"Mirror:Mirror" Leipziger Theaterprojekt zu NS-Zwangsarbeit setzt auf Interaktion: Geschichte entdecken

Es ist ein weniger bekanntes Kapitel der Stadtgeschichte: Mehr als 10.000 Zwangsarbeiter, Kriegsgefangene und KZ-Häftlinge schufteten im Leipziger Nordosten bei der HASAG, einem der größten deutschen Rüstungsproduzenten in der NS-Zeit. Mit der Aufarbeitung beschäftigt sich jetzt ein Projekt des Theaters der Jungen Welt in Leipzig. Die Macher setzen auf Interaktion, ganz zeitgemäß auch mittels einer App zur Spurensuche. Und sie stellen unerwartete aktuelle Bezüge her, indem sie den Blick lenken auf heutige Formen rechter Radikalisierung im Internet – und auf den Krieg in der Ukraine.

Menschen stehen auf einer Bühne
Das Team von "Mirror:Mirror" bei der Präsentation des Projektes Bildrechte: Theater der Jungen Welt / Foto: Tom Schulze

Spieglein, Spieglein an der Wand, wer ist der Mächtigste im ganzen Land – oder besser in der ganzen Welt? Der russische Präsident Wladimir Putin rechtfertigt seinen Krieg gegen die Ukraine als "Entnazifizierung" – eine erlogene Auslegung der Geschichte. Umso dringlicher ist es, historische Wahrheiten aufzuzeigen, sie zum Beispiel künstlerisch zu spiegeln – wie das aktuell das Theater der Jungen Welt und die Gedenkstätte für Zwangsarbeit Leipzig mit finanzieller Unterstützung der Stiftung Erinnerung Verantwortung und Zukunft tun.

Projekt, das über NS-Zeit hinaus geht

Das gemeinsame Projekt mit dem Titel "Mirror:Mirror" kommt genau zur richtigen Zeit. Es verhandelt NS-Unrecht, widmet sich besonders dem Schwerpunkt Zwangsarbeit und vergegenwärtigt zugleich aktuelle Formen rechter Radikalisierung. Das Vorhaben besteht so aus drei eigenständigen Teilprojekten.

Menschen sitzen auf einer Bühne auf Stühlen, im Hintergrund werden Informationen zum Projekt auf eine Leinwand projiziert
Das Projekt "Mirror:Mirror" dient der Aufarbeitung von NS-Zwangsarbeit in Leipzig und mahnt zu Wachsamkeit gegenüber heutigen Formen rechter Radikalisierung. Bildrechte: Theater der jungen Welt/Tom Schulze

Die Leipziger Hugo Schneider AG (HASAG)

Die Leipziger Hugo Schneider AG (HASAG) – ursprünglich eine Lampen- und Metallwarenfabrik – stieg während der NS-Zeit zu einem der größten deutschen Rüstungskonzerne auf. Ihre bekannteste Entwicklung war die Panzerfaust. Während des Zweiten Weltkriegs schufteten mehr als 10.000 Zwangsarbeiter, Kriegsgefangene und KZ-Häftlinge für die Rüstungsproduktion der HASAG.

In einem ehemaligen Pförtnerhaus befindet sich heute der Erinnerungsort für Zwangsarbeit in Leipzig, noch erhalten ist das mächtige ehemalige Verwaltungsgebäudes der HASAG.

Nach dem zweiten Weltkrieg entstanden auf dem Gelände wissenschaftliche Institute für die Chemieindustrie und angewandte Kernenergie. 1991 eröffnet dort das Helmholtz-Zentrum für Umweltforschung.   

Interaktives Planspiel zur rechten Radikalisierung im Internet als Auftakt im Mai

Den Auftakt macht mit einer Premiere im Mai das interaktive Theater-Planspiel "On the other side". Das Stück thematisiert, wie Menschen sich mittels Internet ihre Meinungen bilden, sich im Privaten oder in Foren radikalisieren.

Die Aufführung findet im Zuschauerraum statt, also wird das Publikum Teil der Geschichte, wie Dramaturg Florian Heller erklärt:

Man kann sich das vorstellen als eine Mischung aus Gesellschaftsspiel, sozialer Simulation, Liveaction, Roleplay und natürlich Theater.

Florian Heller Dramatur am Theater der Jungen Welt zum ersten Teil von "Mirror:Mirror"

App zur Spurensuche: Leipziger Orte der NS-Zwangsarbeit

Parallel zur Theaterarbeit wird von einem Game-Designer eine App fürs Handy entwickelt. Mit dem Smartphone sollen deren Nutzerinnen und Nutzer ab Herbst die Spuren von NS-Verbrechen im Leipziger Stadtraum nachverfolgen können. Grundlage dafür ist eine digitale Karte der Gedenkstätte für Zwangsarbeit, die mehr als 700 Unterkünfte und Lager von Zwangsarbeiterinnen und Zwangsarbeitern im Großraum Leipzig aufzeigt.

Basierend auf einer fiktionalen Geschichte entdecken und sammeln die Spieler Erinnerungsfetzen an ausgewählten Orten ein. Das sind beispielsweise originale historische Quellen wie Tagebucheinträge, Briefe oder Gedichte. Nach und nach, so Dramaturg Florian Heller, werde man dabei "immer tiefer in die Frage hineingezogen: Wie geht man mit diesen Erinnerungen eigentlich um? Wer hat ein Interesse daran, sie zu bewahren? Welche Möglichkeiten bekommt eine Gesellschaft durch diesen unmittelbaren Zugang und vielleicht auch: Wer will diese Erinnerungen am liebsten löschen."

Zwei ehemalige Zwangsarbeiter bei der Eröffnung der Gedenkstätte für Zwangsarbeiter in Leipzig, eine Frau kniet vor einem Gedenkkranz.
Zur Eröffnung der Gedenkstätte 2001 in Leipzig im Beisein von ehemaligen Zwangsarbeiterinnen und Zwangsarbeitern Bildrechte: dpa

Kunstraum direkt am einstigen Sitz der HASAG in Leipzig-Schönefeld

Der dritte Teil des Projektes steht unter der Überschrift "The future is yours – Die Zukunft gehört dir". Es entsteht im Leipziger Osten. Dort, wo die Hugo Schneider AG (HASAG) bis April 1945 Rüstungsgüter für die Wehrmacht produzierte, soll dieses Jahr gemeinsam mit der Performancekünstlerin Magda Korsinsky ein Kunstraum entstehen, in dem sich Teilnehmende dann künstlerisch mit den Lebensgeschichten von Zwangsarbeiterinnen und Zwangsarbeitern auseinandersetzen – auch im Austausch mit deren Nachfahren. Interessenten von 14 bis 100 Jahren können sich schon jetzt dafür bewerben.

Ältere Frau vor eine Vitrine zeigt eine Häftlingsjacke aus der NS-Zeit
Die Gedenkstätte für Zwangsarbeit in Leipzig geht auf das Engagement von Charlotte Zeitschel (1926-2011) zurück. Hier zeigt sie eine Häftlingsjacke, wie sie von Zwangsarbeitern während der NS-Diktatur getragen wurde. Bildrechte: dpa

Unerwartete aktuelle Wendung zum Ukraine-Krieg

Für TdJW-Intendantin Winnie Karnofka spannt sich mit der Projekttrilogie und dem Anspruch eines Kinder- und Jugendtheaters zugleich ein unvorhergesehener Bogen zum aktuellen Kriegsgeschehen in der Ukraine, "weil sich zeigt, was sich nicht wiederholen darf. Kinder wollen keinen Krieg. Und es ist genau diese Haltung im Menschen, die wir hier aufgreifen können, um vielleicht in Zukunft Schlimmeres zu vermeiden."

Geht der Ideenkanon von "Mirror:Mirror" auf, können Zuschauer zwischen 14 und 100 Jahren bald eine Spiegelung lebendiger Erinnerung am Puls der Zeit erleben.

Mehr Informationen Das Projekt "Mirror:Mirror" besteht aus drei Projektteilen:
1. Theater-Planspiel "On the other side"
Premiere am 7. Mai 2022

2. Spiele-App fürs Handy "Tracing remembrance"
Launch: September 2022

3. Stadtteilprojekt "The future is yours – Die Zukunft gehört dir"
Abschlusspräsentation: November 2022

Ein Projekt des Theaters der Jungen Welt Leipzig in Kooperation mit der Gedenkstätte für Zwangsarbeit Leipzig, dem Stadtgeschichtlichen Museum Leipzig und der Hochschule für Musik und Theater "Felix Mendelssohn Bartholdy" Leipzig

Team:
Dramaturgie: Florian Heller
Produktionsleitung und Social Media: Anja Stopp
Theatervermittlung: Thomas Blum

"Mirror:Mirror" wird von der Stiftung Erinnerung, Verantwortung und Zukunft und dem Bundesministerium der Finanzen gefördert.

Dieses Thema im Programm: MDR KULTUR - Das Radio | 12. März 2022 | 10:15 Uhr

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