Kulturbahnhof Kulturbahnhof Leisnig – Kreativmagnet statt Abstellgleis

Vier internationale Musiker haben einen Platz für Kultur, Begegnungen, Konzerte sowie als Lebensort gesucht – sie fanden ihn ausgerechnet in der sächsischen Provinz. Ein Bahnhofsgebäude in Leisnig wird nun zum Kulturbahnhof. Eine spannende Idee, um dem überalterten Ort mit 30 Prozent Leerstand neue Lebensqualität und Hoffnung einzuhauchen. Und es funktioniert!

Künstler musizieren vor dem ehemaligen Bahnhof in Leisnig
In Leisnig spielt die Musik auf dem Bahnhof Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Ein stillgelegter Bahnhof wird in Leisnig zum kulturellen und persönlichen Hoffnungsort. Für vier junge, internationale Musikerinnen und Musiker, die aus Tübingen, Iran, Israel stammen, amerikanische Wurzeln haben und schon in Brasilien, Japan und Australien gelebt haben, wurde ausgerechnet dieser Platz in der sächsischen Provinz zur Liebe auf den ersten Blick. Auf der Suche nach einem Ort, wo sie zusammen mit Freunden Musik machen und andere dazu einladen können, fanden sie das verfallende Bahnhofsgebäude in Leisnig an der Mulde, 1.500 Quadratmeter Neo-Gotik mit noch immer bestehendem Zuganschluss auf den Gleisen.

Kulturbahnhof Leisnig Der Westflügel vom Bahnhof Leisnig an der Bahnstrecke Borsdorf Coswig.
Der Westflügel des Kulturbahnhofs bietet viel Raum für Veranstaltungen Bildrechte: imago images/Peter Endig

Der perfekte Ort für Kultur

Die Kreativen haben das inspirierende Gebäude gesehen und gesagt "das isses", schwärmt Kathryn Döhner und erläutert "Es ist zum einen strategisch sehr gut gelegen für so ein Kulturprojekt, was wir machen wollen, zwischen Leipzig, Dresden und Chemnitz, im Herzen dieses Dreiecks. Dann natürlich die Anbindung an die Bahn, dass die Bahn noch hält ist natürlich phantastisch für ein internationales Kulturprojekt, und die Räumlichkeiten." Auch die Bahnanbindung sei perfekt für ein internationales Kulturprojekt und nicht zuletzt habe sie auch die "wunderschöne Stadt" mit ihrer Lage an der Mulde begeistert.

Es war tatsächlich so etwas wie Liebe auf den ersten Blick.

Kathryn Döhner vom Projekt Kulturbahnhof Leisnig

Doch bevor hier überhaupt ein Ton angestimmt werden konnte, ging's erstmal ans Entrümpeln, Keller leer pumpen, Putzen und Öfen reparieren.

Große Pläne für das Kulturzentrum

Der Plan der Neubesitzer: Ein Kulturzentrum mit Tanz- und Musikworkshops, einem Hostel, Räumen für kleine Läden und Büros, die Leisniger Musikschule, ein Restaurant und Biergarten. Viel Hoffnung für einen Ort, in dem 30 Prozent der Gebäude leer stehen und der den höchsten Altersdurchschnitt in Sachsen hat. Um den Leisnigern zu zeigen, wie es auf einem Kulturbahnhof zugehen könnte, gab es eine Kostprobe, einen "Tag der offenen Tür" zu dem 500 Leute kamen. Kathryn Döhner wurde von den Leisnigern positiv überrascht: "Wir hatten eigentlich mit relativ viel Widerstand gerechnet. Und was wir erlebt haben, war so ein Riesengegensatz zu dem, was wir erwartet haben."

Leisnig Burg Mildenstein
Blick auf Leisnig an der Mulde, über dem Ort thront die Burg Mildenstein Bildrechte: imago images/Sylvio Dittrich

Die Leisniger sind begeistert

Den Leisnigern gefiel der Enthusiasmus der "Bahnhofsmusikanten". Sie brachten Geschirr, Klopapier, Möbel vorbei – und auch mal eine Riesenschüssel sächsischen Kartoffelsalat, der dann das gemeinschaftliche Grillen bereicherte. Und sie erzählten von ihrem Ort, dass vor 30 Jahren noch 120 Menschen im Drei-Schicht-System hier gearbeitet haben, dass hier sogar schon Eisenbahnlegenden wie der "Orient Express" oder der "Rheingold" auf den Gleisen gestanden haben. Und sie wollten wissen, was nun aus "ihrem Bahnhof" wird.

Diese vier jungen Leute hier, das ist ein richtiger Hauptgewinn für Leisnig.

Hildegard Börnet, Leisnigerin

Kulturbahnhof Leisnig Der Bahnhof Leisnig an der Bahnstrecke Borsdorf Coswig.
Man sieht dem Gebäude seine ursprüngliche Funktion als Bahnhof deutlich an Bildrechte: imago images/Peter Endig

Erster Musiksommer am Bahnhof

Ein Jahr ist nun vergangen, seitdem die Musiker den Bahnhof in Leisnig gekauft haben und das Projekt "Kulturbahnhof Leisnig" hat Fahrt aufgenommen. Bau- und Förderanträge sind gestellt, der Biergarten ist eröffnet, der erste "Musiksommer am Bahnhof" startet mit internationalen Folkmusikern. Die Musikerinnen und Musiker haben mittlerweile einen anderen Blick auf den Osten Deutschlands bekommen – und die Leisniger einen etwas anderen auf die Welt.

Und auch wenn im Bahnhof noch nicht alles saniert ist, haben die Aktiven eins geschafft: die Leisniger kommen wieder gerne hierher, auf einen Schwatz und ein Bier. Und Musiker aus aller Welt reisen in die sächsische Provinz, an einen Ort, der so gut wie abgeschrieben war und wo der Bahnhof nicht nur Ankunftsort sondern das Ziel ist.

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Dieses Thema im Programm: MDR KULTUR - Das Radio | 05. August 2021 | 22:05 Uhr

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