Weltgeschichte vor der Haustür Wie Thomas Müntzer in Mühlhausen zu Luthers Gegenspieler wurde

In der DDR wurde Thomas Müntzer als Reformator und radikaler Anführer im Bauernkrieg dargestellt, er landete sogar auf dem Fünfmarkschein. Im thüringischen Mühlhausen steht bis heute ein Denkmal an der Stelle, wo Müntzer 1525 hingerichtet wurde. Der Gedenkstein erinnert einerseits an den Theologen, zeigt aber auch, wie dessen Wirken und Handeln im Laufe der Zeit instrumentalisiert wurde. Wer war der Mann wirklich, der sich als Gegenspieler zu Martin Luther präsentierte?

Denkmal des Theologen Thomas Müntzer in Mühlhausen 15 min
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Auf dem Rieseninger Berg, am Stadtrand von Mühlhausen, befindet sich ein Gedenkstein, massiv und dennoch schlicht. Zu lesen ist dort das Thomas-Müntzer-Zitat: "Die Gewalt soll gegeben werden dem gemeinen Volk". Außerdem steht dort die Behauptung: "Seine weit in die Zukunft reichenden Ideen wurden von den Werktätigen in der Deutschen Demokratischen Republik heute verwirklicht." So atmet dieser Stein gleich mehrfach Geschichte: Er erinnert an den Theologen – und demonstriert seine Instrumentalisierung in der DDR.

Müntzers Bedeutung von der Reformation über die DDR bis heute

Zeitgenössischer Stich des evangelischen Theologen und Reformators Thomas Müntzer
Zeitgenössischer Stich des Theologen und Reformators Thomas Müntzer. Bildrechte: dpa

Dieser Gedenkstein erzählt aber auch davon, wie die Bedeutung von Denkmälern gewandelt werden kann. Denn errichtet wurde er um 1901, im Gedenken an die Opfer des Bauernkrieges. Der ursprüngliche Text, der auf das "Unglücksjahr Mühlhausens 1525" verweist, wurde in der DDR ersetzt – und zwar gleich zweimal. Erst in den 50er-, dann in den 70er-Jahren. 

In Mühlhausen auf Spuren des Wirkens von Thomas Müntzer zu stoßen, ist nicht schwierig. Es gibt eine Gedenkstätte für den Reformator, das heutige Museum St. Marien. Die Marienkirche sei, sagt Sarah Pönicke, Fachreferentin für Kulturgeschichte bei den Mühlhäuser Museen, "die letzte Predigtstätte von Thomas Müntzer, in der er also auch angestellt wurde, 1525. Dort hat er zu den Menschen, zu den Gläubigen gesprochen."

Historisch inkorrekte Darstellung des Theologen?

Thomas-Müntzer-Denkmal in Mühlhausen
Thomas-Müntzer-Denkmal in Mühlhausen Bildrechte: IMAGO

Stadtführer Hans-Gerd Jöhring wiederum verweist auf die Müntzer-Büste im Rathaus. Oder auf das Denkmal von Will Lammert aus den 50er-Jahren. Das zeigt den gebürtigen Stolberger gemäß den einstigen politischen Vorgaben der Genossen, erzählt er: "Mit Schwert und Bibel in der Hand sei er in der Schlacht von Frankenhausen vorangegangen. Historisch ist das so nicht korrekt, aber so lieben wir unseren Thomas Müntzer an der Stadtmauer Mühlhausens nach wie vor."

Müntzer gelangt 1524 in die Stadt. "Mühlhausen war vor 500 Jahren eine relativ große Stadt mit über 7.000 Einwohnern, also fast so groß wie Leipzig. Ungefähr so groß wie Erfurt. Es war eine Freie Reichsstadt", streicht Jöhring die Bedeutung des Ortes heraus. 

Luthers Realismus versus Müntzers Idealismus

Müntzer ist Reformator wie Martin Luther – und denkt doch ganz anders: Luther sei Realist genug gewesen, "um zu sehen, dass seine Reformation, so wie er sie sich vorstellt, eigentlich nur mit den Fürsten oder mindestens mit einem Teil der Fürsten umsetzbar ist. Er ist sozusagen der Realo, wenn man so will", beschreibt es der Historiker Thomas T. Müller.

Müntzer will letztlich nichts anderes als eine Reformation von unten.

Thomas T. Müller, Historiker

Müntzer dagegen habe nicht interessiert, ob die Fürsten mitmachen wollten, so Müller weiter: "Sie dürfen natürlich mitmachen, aber wenn sie nicht mitmachen, dann merken sie eben, dass sie hinweggefegt werden." Im gemeinen Mann, in den Bauern, habe Müntzer die von Gott gesandten Werkzeuge zur Durchsetzung der Ideen gesehen.

Im Bauernkrieg als Prediger in Frankenhausen

So zieht der Reformator in die Schlacht. In den Bauernkrieg. Für eine gottgefällige Welt. Als Prediger, nicht als "der vielfach gepriesene Bauernführer", wie Müller betont. Zur entscheidenden Schlacht zwischen den Aufständischen Thüringens und einem Fürstenheer kommt es am 15. Mai 1525 bei Frankenhausen. Müntzer ist der festen Überzeugung, dass er und die seinen in Gottes Namen kämpfen. Und muss auf schreckliche Weise erfahren: dem ist nicht so. Die Niederlage der Aufständischen – vernichtend. Tausende werden getötet.

Müntzer entkommt zunächst, wird aber in einem Haus gefunden, gefangen genommen und wenige Tage später hingerichtet. Sein Leichnam ist dort zu sehen, wo heute das Denkmal auf dem Rieseninger Berg steht. Damit die Menschen auf drastische Art begreifen lernen, was mit Aufrührern geschieht.

Blick von der Stadtmauer zur Kirche St. Marien.
Die Marienkirche in Mühlhausen gilt als Müntzer-Gedenkstätte. Bildrechte: imago/imagebroker

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Dieses Thema im Programm: MDR KULTUR - Das Radio | 14. November 2021 | 16:10 Uhr