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Das Zeitgeschichtliche Forum in Leipzig kann seit dem 17. März wieder besucht werden. Bildrechte: imago images / Steinach

Pandemie

Die Museen öffnen wieder – alles gut?

Stand: 21. März 2021, 04:00 Uhr

Große Freude bei vielen Museen in Sachsen und Sachsen-Anhalt: Sie dürfen wieder Besucherinnen und Besucher empfangen – mit Voranmeldung und begrenzter Besucheranzahl pro Zeitslot. Und immer unter der Maßgabe, dass die 7-Tage-Inzidenz nicht über 100 steigt. Wie die Häuser damit umgehen, welche Erwartungen und welche Schwierigkeiten es gibt, hat Felicitas Förster für MDR KULTUR recherchiert.

Selbst durchs Telefon hört man Matthias Rataiczyk, Leiter der Kunsthalle Talstraße in Halle, aufatmen: "Nach mehr als vier Monaten freuen wir uns natürlich riesig, wieder Besucher begrüßen zu dürfen", sagt der Kunstvermittler und fügt an: "Eine Kunsthalle ohne Besucher ist wie ein Fisch ohne Wasser."

Auch Norbert Pohler vom Forum Gestaltung in Magdeburg freut sich, vor allem auf "Live-Begegnungen mit echten Menschen ohne Mattscheibe dazwischen".

Authentisches Erleben

Stefan Weppelmann, Direktor des Leipziger Bildermuseums, wiederum schwärmt von der Begegnung mit originaler Kunst. Seinen Besuchern legt er ans Herz:

Denken Sie, wie das Schauen etwas Physisches ist, wie Sie zum Museum gekommen sind, wie Sie den Ort erleben, wie Sie sich durch die Räume bewegen, statt vor dem Bildschirm zu sitzen, wie Sie die Lichtstimmung und andere Menschen erfahren und wie alles dies etwas sein kann, an das Sie sich erinnern werden.

Stefan Weppelmann, Direktor des Leipziger Bildermuseums

Das Authentische betont auch Ute Hoffmann, Leiterin der Gedenkstätte für Opfer der NS-Euthanasie Bernburg. Für die Menschen sei es wichtig, den Ort als solchen zu erleben: "Es ist ein Unterschied, ob ich ein Buch lese oder ob ich in der Gaskammer stehe und diesen Ort wahrnehmen kann."

Dornröschenschlaf? Von wegen!

Seit November konnten Museen, Gedenkstätten und Galerien in Mitteldeutschland keine Besucher empfangen. Sie haben die Arbeit allerdings nicht einfach niedergelegt, die meisten haben die Zeit intensiv genutzt. Manche berichten sogar, sie hätten im Lockdown mehr zu tun gehabt als zuvor, zum Beispiel mit Reparaturen, Dokumentation, Weiterbildung, damit, Gelder zu akquirieren, neue Ausstellungen zu erarbeiten und alte zu verbessern und natürlich: mit der Digitalisierung. Das dürfte auch den Besucherinnen und Besuchern auffallen, wenn sie jetzt wieder eine Ausstellung betreten.

Eine ehemalige Gaskammer in der Gedenkstätte NS-Euthanasie in Bernburg. Bildrechte: dpa

Die Besucher? Sie kommen!

Hat sich der Aufwand gelohnt? Wie es scheint, schon. Manche Museen waren sofort ausgebucht, mancherorten haben sich die Gäste etwas Zeit gelassen.

"Die Besucherresonanz am ersten geöffneten Tag war noch recht bescheiden", berichtet Markus Bauer, Direktor des Schlesischen Museums zu Görlitz: "Wir haben den Eindruck, dass die Informationen über die Museumsöffnung sich noch nicht wirklich verbreitet hat." Allerdings gäbe es für das Wochenende eine ganze Menge Voranmeldungen. Eine ganze Reihe von Häusern hat seine Ausstellungen extra verlängert. So kann man nun Ausstellungen besuchen, die sonst Corona zum Opfer gefallen wären (oder eben nur digital zu sehen gewesen wären).

Der Zustand ist fragil

Freude pur also? "Nein", sagt Ulf Molzahn, Leiter des Deutschen Uhrenmuseums Glashütte, "die Freude ist angesichts des Infektionsgeschehens und der Maßnahmen zur Eindämmung nicht ungetrübt." Schließlich ist allen bewusst: Der Zustand ist fragil, hängt er doch ab vom Infektionsgeschehen der Länder.

Auch im Deutschen Uhrenmuseum Glashütte kann man wieder mit seinen Kindern hervorragende Handwerkskunst bestaunen. Bildrechte: René Gaens

So sei das Erste, was sie jeden Tag tue: Den Rechner hochfahren und die Inzidenzzahlen vom RKI checken. Das berichtet Uta Bretschneider, Direktorin am Zeitgeschichtlichen Forum Leipzig. Allerdings steht sie nicht unter ganz so hohem Druck wie manche ihrer Kolleginnen und Kollegen, denn Leipzig hat sich teilweise von der Corona-Schutzverordnung losgesagt, mit einer eigenen Allgemeinverfügung. Laut dieser zählt für manche Bereiche nicht die 7-Tages-Inzidenz des Freistaats, sondern die der Stadt. Und diese liegt – noch! – unter 100.

Damit bleibt die Öffnung von Museen, Galerien und Gedenkstätten in Leipzig erlaubt, während sie anderswo schon wieder schließen. So zum Beispiel in Chemnitz: Dort währte das Öffnungs-Glück nur vier Tage. In Dresden wiederum hatte das Hygienemuseum bereits Tickets verkauft und zahlt nun die Eintrittsgelder zurück: Die Wiedereröffnung wurde abgesagt.

Das Deutsche Hygienemuseum hat seine Öffnungspläne storniert. Bildrechte: Oliver Killig

"Wir drehen durch!"

Viele Museen in Sachsen und Sachsen-Anhalt haben die Chance, zu öffnen, allerdings gar nicht erst wahrgenommen. Das gilt vor allem für kleine Museen in freier Trägerschaft. Sie sind auf Eintrittsgelder angewiesen und kalkulieren mit knappen Haushalten. Da fällt die Entscheidung schwer: Öffnen und ein bisschen Normalität einkehren lassen? Oder geschlossen halten und dafür kein wirtschaftliches Risiko eingehen?

Eine Museumsleiterin verrät hinter vorgehaltener Hand: "Wir drehen durch!" Angesichts dieser Probleme wird nun der Ruf laut nach einem flexibleren Öffnungskonzept, das nicht mehr so stark vom Inzidenzwert abhängt.

Dieses Thema im Programm:MDR KULTUR - Das Radio | 16. März 2021 | 12:20 Uhr