30 Jahre Deutsche Einheit Wie die Stiftung Denkmalschutz in den Osten kam

Seit den 1990er-Jahren ist die Stiftung Denkmalschutz auch in den neuen Bundesländern aktiv. Seit über 25 Jahren engagiert sich die Architektin Ingrid Bathe in Deutschlands größter Bürgerstiftung. Im Gespräch erinnert sie sich an ihren ersten Besuch in Quedlinburg; daran, welche Initiative die Hilfe der Stiftung vor Ort freisetzte, dass Denkmalschutz nicht alles kann, die Jugendbauhütten aber dafür sorgen, dass das Engagement weitergeht.

Blick auf Quedlinburg 7 min
Blick auf Quedlinburg Bildrechte: MDR/Axel Berger

Als Architektin Ingrid Bathe das erste Mal nach Quedlinburg kam, sah sie die Fachwerk-Schätze verfallen.
Die Hilfe der Stiftung Denkmalschutz setzte vor große Initiative frei, erinnert sie sich 30 Jahre später.

MDR KULTUR - Das Radio Sa 03.10.2020 09:35Uhr 06:46 min

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MDR KULTUR: Sie haben in den 1990er- und 2000er-Jahren bis zu ihrem Ruhestand als Projektarchitektin für die Bundesländer Thüringen und Sachsen-Anhalt gearbeitet: Quedlinburg gehörte auch dazu. Seit 1994 ist die Fachwerkstadt am Nordrand des Harzes Weltkulturerbe. Wer allerdings in den 1980er-Jahren dort etwa die Lyonel-Feininger-Galerie besuchte, wird sich noch erinnern, wie verfallen die Altstadt damals aussah. Wie erinnern Sie den Zustand dieser Stadt?

Blick über alte und verfallene Häuser in Quedlinburg, 1984
Blick über alte und verfallene Häuser in Quedlinburg, 1984 Bildrechte: dpa

Ingrid Bathe, Architektin: Ich war dort in den 1980er-Jahren, auf einer Fahrt des Architektenverbandes. Wir waren ein bisschen verstört, dass es dort eher um so eine Art Insel-Denkmalpflege ging.

Aus finanziellen Gründen blieb wohl auch nichts anderes übrig. Um den Finkenherd herum gab es einen Bereich, der gepflegt wurde, dann an der Ecke Hölle / Stieg.

Der Rest verfiel vor unseren Augen.

Und heute können Sie Kunstinteressierte durch die Stadt führen und zeigen, was der Denkmalschutz bewirkt hat?

Von A bis Z! Allerdings muss der von der Bevölkerung mitgetragen sein, sonst geht gar nichts. Und das ist in Quedlinburg tatsächlich der Fall gewesen; angefangen von der Stadtverwaltung und unterstützt von vielen fleißigen Helfern von überall. Die können auf unseren "Monumente"-Reisen übrigens auch sehen, was mit ihren Spendengeldern an die Stiftung Denkmalschutz alles geschaffen wurde.

Da ist Quedlinburg sicherlich ein besonders eindrucksvolles Beispiel ...

Absolut. Also wir haben ja diese kleinen Bronzetafeln entwickelt und die haben die Denkmaleigentümer dann sehr, sehr gern angebracht an ihren Häusern, auch mit einem bestimmten Stolz. Hier helfen Menschen aus ganz Deutschland, gefördert durch die Deutsche Stiftung Denkmalschutz.

Was glauben Sie, Frau Bathe: Was bedeutet der Erhalt von Baudenkmalen für die Menschen, die dort leben? Was spielt das für eine Rolle im Hinblick auf Identität und Heimatgefühl?

Man identifziert sich viel mehr im engeren Sinne mit seinem Eigentum, mit seinem Denkmal und im weiteren Sinne auch mit der Stadt. Wir wollen ja gepflegte Städte. Wir wollen nicht, dass alles verfallen aussieht, alt darf es sein, aber nicht verfallen. Etwas erhalten zu können, das hat das Selbstbewusstsein der Menschen unglaublich gefördert. Während es früher vielleicht hieß: 'Das muss alles weg. Wir können es nicht mehr halten.' Nach der Wende gab es dafür Mittel und man sagte, die sollen helfen, die finanzielle Last etwas erträglicher zu machen. Das setzte unglaublich viel Initiative frei, an der man nur seine Freude haben konnte.

Ich habe den Eindruck, dass der Denkmalschutz und auch die Deutsche Stiftung Denkmalschutz selten so präsent waren wie in den Jahrzehnten zwischen 1990 und 2010. War das die hohe Zeit und ist es jetzt schon wieder ein bisschen ruhiger geworden?

Das kann man nicht sagen. In den ersten Jahren nach der Wiedervereinigung hat sich die Hilfe der Deutschen Stiftung Denkmalschutz mehr auf die östlichen Bundesländer konzentriert. Das war auch im Interesse unserer Spender, weil hier die Lücken am größten waren und Hilfe am dringendsten erforderlich. Das hat jeder verstanden. Ab 2008, 2009 hieß es, wir müssen auch in den westlichen Bundesländern mehr unterstützen. Jetzt ist es wirklich paritätisch nach Einwohnerzahl und läuft so weiter, unvermindert in der Fördersumme. Wir sind bei einem Stiftungs-Jahresetat von 37 Millionen Euro und davon wird, denke ich mal, so etwa die Hälfte in die Förderprojekte gesteckt.

In vielen ostdeutschen Städten kann man heute sagen: "Donnerwetter, das Zentrum, die Altstadt mit wertvollen historischen Bauten ist super herausgeputzt." Und ringsherum herrscht das blanke Elend, viel Leerstand, im Speckgürtel unsägliche Gewerbegebiete und Einkaufsmärkte.

Denkmalschutz kann nicht alles. Da sind Fehlentscheidungen der ersten Jahre nach der Wende vermutlich ein Grund, etwa Gewerbegebiete nach draußen zu verlegen. Aber lebendige Städte wie Erfurt oder Quedlinburg, die haben das überwunden. Da ist man inzwischen wieder in den Innenstädten und kauft dort ein. Das macht ja auch viel mehr Laune als bei den immer gleichen Ketten und Marken draußen, wo man heute eher seine Großeinkäufe erledigt.

Ist Denkmalschutz eigentlich eine Sache für reifere Damen und Herren? Oder kriegt man die Jugend auch für diesen Gedanken angeworben? Was können die Jugendbauhütten da leisten?

Mauseleum im Park Georgium
Eine der Jugendbauhüttenkümmert sich gerade um das Mausoleum im Park Georgium Dessau. Bildrechte: imago/Steinach

Sie sind ein ganz großes Erfolgsprojekt der Deutschen Stiftung Denkmalschutz. Da können junge Menschen ihren Weg finden, sich ausprobieren ohne jegliche Verpflichtung. Dabei übernehmen sie aber ganz konkrete Aufgaben, die sie handwerklich umsetzen müssen. Unter Anleitung geht es da um ganze Bauwerke, die mit Hilfe der verschiedenen Gewerke zu restaurieren sind. Am Ende sehen sie, was sie geleistet haben. Die Idee war es, so Nachwuchs zu gewinnen. Und sie ist aufgegangen. Inzwischen gibt es 30 Jugendbauhütten in Deutschland.

Das Gespräch führt Thomas Bille, MDR KULTUR.

30 Jahre Deutsche Einheit

Bürgerschaftliches Engament beim Tag des offenen Denkmals 2020

Dieses Thema im Programm: MDR KULTUR - Das Radio | 03. Oktober 2020 | 10:10 Uhr