Stefan Heym-Forum im Tietz Chemnitz: Schmökern in Stefan Heyms Original-Bibliothek

Im Oktober 2020 feierte das Stefan Heym-Forum in Chemnitz Eröffnung. Es ist lebendiges Museum, Begegnungs- und Forschungsstätte zu Ehren des großen Sohns der Stadt: Romancier und Essayist Stefan Heym, der 1913 als Helmut Flieg in Chemnitz geboren wurde. Herzstück des Forums ist die Stefan Heym-Arbeitsbibliothek: der Raum in Heyms Berliner Haus, in dem er zu Lebzeiten täglich saß und schrieb, ist samt Mobiliar nach Chemnitz umgezogen. 'Berühren verboten!'-Schilder sucht man hier vergebens. Denn das Museum will genau das Gegenteil: Es lädt ein einzutreten, die Bücher aus den Regalen zu ziehen und darin zu schmökern. 

Eröffnung Stefan Heym Forum
2500 Bücher von Shakespeare bis Heine mit Grußwörtern von Amos Oz und Anna Seghers beherbergt das Stefan Heym-Forum im Chemnitzer Tietz. Bildrechte: MDR/Ines Gruner-Rudelt

Echte Schätze lagern heutzutage hinter dicken Tresortüren. Oder sie sind durch jede Menge Überwachungstechnik gesichert. Nichts von beidem trifft auf die Arbeitsbibliothek von Stefan Heym im Chemnitzer Tietz zu. Das Arbeitszimmer eines der größten Schriftsteller des 20. Jahrhunderts liegt hinter gläsernen Wänden und ist für jedermann nach vorheriger Anmeldung nutzbar. Um einen wahren Schatz handele es sich trotzdem, sagt die Vorsitzende der Internationalen Stefan Heym-Gesellschaft, Ulrike Uhlig: "Ein Museum im musealen Sinn, in dem man nichts berühren darf, wäre nicht in Stefan Heyms Sinne gewesen, denn er hat immer gesagt: 'Meine Bücher soll man lesen!'"

2500 Bücher, darunter wertvolle Erstausgaben

Stefan Heym
Stefan Heym wurde 1913 als Sohn einer jüdischen Kaufmannsfamilie in Chemnitz geboren. Bildrechte: imago/epd

Und genau dazu laden rund 2500 Bücher ein. Sie stehen, fotografischer Dokumentation sei Dank, exakt so, wie Heym sie einst sortiert hatte: und zwar in ihren original Bücherwänden. In den Regalen stehen zahlreiche Erstausgaben von Stefan Heym: "5 Tage im Juni" und "Collin" neben "Die Architekten", "Ahasver" und "Schwarzenberg", darunter finden sich auch englischsprachige Exemplare, wie beispielsweise "The eyes of reason". Dann zieht Ulrike Uhlig ein abgegriffenes, vergilbtes Paperback hervor: Heyms Werk sei in in fast alle Weltsprachen übersetzt worden, erklärt sie und hält ein in chinesisch gedrucktes Buch in den Händen.

Signiert von Amos Oz und Anna Seghers

Arbeitsbibliothek von Stefan und Inge Heym in Berlin.
Die Original-Bibliothek von Stefan und Inge Heym in deren Wohnhaus in Berlin. Bildrechte: Michael Müller

Es folgen Klassiker von Goethe bis Shakespeare. Mehrere Regalböden sind gefüllt mit Lexika und Büchern, die Heym einst von Kollegen und Freunden geschenkt bekam. Amos Oz, Gregor Gysie und Anna Seghers hinterließen jeweils einen kleinen handschriftlichen Gruß auf der ersten Buchseite. An den Regalen sei nichts geschönt, betont Ulrike Uhlig und deutet auf einen hellen Rand, der von einem abgestellten Glas stammen muss: "Inge Heym erzählt immer, dass Stefan Heym abends nach getaner Arbeit durchaus auch mal einen guten Whiskey getrunken hat. Und das kann man hier alles nachvollziehen."

Von der Idee zur Umsetzung

Es sind diese Spuren eines gelebten Lebens, die die Magie des Ortes ausmachen: Auf Heyms wuchtigem Arbeitstisch steht seine geliebte Erika-Schreibmaschine. Daneben liegt die Metallrahmen-Brille, die man an ihm kennt. Auch Heyms Baskenmütze ist mit nach Chemnitz umgezogen. Ohne die Energie von zwei Frauen gäbe es all das nicht, erinnert sich Ulrike Uhlig. Als sie das erste Mal in Grünau in das Haus gekommen war, sei sie vom Anblick der sich stapelnden Büchern überwältigt gewesen. Inge Heym habe sich um den Fortbestand der Arbeitsbibliothek ihres Mannes gesorgt, erzählt Uhlig: "Und so sind wir beide auf die Idee gekommen, dafür in Chemnitz ein Platz zu finden."

Die fast fertiggestellte Original-Bibliothek Stefan Heyms im Chemnitzer Tietz
Nach langem Umzug feierte das Stefan Heym-Forum in Chemnitz im Oktober 2020 Eröffnung. Bildrechte: Igor Pastierovic

Von Anfang an selbstverständlich gewesen sei diese Entscheidung jedoch nicht. Einerseits weil es Inge Heym viel Kraft gekostet haben muss, sich von den teils sehr persönlichen Gegenständen ihres Mannes und damit auch von Erinnerungen zu trennen, meint Uhlig: "Sie müssen sich vorstellen, Ihnen räumt jemand das Herz aus Ihrem Haus aus. Ich bin Inge Heym sehr dankbar, dass sie das zu Lebzeiten auf sich genommen hat."

Heyms schwieriges Verhältnis zu seiner Heimatstadt

Andererseits ist da das stets schwierige Verhältnis von Heym zu seiner Geburtsstadt: 1931 vertrieben ihn die Nazis aus Chemnitz. Das spätere Karl Marx-Stadt genierte sich nicht, den unbequemen Dichter zu einer Lesung erst ein- und dann kurzfristig wieder auszuladen. Es dauerte bis 2001, dass die Stadt Chemnitz Heym zum Ehrenbürger ernannte. Und bis 2013, dass endlich ein Platz nach ihm benannt wurde. Was also würde Stefan Heym dazu sagen, dass seine Witwe sein Arbeitszimmer ausgerechnet nach Chemnitz verschenkt hat?   

 "Ich glaube, er wäre sehr beeindruckt", sagte Inge Heym bei der Einweihung der Bibliothek im Oktober. Es sei für Heym eine Art Rückkehr: "Er ist wiedergekommen das erste Mal 1945 als amerikanischer Soldat und da sagte er: 'Das letzte Kapitel ist noch nicht geschrieben!'. Und ich habe den Eindruck, jetzt ist mit dem Forum das letzte Kapitel geschrieben und er ist zurückgekommen."

Warenhaus in Chemnitz
Das Kulturzentrum Tietz in Chemnitz beherbergt das Stefan Heym-Forum und die kostbare Bibliothek. Bildrechte: imago images/Sylvio Dittrich

 

Mehr Kunst und Kultur aus Chemnitz

Dieses Thema im Programm: MDR KULTUR - Das Radio | 10. April 2021 | 08:15 Uhr

Abonnieren

Kultur

Katrin Schumacher mit Audio
MDR Literaturexpertin Katrin Schumacher reist nach Brünn und Prag, um wichtige tschechische Autoren im Vorfeld der Leipziger Buchmesse zu treffen. Bildrechte: MDR/Uwe Mann, honorarfrei