Klassik-Stiftungs-Präsidentin im Interview Darum sorgt die Barrierefreiheit an der Anna Amalia Bibliothek Weimar für Streit

Die Anna Amalia Bibliothek in Weimar hat in den letzten Jahren immer mehr Besucherinnen und Besucher verzeichnet. Deswegen wird nun der Eingangsbereich umgestaltet. Die Pläne für die Barrierefreiheit sorgen bei dem Architekten, der die Welterbestätte nach dem Brand 2004 saniert hatte, für Unmut. MDR KULTUR hat mit der Präsidentin der Klassik-Stiftung Weimar, Ulrike Lorenz, über das Spannungsfeld zwischen Barrierefreiheit und dem Schutz historischer Gebäude gesprochen.

Der Rokokosaal der Herzogin Anna Amalia Bibliothek in Weimar
Bildrechte: IMAGO

MDR KULTUR: Frau Lorenz, über welche Pläne für den neuen Eingangsbereich der Anna Amalia Bibliothek geht es konkret?

Ulrike Lorenz: Es geht um einen Treppenlift, der quasi fast unsichtbar sein wird, der sich nur ausfährt, wenn tatsächlich ein Rollstuhlfahrer vor der Tür steht. Der es dann aber eben ermöglicht, dass ein behinderter Mensch eigenständig fünf Stufen überwinden kann, um dann eigenständig an die Kasse heranzutreten und dann –  das ist der eigentliche Grund dieser Optimierungsmaßnahme – den Renaissance-Saal betreten kann.

Um entsprechenden Platz für diese Technik zu schaffen, sind grüne Bodenfliesen wieder entfernt worden. Das hat dem Architekten Walter Grunwald nicht besonders gut gefallen, denn dieser hatte den Fliesenboden vor 15 Jahren aufwendig rekonstruiert. Nachhaltig ist das nicht.

Es ist noch nicht endgültig entschieden. Aber es ist tatsächlich so, dass der Fliesenbelag, den Herr Grunwald rekonstruiert hat, für das Erdgeschoss nicht den heutigen DIN-Normen entspricht. Der ist schlicht nicht rutschfest. Und wir konnten das in den 15 Jahren seit der Wiedereröffnung der Anna-Amalia-Bibliothek mit unseren Besuchern erleben. Es gibt zahlreiche Beschwerden, auch Unfälle. Wenn wir neu an dieses Foyer herangehen, ist das ernsthaft zu bedenken. Das gehört mit zur Barrierefreiheit, dass wir für die Standfestigkeit unserer Besucher sorgen. Und insofern ist dieser Fliesenbelag in die Diskussion gekommen.

Wie geht es nun weiter?

Wir haben im Moment einen sehr intensiven Austausch mit Herrn Grunwald. Wir haben seine zahlreichen Hinweise – teilweise auch zu anderen geplanten Veränderungen – aufgenommen und sind in der Detailierungsphase. Wir sind ja mitten in der Ausführungsplanung. Wir haben noch nichts gebaut und werden mit ihm auch in dieser Woche noch ein direktes Gespräch haben, mit der Denkmalpflege auch, und werden gemeinsam Argumente austauschen. Und ich hoffe, dass es dafür eine gute Lösung gibt. De facto – sollte der Fliesenboden erhalten bleiben – müssten wir ihn mit Laufmatten abdecken, damit wir die Besucher nicht gefährden.

Barrierefreiheit und der Schutz historischer Gebäude sind nicht immer leicht vereinbar. Welche Opfer ist man denn bereit zu bringen?

Es ist ganz klar, dass das UNESCO-Welterbe bei uns höchste Priorität hat. Wir wollen im Grunde genommen den Zugang zum Denkmal optimieren, damit dann das Erlebnis des Denkmals auch wirklich ein ganz großartiges wird. Sie sprechen da aber ein Spannungsfeld an, das überall in der Welt natürlich auch bearbeitet wird. Wir sind da nicht die einzige Institution. Es gilt immer eine sehr sorgfältige Abwägung von Interessen vorzunehmen und das Ganze natürlich auch noch unter wirtschaftlichen Gesichtspunkten. Da merken Sie, wie vielgestaltig und komplex ein solcher Planungsprozess ist. Und in einem solchen stehen wir. Ich kann nur versprechen, dass ich meiner Verantwortung voll gerecht werde und sowohl den Architekten, der für die Planung zuständig war, als eben auch unsere heutigen Besucher und die Belange der Klassik-Stiftung versuche, in Übereinklang zu bringen.

Das Gespräch führte MDR KULTUR-Moderator Thomas Bille.

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Dieses Thema im Programm: MDR KULTUR - Das Radio | 11. Januar 2021 | 16:40 Uhr

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