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Schloss Altenstein Bildrechte: MDR/Ruth Breer

Debatte

Soll die Thüringer Residenzkultur Welterbe werden?

von Mareike Wiemann, Thüringen-Korrespondentin MDR KULTUR

Stand: 22. April 2021, 04:00 Uhr

In Thüringen reiht sich Schloss an Schloss, was sich aus der Geschichte der Kleinstaaterei der Residenzen erklärt: Jeder Mini-Landesherrscher wollte andere mit seinem Prunk und Glanz überbieten. Dieses einzigartige Ensemble der Residenzkultur könnte nun als Weltkulturerbe vorgeschlagen werden. Allerdings gibt es schon sehr viele Schlösser und Burgen auf der UNESCO-Welterbeliste. Wie stehen die Chancen für Thüringen?

Das Siegel Welterbe haben bislang in Thüringen nur die ganz großen touristischen Ziele im Freistaat: Wartburg, das Klassische Weimar und das Bauhaus. Für viele Schlösser-Enthusiasten und auch die Landesregierung fehlt da aber noch etwas auf der Liste, sie finden, dass die Residenzkultur in Thüringen absolut einmalig ist, also die historisch gewachsene Kulturlandschaft, in der ein Schloss meist nur wenige Kilometer entfernt vom nächsten steht. Und deswegen soll der große Wurf angegangen werden: Die Stiftung Thüringer Schlösser und Gärten bereitet seit einigen Monaten eine Bewerbung für die Tentativliste vor, das ist die Welterbe-Vorschlagsliste für künftige Kandidaten, die Deutschland aufstellen kann.

Ein historischer Flickenteppich

Bis 1920 glich Thüringen einem Flickenteppich voller Kleinstaaten. Um Kriege zu führen, waren die Herzöge und Fürsten zu arm – und so steckten sie ihr Geld lieber in die schönen Künste und in ihre Residenzen.

Knapp 30 gibt es davon heute noch im Freistaat und für Michael Brodführer, Bürgermeister des Städtchens Bad Liebenstein haben sie im Verbund Welterbe-Potenzial:

Michael Brodführer Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Wir haben historisch gesehen eine Vielfalt an Schlössern und Gärten, die aber auf ein gemeinsames kulturelles Verständnis zurückzuführen sind. Wenn man so will, haben wir hier eine friedliche Koexistenz von Herrschaften gehabt, die sich letztendlich zu dem heutigen Thüringen geformt haben, das wir kennen.

Michael Brodführer, Bürgermeister von Bad Liebenstein

Zu Brodführers Kommune gehören Schloss und Park Altenstein, ein wunderschöner, teils wildromantischer Landschaftsgarten mit einer Sommerresidenz im Stile der Neo-Renaissance. Ob das Areal Teil der Bewerbung wird, liegt in den Händen von Doris Fischer, Direktorin der Stiftung Thüringer Schlösser und Gärten. Sie ist gerade mit einem Team dabei, Highlights der Residenzkultur herauszusuchen, mit denen auch international gepunktet werden kann:

Doris Fischer Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Man muss ja immer die Frage stellen: Was fehlt auf der Liste? Was ist unterrepräsentiert für den europäischen Raum? Und das andere ist: Was zeichnet denn diese Häuser aus und was könnte die Welt an ihnen interessieren? Also, es geht ja immer um das bauliche Erbe, über das wir hier sprechen.

Doris Fischer, Direktorin der Stiftung Thüringer Schlösser und Gärten

Welterbe-Konkurrenz der Schlösser und Burgen

Was fehlt auf der Liste? – das ist die spannende Frage, denn viele europäische Schlösser wurden bereits zum Welterbe gekürt. Für die UNESCO eigentlich schon zu viele, seit den 90er-Jahren beklagt sie eine zu starke Fokussierung auf Bauwerke dieser Art. Christoph Brumann vom halleschen Max-Planck-Institut für ethnologische Forschung blickt deswegen mit einer ordentlichen Portion Skepsis auf das Vorhaben in Thüringen.

Also wenn ich auf das Geschehen der letzten Jahre gucke, dann ist es gerade bei den großen Ländern, die sich schon reichlich mit Welterbe bedacht haben, eher die 'zweite Garnitur', wenn man mir den Ausdruck verzeihen möge. Die Thüringer Schlösser sind nicht Potsdam.

Christoph Brumann, Max-Planck-Institut für ethnologische Forschung Halle

Ethnologe Brumann forscht seit Jahren zu den Welterbe-Auswahlprozessen. Er sagt auch, dass es am Ende nicht unbedingt die Chancen schmälere, wenn ein Welterbe-Kandidat die Wünsche der UNESCO unterlaufe. Vielmehr müsse man sich klar machen, dass es sich um politische Entscheidungen der Mitgliedsstaaten handele. Der Naumburger Dom etwa sei Welterbe geworden, obwohl der zuständige Expertenrat sich ausdrücklich dagegen ausgesprochen hätte. Brumann meint: "Mittlerweile ist es so, dass wenn man ein bisschen diplomatischen Druck dahinter setzt, es eigentlich jedem gelingt, seine Welterbewünsche auch zu erfüllen. Daran wird sich auch so schnell nichts ändern, es gibt immer eine Mehrheit der Komiteestaaten, die damit durchaus zufrieden ist, ihre eigenen Kandidaten auf die Liste zu bringen."

Bewerbung sollte Chefsache sein

Was heißt dies nun für Thüringen? Vielleicht, dass die Residenzkultur Welterbe werden kann, wenn sie mit Nachdruck bei der UNESCO angepriesen und beworben wird. Bürgermeister Brodführer wünscht sich hier mehr Engagement der Landesregierung, er fordert Ministerpräsident Bodo Ramelow auf, die Bewerbung jetzt schon zur Chefsache zur machen. Stiftungsdirektorin Fischer plädiert derweil für mehr Selbstbewusstsein – sie stehe mit ihrer Expertise voll und ganz hinter dem Anliegen.

Ich arbeite mit Überzeugung, weil ich sage: Das ist hier ein sehr spezifischer verdichteter Kulturraum mit großen Besonderheiten und großen Schätzen. Und ich bin wirklich der Überzeugung, dass das Welterbestatus haben sollte.

Doris Fischer, Direktorin der Stiftung Thüringer Schlösser und Gärten

Schon im Oktober muss die Welterbe-Bewerbung für die deutsche Tentativliste eingereicht werden. Bei Erfolg schlösse sich ein über Jahre dauerndes Verfahren bei der UNESCO an.

Dieses Thema im Programm:MDR KULTUR - Das Radio | 22. April 2021 | 07:40 Uhr