Querschnitt: Kultur Central Theater in Thale: Wenn Kino das Leben bedeutet

Florian Leue
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Das Central Theater ist das einzige Kino in Thale. Für die Stadt ist es ein wichtiger Kultur- und Tourismus-Faktor. Für das Betreiber-Paar Manfred und Sylvia Walther ist es darüber hinaus nicht nur ihre Existenzgrundlage, sondern noch viel mehr – denn Kino bedeutet ihnen ihr Leben.

Ein Mann steht mit Kopfbedeckung vor einem Gebäude, über dessen Eingang in geschwungener Schrift Centraltheater steht.
Manfred Walther vor dem einzigen Kino Thales: dem Central Theater. Bildrechte: MDR/Luca Deutschländer

Sein halbes Leben hat Manfred Walther in Kinos verbracht und alles gegeben. Diesen Eindruck gewinnt man schnell, wenn man sich mit dem 72-Jährigen unterhält, der in Thale das "Central Theater"-Kino gemeinsam mit seiner Frau betreibt. Seit 1967 ist er im Lichtspielhaus-Betrieb tätig und hat seitdem so gut wie jeden Job in einem Kino übernommen, den man überhaupt übernehmen kann, wie er erzählt.

Central Theater: Schon immer das einzige Kino

Ein Mann sitzt in einem Kinosaal und blickt in die Kamera.
Manfred Walther arbeitet seit 1967 im Kinobetrieb und hat mit seiner Frau 2001 das Central Theater übernommen. Bildrechte: MDR/Luca Deutschländer

2001 haben er und seine Frau das Kino mit dem einen Saal und Platz für 96 Gäste gegenüber vom Thalenser Bahnhof übernommen. Damals hatte die Stadt das Gebäude erworben, um es vor dem Verfall zu retten. Denn ein anderes Lichtspielhaus gibt und gab es nie in Thale. Walther erzählt, wie sie anfangs mit sich gerungen haben, da er damals noch ein anderes Kino in Berlin betrieb. Trotzdem entschloss sich das Ehepaar dazu, die Leitung in Thale zu übernehmen – seitdem haben sie das Central Theater von der Stadt gepachtet. Und wie man heute sagen kann: zum Glück!

Denn das Kino ist ein wichtiger Kultur- und auch Tourismus-Anker für die Stadt. Das bestätigt auch Thales Bürgermeister, Maik Zedschack. Das Kino sei "ein Schätzchen" und wichtig, um Kultur nicht nur für Tagestouristen zu bieten, sondern auch einen Anreiz für Übernachtungen zu schaffen. Wie sich der Tourismus und die Kultur hier gegenseitig bedingen, weiß auch Manfred Walther zu berichten. "Es kommen bei uns viele Touristen ins Kino. Mehr Touristen als Einheimische." Was jedoch nicht bedeuten soll, dass den Thalenserinnen und Thalensern das Central Theater egal sei – im Gegenteil. Walther erzählt von viel Wertschätzung, die sie aus der Bevölkerung erfahren. "Die Bürger wollen, dass das Kino erhalten bleibt", erzählt der Cineast.

Kino-Café: Essen und trinken beim Filmschauen

Das liegt auch an einer Besonderheit des Kinos, das schon 1911 eröffnet wurde. Es ist eines von wenigen, das noch ein intaktes Kino-Café besitzt. Stolz präsentiert Manfred Walther den separaten Glaskasten, am Ende des Kinosaals. Hier gibt es Stühle und Tische, an denen die Besucherinnen und Besucher während des Films essen und trinken können.

Blick in ein Kino-Café 1 min
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Was ein wenig wie aus der Zeit gefallen scheint: Sogar das Rauchen ist hier noch erlaubt – und erfreut sich nach Angaben des 72-Jährigen selbst heute noch großer Beliebtheit bei einigen Gästen. Wer im Kino-Café sitzen will, sollte vorher reservieren, sagt Walther.

Kampf vor, während und nach Corona

Blick auf ein Kino
Das Central Theater in Thale – direkt am Bahnhof. Bildrechte: MDR/Luca Deutschländer

Wie viele andere Kultureinrichtungen mussten auch die Walthers ihr Kino während der Corona-Lockdowns schließen. "Ohne Fördermittel hätten wir es nicht geschafft", sagt er. Diese seien jedoch schnell und unkompliziert geflossen. So konnten sie ihre Existenz sichern. Auch – wie der Kinoliebhaber zugeben muss – wenn es schon davor nicht rosig lief. Schon vor der Pandemie betrug die durchschnittliche Auslastung ihres Kinos nur knapp 40 Prozent. Der Siegeszug von Streamingdiensten und der allgemeine Besucherschwund von Kinos machen sich auch hier bemerkbar. Trotzdem bleibt er optimistisch: "Langsam läuft's wieder", antwortet er auf die Zeit nach den Corona-Lockerungen angesprochen.

Ihr Programm stellen die Walthers, die auch an der Kasse stehen und alles in Eigenregie machen, selbst zusammen. Das Programm, erzählt Manfred Walther, hat sich in den vergangenen Jahren hin zum Familienkino entwickelt. Auch deshalb, weil Blockbuster- und Action-Filme Jugendliche angezogen haben, die in der Vergangenheit die Inneneinrichtung zerstört haben. So konzentrieren sie sich eher auf Kinder- und Familienfilme. Obwohl sie es sich nicht nehmen lassen, immer wieder besondere Kunstfilme zu zeigen, die ihnen selbst am Herzen liegen – dafür lieben sie das Kino zu sehr. Mehrmals im Jahr fahren sie auf verschiedenste Filmmessen im ganzen Land, um ihr Programm zu gestalten.

Kino 2022: Nicht mehr das, was es mal war

Blick in einen Kinosaal
96 Plätze bietet der Kinosaal im Central Theater. Bildrechte: MDR/Luca Deutschländer

Reich werden die Walthers mit dem Kino allerdings nicht. Der 72-Jährige ist eigentlich schon Rentner, seine Frau arbeitet nebenbei noch in einem anderen Job. Mit dem Kino-Eintritt verdient man heute nicht mehr viel - den meisten Umsatz, erklärt Manfred Walther, machen auch sie durch Getränke und Speisen. Darüber hinaus erfahren sie auch Unterstützung durch die Stadt. Gerade erst wurden die 96 Sitze des Kinosaals mit deren Hilfe erneuert.

Ein älterer Mann steht in einem Kino. 1 min
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Davor hat die Stadt vor Jahren auch schon altes Inventar aus dem Kino abgekauft, damit neue Digital-Projektoren angeschafft werden konnten. Ohne diese hätte man neuere Filme nicht mehr zeigen können. Auch, wenn dem Kino-Liebhaber Manfred Walther dabei etwas das Herz blutet. Mit Umrüstung auf Digital-Technik ist "Kino nicht mehr das, was es mal war."

Bildergalerie Mehr als 100 Jahre alt und voller Charme: das Kino Central Theater in Thale

Schriftzug an einem Kino in Thale
Das Kino Central Theater in Thale gibt es seit 1912. Bildrechte: MDR/Luca Deutschländer
Schriftzug an einem Kino in Thale
Das Kino Central Theater in Thale gibt es seit 1912. Bildrechte: MDR/Luca Deutschländer
Blick in einen Kinosaal
Noch heute ist hier vieles, wie es früher in Kinos war: Der Charme guten alten Zeit lebt. Bildrechte: MDR/Luca Deutschländer
Ein Mann sitzt in einem Kinosaal und blickt in die Kamera.
Dafür sorgen Manfred Walther und seine Frau Sylvia, die das Kino seit 2001 betreiben. Bildrechte: MDR/Luca Deutschländer
Abfotografierte Zeitschrift mit dem Bild eines alten Kinos
Als das Haus 2012 sein 100-jähriges Jubiläum feierte, berichtete auch das Thalenser Amtsblatt. Bildrechte: MDR/Luca Deutschländer
Blick in ein Café in einem Kino
Eine der Besonderheiten des Kinos: Hier gibt es bis heute ein Café, in dem gegessen, getrunken und sogar geraucht werden darf. Bildrechte: MDR/Luca Deutschländer
Zahlreiche Süßigkeiten stehen auf einem Tresen in einem Kino.
Wer ins Foyer des kleinen Kinos geht, findet da die volle Palette kleiner Kino-Snacks. Bildrechte: MDR/Luca Deutschländer
Auf einem Aufkleber in einem Kino steht -Eintrittskarten-.
Die Karte für Erwachsene gibt es ab acht Euro, am Kinotag Montag schon für sechs Euro. Die Plätze im Café sind ein bisschen teurer. Bildrechte: MDR/Luca Deutschländer
Blick durch ein Schaufenster mit Aufklebern, im Hintergrund ist ein Schaukasten zu sehen.
Geöffnet ist das Kino an sechs Tagen in der Woche, täglich gibt es zwei Vorstellungen. Bildrechte: MDR/Luca Deutschländer
In einer Hand sind zwei Videokassetten zu sehen.
Auch in einem Stummfilm über die 1920er Jahre in Thale taucht das Kino auf. Bildrechte: MDR/Luca Deutschländer
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Kino ist mein Leben

Dass die Bürgerinnen und Bürger die Arbeit der Walthers zu schätzen wissen, zeigt sich auch daran, dass einige das Central Theater den großen Multiplex-Kinos vorziehen. "Leute, die Filme in Multiplex-Kinos geschaut haben, kommen jetzt gezielt wieder", sagt Manfred Walther. Und auch wenn er dem digitalen Kino nicht so viel abgewinnen kann, könnte er sich nicht vorstellen, je etwas anderes zu machen. "Kino ist mein Leben. Dafür lasse ich alles stehen."

Reise geht weiter in Neuwegersleben

Am Mittwoch werden MDR KULTUR und MDR SACHSEN-ANHALT nach Neuwegersleben fahren. Dort steht ein Besuch der Telegraphen-Station Nr. 18 in Neuwegersleben an – eines der wohl kleinsten Museen in Sachsen-Anhalt. Dort sind die MDR-Reporter Florian Leue und Luca Deutschländer unter anderem mit Henning Fuchs verabredet, ohne dessen Engagement und das seinen verstorbenen Bruders es die Station heute wohl kaum so gäbe.

Außerdem ist ein Treffen mit Ortsbürgermeister Klaus Graßhoff geplant, der über die Bedeutung des Mini-Museums für Neuwegersleben berichtet. Verabredet sind die Reporter auch mit Klaus Schmeißer vom Verein "Telegraphenradweg", der aus Sachsen-Anhalt heraus einen ganz besonderen Radweg entlang verschiedener Telegraphenstationen entwickelt hat – der auch durch Neuwegersleben führt.

Ein "Querschnitt: Kultur" durch Sachsen-Anhalt

Dieses Thema im Programm: MDR KULTUR - Das Radio | 25. Juli 2022 | 07:10 Uhr