Baudenkmäler Architektur: Wie die Leipziger Konsumzentrale ein Ort für Kreative werden soll

Die Konsumzentrale in Leipzig-Plagwitz ist ein Meisterwerk der Industriearchitektur. Der beeindruckende Bau beherbergte nach seiner Fertigstellung 1932 Mitarbeitende der Leipziger Konsumgenossenschaft, die dort in der Verwaltung, dem Lager und den Werkstätten arbeiteten. Um auch für das 21. Jahrhundert gerüstet zu sein, wird das Gebäude nun unter Federführung eines Leipziger Architekturbüros bis 2026 zu einem Kreativ- und Dienstleistungszentrum umgebaut.

Die Konsumzentrale der Konsumgenossenschaft Leipzig eG
Die Konsumzentrale in Leipzig ist ein Baudenkmal, das von Architekt Fritz Höger entworfen und 1932 fertiggestellt wurde. Bildrechte: IMAGO / Peter Endig

Das Flagschiff der Leipziger Konsumgenossenschaft ist eine stromlinienförmige Stahlkonstruktion mit einer rötlich schimmernden Backsteinfassade. Auch der Leipziger Architekt Gunnar Volkmann fühlt sich an die Schifffahrt erinnert, wenn er sich diesem Gebäude nähert. In seiner Ausdehnung von 150 Metern erscheine die ehemalige Konsumzentrale wie ein riesiger Dampfer und wie ein liegender Gigant, beschreibt Volkmann.

Geschichte der Konsumzentrale

Die Konsumzentrale in Leipzig-Plagwitz wurde von dem berühmten Hamburger Architekten Fritz Höger für die Leipziger Konsumgenossenschaft entworfen und 1932 fertiggestellt. Das Industriegebäude beherbergte hunderte Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter, die in der Verwaltung, dem Lager und den Werkstätten arbeiteten.

Anfang der 2000er-Jahre wurde das Baudenkmal im Zuge des EXPO-Projekts "Plagwitz auf dem Weg ins 21. Jahrhundert" schon einmal saniert. Jetzt wird der moderne Bürokomplex noch einmal umgebaut: unter der Federführung des Leipziger Architekturbüros Weis und Volkmann soll hier bis 2026 ein modernes Kreativ- und Dienstleistungszentrum entstehen.

Architektur erinnert an ein Schiff

Rundes Fenster in der Mauer der Konsum-Zentrale in Leipzig-Plagwitz
Die runden maritimen Fenster in der Mauer der Konsum-Zentrale erinnern an Bullaugen. Bildrechte: IMAGO / Busse

Auf virtuose Art und Weise spielt die Architektur von Fritz Höger mit der maritimen Symbolik. So gibt es an der Straßenfront sogenannte Schüssel-Scheiben, die an Bullaugen erinnern. Zum anderen verweisen vergoldete Klinker am Eingangsportal an die Schulterstücke von Schiffsoffizieren. Im Treppenhaus wiederum reflektieren die Majolikafliesen das Blaugrün des Ozeans – und da kommt Gunnar Volkmann regelrecht ins Schwärmen: "Es empfängt einen ein Rausch der Sinne, wo die Farben und auch die Detailfreude einen regelrecht anspringt".

Historische Atmosphäre spürbar

Das Treppenhaus führte im ersten Stock unmittelbar in die Räume des Vorstandes mit fantastischen Wandvertäfelungen und riesigen schweren Schreibtischen, schwärmt Volkmann weiter. Man sehe den Vorstandsvorsitzenden mit der Zigarre in der Hand geradezu vor sich. Wie ein Schmuckkästchen ist das Vorstandsbüro ausgeschlagen, mit tropischen Hölzern und edlem Parkett.

Von dort aus gelangt man zu den lichtdurchfluteten Festsälen im Stockwerk darüber – und die werden immer noch für Tagungen und Feiern genutzt. Einen besonderen Charme hat vor allem die ausladende Dachterrasse. Sie erinnert an die Kommandobrücke eines Ozeandampfers. Von hier aus hat man einen fantastischen Blick auf den Stadtteilpark und den Karl-Heine-Kanal, der sich durch das Areal schlängelt.

Festsaal in der ehemaligen Leipziger Konsumzentrale.
Die Festsäle im 2. Stockwerk werden bis heute für Tagungen und Feiern genutzt. Bildrechte: W&V Architekten GmbH/Nils A. Petersen

Aus Konsumzentrale wird Kreativcampus

Die geschichtsträchtige Konsumzentrale soll nun fit gemacht werden für die Nutzung im 21. Jahrhundert. So wird hier in den nächsten Jahren ein modernes Kreativ- und Dienstleistungszentrum entstehen. Vor allem die Lagergebäude im Innenhof müssen umgebaut werden – und das geht nicht ohne behutsame Eingriffe in die denkmalgeschützte Bausubstanz.

Da es in den Lagern keine Aussicht gebe, werde man in bestimmten Bereichen die Fassade öffnen, um die Belichtungssituation zu verbessern, erklärt Architekt Volkmann. Außerdem wird das Ensemble mit einem Neubau komplettiert. Als Basis dient das eingeschossige Lager aus den 30er-Jahren. Darüber entstehen weitere Obergeschosse, die die Architektursprache von Fritz Höger sensibel in die Gegenwart übersetzen.

Neue Arbeitsplätze in Plagwitz

Das neue Herz des umgebauten Ensembles wird jedoch der Innenhof. Bislang wird er als Parkplatz genutzt. Doch künftig gibt es hier eine Art Piazza mit Grünflächen und Bänken zum Verweilen. Und die rund 1.200 Menschen, die dann hier arbeiten werden, die tun das ihrige zur Belebung der neuen Piazza.

Man wird in fünf Jahren hier eintreten, und das wird ein Gewimmel sein in diesem Hof. Es werden ganz, ganz viele Leute hier arbeiten und miteinander auf diesem Campus zusammen sein.

Architekt Gunnar Volkmann

Die Konsumzentrale an der Industriestraߟe im Stadtteil Plagwitz in Leipzig
Das Gebäude der ehemaligen Konsumzentrale ist 150 Meter lang und erinnert an einen riesigen Dampfer. Bildrechte: dpa

Transparente und offene Architektur

Transparenz und Revitalisierung – so sieht die Vision aus für die neue Konsumzentrale. Und so kann hier eine neue Pulsader des urbanen Lebens entstehen, ganz in der Nähe vom Galerienzentrum auf der Baumwollspinnerei. Und nicht weit weg vom Kirow-Werk, das kürzlich mit der futuristischen Niemeyer-Kugel ein neues Kapitel aufgeschlagen hat.

Mehr zu Industriearchitektur

Dieses Thema im Programm: MDR KULTUR - Das Radio | 22. Juni 2021 | 18:05 Uhr

Abonnieren

Kultur

Katrin Schumacher mit Audio
MDR Literaturexpertin Katrin Schumacher reist nach Brünn und Prag, um wichtige tschechische Autoren im Vorfeld der Leipziger Buchmesse zu treffen. Bildrechte: MDR/Uwe Mann, honorarfrei