sie dabei, ein winterliches Gesteck zu entwickeln. Ein meditativer Prozess, der nicht innerhalb weniger Minuten erledigt ist, sondern vielleicht auch einen Tag dauern kann.

Harmonieren von Gegensätzen

Eine Biene sitzt auf einer von zahllosen hellrosa Blüten vom Schleierkraut
Schleierkraut Bildrechte: MDR/Ulrike Kaliner

Bauhaus entscheidet sich für Schleierkraut, das den Schnee symbolisieren soll, der bald kommen könnte. Und dieser 'Schneeersatz' soll "ein bisschen diese große Blüte – die ja schon ein starker Gegensatz ist zu dem feinen, flusigen Material – auch ein bisschen verstecken." Die Blüte gehört zu einer Amaryllis, die rot hinter dem Schleierkraut hervorleuchtet. Eine gute Kombination für sie, denn genau das stehe im Zentrum eines Ikebana-Arrangements: das Harmonieren von Gegensätzen.

Ich habe zuerst eine Idee und dann lass ich mich drauf ein, und dann lasse ich mich von dem Material und vom Umfeld, vom Gefäßumfeld, lass ich mich leiten. Das Arrangement entsteht eigentlich aus den Pflanzen heraus. Und ich bin nur Mittelsmann oder Mittelsfrau dazu.

Ikebana-Künstlerin Ingrid Bauhaus

Ikebana in Japan erlernt

Man könnte meinen, Ikebana sei eine rein intuitive Angelegenheit. Doch genau das Gegenteil ist der Fall. Bauhaus darf sich nur Professorin nennen, weil sie unzählige Prüfungen und Lehrgänge in Japan durchlaufen hat.

Schülerinnen im Kimono beim Ikebana
Japanische Schülerinnen beim Ikebana Bildrechte: dpa

Eine ganze Wissenschaft steckt dahinter, mit verschiedenen Schulen, Formen und teilweise auch religiösen Vorgaben, wie der Ka-Doh, der sogenannte Blumenweg, der zu beschreiten ist. Ein paar YouTube-Tutorials reichen also bei weitem nicht aus, um in die Materie einzutauchen.

Und dennoch, sagt Bauhaus, die normalerweise an Volkshochschulen in der Umgebung lehrt, sei dies genau die richtige Zeit, um sich auf den gedanklichen Weg in Richtung Ikebana zu machen. Und einfach mal zu probieren.

Es reicht eine Blume – und die dann mal in einer passenden Vase anders zur Geltung kommen zu lassen. Das reicht vollkommen aus. Und das kann auch mal eine Blume sein, die ich am Wegesrand finde. Also ein Geschenk von der Natur.

Ingrid Bauhaus

Die Geschenke von der Natur sind für Ingrid Bauhaus auch Seelenbalsam. Durch Ikebana habe sie gelernt, nicht nur auf die schlechten Dinge im Leben zu schauen, sondern parallel auch immer das Gute zu suchen, sagt sie. Hier gehe es eben auch darum, Gegensätze in Einklang zu bringen – genau wie bei ihren Blumenarrangements.

Garten, Pflanzen, Natur und mehr

Dieses Thema im Programm: MDR KULTUR - Das Radio | 12. Februar 2021 | 18:00 Uhr

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