Jüdisches Leben Street Art in Schmalkalden: Graffiti gegen das Vergessen

Mitten in der Fachwerkstadt Schmalkalden gibt es ein etwa zehn Meter hohes Graffiti von Magda Brown. Damit soll an die Holocaust-Überlebende erinnert werden, die 93-jährig in den USA starb und aus Ungarn stammte. Street Art, geschaffen von Jugendlichen, soll in der Stadt einen Diskurs herbeiführen: Wie war das mit der jüdischen Geschichte in der eigenen Stadt? Und wie geht man heute mit Hass und Diskriminierung um?

Schmalkalden
Mit dem Graffiti soll an das jüdische Leben in Schmalkalden erinnert werden. Bildrechte: MDR/Blanka Weber

Mit Graffitis wird im thüringischen Schmalkalden u.a. an die jüdische Geschichte erinnert. Philipp Schwabe ist Anfang 30 und Projektkoordinator für das Projekt mobile Jugend im Kulturverein Villa K. Er stammt aus Schmalkalden, ist nach dem Studium in Potsdam jetzt wieder zurückgekehrt, um hier Jugendarbeit zu machen – und Street-Art-Projekte.

Holocaust-Überlebende im Straßenbild

Schmalkalden
Ein Graffiti aus dem Street-Art-Projekt in Schmalkalden Bildrechte: MDR/Blanka Weber

Wer durch die Fachwerkstadt läuft, dem fallen große Fassadenbilder auf. Auch jenes, seitlich an einem mehrgeschossigen Gebäude, in warmen Tönen und mit dem beeindruckenden Gesicht einer alten Dame. Laut Projektleiter Schwabe ist auf dem Bild Magda Brown zu sehen. Die Holocaust-Überlebende starb 93-jährig in den USA und stammt aus Ungarn. Ihr Graffiti befindet sich in der Hoffnung Nr. 17, so der Straßenname, mitten in der Altstadt zwischen Fachwerk, am Fuße der Wilhelmsburg.

Geschaffen hat das Bild ein Star der Graffiti-Szene mit dem Künstlernamen "Akut", ein ehemaliger Schmalkaldener, der jetzt für Jugendliche ein großes Idol ist.

Gegenüber dem Porträt von Magda Brown, in der Hoffnung 38, befindet sich die historische Mikwe, so Schwabe. Es ist ein altes jüdisches Ritualbad, das erst vor ein paar Jahren entdeckt wurde, dann ausgegraben und nun gesichert worden ist. Darüber steht heute ein modernes Wohnhaus. "Und das ist ein spannender Prozess", sagt Schwabe. Jüdische Geschichte der eigenen Stadt trifft auf die Geschichte einer Frau, die eigentlich aus Ungarn stammt, mit 17 Jahren nach Auschwitz und später auch Buchenwald deportiert wurde. Ihre eindrücklichen Augen sind kombiniert mit einem Schriftzug, um an die Gefahr von Hass und Diskriminierung zu erinnern. 

Wechselhafte jüdische Geschichte

Schmalkalden
Das imposante Graffiti der Holocaust-Überlebenden Magda Brown Bildrechte: MDR/Blanka Weber

Jüdisches Leben gibt es heute nicht mehr in Schmalkalden – wohl aber Orte, die daran erinnern. Mehr dazu kann man beispielsweise im Stadtarchiv erfahren. Hier arbeitet Uta Simon und beschäftigt sich auch mit der Spurensuche zum jüdischen Leben ihrer Stadt: "Wenn wir die Akten jetzt so aufeinander stapeln würden, wären das gar nicht so viele. Es gibt einmal die Sachakten, da findet man direkt 'der Jude Hirschfeld will konvertieren' oder solche direkten Sachen."

In den Ratsprotokollen und Stadtrechnungen ist das schon aufschlussreicher, denn Juden mussten im Laufe der Geschichte immer zahlen: ob für Bürgerrechte, für ihren Schutz und auch sonstige Abgaben und Steuern. Alles war immer abhängig von aktuellen Landesherrn und dadurch sehr unterschiedlich:

Und 1611, da gestattete Landgraf Moritz, dass wieder jüdische Familien nach Schmalkalden oder auch in andere hessische Städte einwandern konnten. Und da begann ein richtig toller Aufschwung.

Uta Simon, Stadtarchiv Schmalkalden

1936 gab es allerdings nur noch etwa 20 jüdische Familien in Schmalkalden, so Simon.

Geschichte reflektieren

Schmalkalden
Philipp Schwabe Bildrechte: MDR/Blanka Weber

Das Fassadenprojekt in Schmalkalden lädt ein, sich mit Geschichte auseinanderzusetzen. Mit im Boot sind auch die Gebäudeeigentümer: "Wir haben letztes Jahr festgestellt, dass es durchaus auch Zweifel gibt, denn wenn wir eine Graffitiwand gestalten lassen wollen, dann ist es vor allem auch eine Entscheidung der Hauseigentümer. Dabei ist uns aufgefallen, dass es zum Teil großen Zuspruch gab – aber zum Teil auch Zweifel, die sich einfach tatsächlich aus einer gesellschaftlichen Stimmung heraus begründen. Dass ein Hauseigentümer zum Beispiel gesagt hat, er ist sich unsicher, ob er das seinen Nachfahren antun möchte." so Projektkoordinator Schwabe. Beschädigungen hat es bislang nicht gegeben.  Im Gegenteil – der Diskurs ist eröffnet und Schwabe will ihn führen: 

Also was uns besonders wichtig ist, ist, dass wir junge Menschen begeistern, sich mit Themen auseinanderzusetzen. Also nicht einfach nur eine hohle Phrase anzunehmen, sondern diese auch zu hinterfragen.

Philipp Schwabe, Projektkoordinator

Die Fassadenbilder sollen mehr werden in der Stadt, man suche die nächsten Wände und sei mit weiteren Künstlern im Gespräch, auch um damit die eigene Jugendarbeit zu stärken.  Denn "für uns ist die Kunst ein wunderbares Mittel, um Dialog zu eröffnen.", so Schwabe. Und damit auch die eigene Geschichte zu reflektieren.

Urbane Kunst

Dieses Thema im Programm: MDR KULTUR - Das Radio | 01. Mai 2021 | 07:10 Uhr

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