Sachbuch Kampf um Schloss Hummelshain: ein Thüringer Immobilien-Krimi

Die Schlösser und Burgen sind in Thüringen eine emotionale Angelegenheit. Viele Menschen engagieren sich vor Ort für die alten Bauwerke – und erhalten so ein Stück Residenzgeschichte. Rainer Hohberg kämpft seit Jahren für den Erhalt von Schloss Hummelshain im Saale-Holzland-Kreis. Dessen Eigentümer ist pleite, deshalb soll es zwangsversteigert werden. Für Hohberg ist das nicht hinnehmbar. Nun hat er sein jahrelanges Engagement für Schloss Hummelshain in ein Buch münden lassen.

Neues Jagdschloss Hummelshain
Das neue Jagdschloss Hummelshain im Saale-Holzland-Kreis muss dringend saniert werden. Bildrechte: IMAGO

Vor 25 Jahren zog es Rainer Hohberg raus aufs Land: Der Schriftsteller kam von Jena ins beschauliche Dörfchen Hummelshain und blickte von nun an von seinem Schreibtisch aus immer auf das Neue Jagdschloss im Ort, einen Bau aus dem Jahr 1885, der ihn faszinierte.

"Was vielleicht am meisten ins Auge fällt – oder auch nicht, ist eine krasse Asymmetrie. Das hängt zusammen mit dem starken englischen Einfluss, der auf diesem Schlosse waltet", sagt Hohberg. Das gehe auf den Architekten Ernst von Ihne zurück, denn der sei in England aufgewachsen.

Ernst von Ihne, kein unbedeutender Architekt: Hummelshain war sein Erstlingswerk, später baute er etwa das Bode-Museum und die Staatsbibliothek unter den Linden in Berlin. In Hummelshain hat er gemeinsam mit seinem Kollegen Paul Stegmüller eine ganz besondere Handschrift hinterlassen: Zeugnisse aus verschiedenen Stilen der europäischen Architekturgeschichte sind hier zu finden, etwa ein gotischer Wehrturm, Renaissance-Gauben oder Rundfenster aus dem Barock – sie alle ergeben ein durchaus harmonisches Ganzes.

Ein reiner Prestige-Bau

Cover: "Die Hummelshainer Schlösser und die Jagdanlage Rieseneck"
In dem Buch "Die Hummelshainer Schlösser und die Jagdanlage Rieseneck" dokumentiert Rainer Hohberg seine jahrelangen Recherchen. Bildrechte: Schnell und Steiner

"Das Schloss ist ja eigentlich gebaut worden, um den Kaiser anzulocken. Der hier residierende Herzog hatte den Lebenstraum, einmal den Kaiser zu begrüßen. Und wir haben hier unten das alte Schloss, das war aber nicht repräsentativ genug", erklärt Hohberg. Und so habe man damals eben einen Neubau geplant – in einer Zeit, in der nirgendwo mehr Schlösser gebaut worden seien.

Rainer Hohberg hat sich über die Jahre tief in die Geschichte des Jagdschlosses eingegraben, er kennt sie vermutlich wie kein zweiter. Nun hat er sein Wissen gemeinsam mit seiner Frau, der Historikerin Claudia Hohberg, in einem Buch gesammelt – auch, weil er endlich niederschreiben wollte, wie es dem Gebäude in jüngster Zeit ergangen ist.

1992 verkaufte der Freistaat Thüringen Schloss Hummelshain an einen Leipziger Physiker – der aber, wie sich später herausstellte, nie ausreichend finanzielle Mittel für eine Sanierung hatte. Hohberg spricht von einem "Immobilienkrimi der Sonderklasse" – "Wie jemand ein Schloss kauft, es nicht bezahlt und trotzdem ins Grundbuch kommt und zum Eigentümer wird." Erst nach und nach habe der Käufer das Schloss abgestottert.

Ein Verein will dem Schloss eine Zukunft geben

Weil der Eigentümer verschuldet war, hatte er nie Aussicht auf Fördermittel. Und so wurde jahrelang nichts am Schloss gemacht. Das Dach, oder besser: die Dachlandschaft aus Gauben, Wetterfahnen, englischen Schornsteinen und Ziergittern war kaputt, es regnete hinein. Im Dachgeschoss zeigen sich die Folgen deutlich. Dort gebe es die größten Schäden, sagt Hohberg. In der ehemaligen Garderobe der Herzogin zeige sich starker Schwammbefall und jahrzehntealte Zerstörungen.

Hohberg und ein paar weitere Aktive vom Förderverein des Schlosses konnten das nur schwer ertragen. So gingen sie eine wohl einmalige Kooperation mit dem Eigentümer ein: Der Verein wurde Bauherr für Sanierungsmaßnahmen im Dachbereich und schaffte es auf diesem Wege, Fördermittel zu bekommen. Sechs Millionen Euro werden nun innerhalb von sechs Jahren verbaut.

All das dokumentiert der Schriftsteller in seinem Buch. Ein Rundumschlag, der sich mit dem Immobilienkrimi der Nachwende genau so beschäftigt wie mit dem Ausnahmearchitekten Ernst von Ihne oder der Nutzung des Gebäudes als Jugendwerkhof zu DDR-Zeiten. Hohberg hofft, dass der knapp 300 Seiten starke Band am Ende hilft, die Zukunft von Schloss Hummelshain zu sichern: Er versteht das Buch als Appell, nicht nur die großen Residenzschlösser zu hegen und zu pflegen – sondern auch die kleinen. Denn das ist es für ihn, was Thüringens Residenzkultur ausmacht.

Angaben zum Buch Claudia Hohberg, Rainer Hohberg: "Die Hummelshainer Schlösser und die Jagdanlage Rieseneck"
Schnell und Steiner
296 Seiten
20 Euro

Das Buch ist über den Förderverein Schloss Hummelshain erhältlich.

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Dieses Thema im Programm: MDR KULTUR - Das Radio | 04. Dezember 2020 | 16:40 Uhr