Querschnitt: Kultur Mit der Vergangenheit in die Zukunft: Werben und die Kultur

Florian Leue
Bildrechte: MDR/Jörn Rettig

Werben ist nicht nur die kleinste Hansestadt Europas, sondern besticht auch durch seinen historischen Stadtkern. Das geschichtsträchtige Ambiente will ein Verein aus der Stadt erhalten und gleichzeitig das kulturelle Leben erweitern. Dabei hilft ihnen auch das gesellschaftliche Engagement der Einwohner.

Ein Mann steht vor einem pflanzenbewachsenen Haus und lächelt.
Jochen Großmann setzt sich für Kultur in Werben ein. Bildrechte: MDR/Luca Deutschländer

In Werben scheint die Zeit stillzustehen – aber das im positiven Sinne. Denn dadurch hat sich die kleinste Hansestadt Europas ein besonderes Flair aufgebaut und erhalten, von dem viele andere Städte nur träumen können und auf das die Werbenerinnen und Werbener auch sichtlich stolz sind.

Historischer Stadtkern aus dem Mittelalter

Mehrere unterschiedlich gut erhaltene Fachwerkhäuser, im Hintergrund Teile einer Kirche.
Die Einwohner Werbens sind stolz auf ihr historisches Stadtbild. Bildrechte: MDR/Luca Deutschländer

Wenn man von stillstehender Zeit spricht, dann bezieht sich das vor allem auf die historische Altstadt hier. Viele Gebäude – wie zum Beispiel das alte Stadttor, in dem sich heute ein Museum befindet – stammen noch aus der Zeit des Mittelalters und sind erstaunlich gut erhalten. Schlendert man durch die gemütlichen Gassen Werbens, fallen die vielen Fachwerkhäuser im Biedermeier-Stil auf. Und das ist es auch, was die Stadt so besonders macht – dieses historische, schlichte, aber eben größtenteils einheitliche Straßenensemble, was wie aus einer anderen Zeit zu stammen scheint.

Kultur auf den zweiten Blick

Und um dieses Bild zu bewahren, hat sich der Arbeitskreis Werbener Altstadt gegründet. Dem Verein steht Jochen Großmann vor. Großmann, Professor für klassischen Gesang an der Universität der Künste Berlin, besitzt seit sieben Jahren ein Haus in Werben. Schlendert man mit ihm durch die Stadt, gerät er immer wieder ins Schwärmen über die historischen Gebäude und vor allem über das Engagement der Werbenerinnen und Werbener. "Ich bin begeistert, wie viele mitziehen", sagt er. Vor allem verbinde die knapp 80 Vereinsmitglieder ihre Liebe für die alten Häuser und die Kultur, beschreibt er den gegenseitigen Zusammenhalt.

Ein Mann steht lachend vor einem Hauseingang. 1 min
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00:49 min

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Denn auch darum kümmert sich der Arbeitskreis. Sie organisieren Konzerte, Ausstellungen, Lesungen und auch Theater. Kultur, die oft aber erst auf den zweiten Blick sichtbar wird. Denn viele von den Veranstaltungen finden nicht etwa in einer Stadthalle oder dergleichen statt, sondern in den kleinen, privaten Fachwerkhäusern der Stadt. So steht neben der Salzkirche, in der sich ebenfalls ein Museum und Kulturort befindet, ein kleines, unscheinbares Eckhaus.

An einem Klinkerbau hänt ein Schild, auf dem Bücher und Tee geschrieben steht.
In der "Bücherstube" finden regelmäßig Konzerte und Lesungen statt. Bildrechte: MDR/Luca Deutschländer

Großmann erklärt, dass dieses Haus vor ein paar Jahren von einem Ehepaar gekauft, von Grund auf renoviert wurde und die beiden dann die komplette untere Etage als öffentlichen Raum für Kultur zur Verfügung stellten. Aktuell kann man sich zum Beispiel eine Foto-Ausstellung dort ansehen. Oder die kleine Bücherstube, in der ein älteres Paar regelmäßig Konzerte und Lesungen veranstaltet, und hinter seinem Haus Tee und Kaffee im Hof ausschenkt.

Aus einer Schule wird ein Café

Das Engagement des Vereins weiß auch Bürgermeister Bernd Schulze zu schätzen. "Das ist eine tolle Sache, die die hier machen", sagt er und meint damit zum Beispiel auch den zwei Mal im Jahr stattfindenden Biedermeiermarkt, der ebenfalls vom Arbeitskreis organisiert wird und regelmäßig Tausende Besucherinnen und Besucher anzieht. Generell freut es Großmann, dass ihre Veranstaltungen nach eigenen Angaben oft gut angenommen werden – sowohl von den Bewohnerinnen und Bewohnern Werbens, als auch darüber hinaus.

Ein restauriertes Fachwerkhaus
In die alte Knabenschule ist ein Café eingezogen – und soll in Zukunft auch als Kulturort genutzt werden können. Bildrechte: MDR/Luca Deutschländer

Und das nächste Projekt des Arbeitskreises Werbener Altstadt ist schon in den letzten Zügen. 2016 erstanden sie die alte Knabenschule, die seit Jahren leer stand und verfiel. Gemeinsam renovierten sie das komplette Gebäude und betreiben seit 2019 ein Café darin. "In Werben fehlte ein Ort der Begegnung, den wollten wir damit schaffen", erklärt Großmann. Drei Jahre betrieben sie das Café ehrenamtlich, seit März dieses Jahres ist es offiziell verpachtet.

Bildergalerie Ein Spaziergang durch die Hansestadt Werben

Die Hansestadt Werben im nordöstlichen Zipfel Sachsen-Anhalts besticht mit historischem Charme. Ein Spaziergang in Bildern.

Blick auf Teile der Kirche in Werben
Ein Spaziergang durch die Hansestadt Werben sollte zwingend an der St. Johanniskirche vorbeiführen. Sie ist täglich für Gäste geöffnet. Bildrechte: MDR/Luca Deutschländer
Blick auf Teile der Kirche in Werben
Ein Spaziergang durch die Hansestadt Werben sollte zwingend an der St. Johanniskirche vorbeiführen. Sie ist täglich für Gäste geöffnet. Bildrechte: MDR/Luca Deutschländer
Ein restauriertes Fachwerkhaus
Direkt gegenüber liegt die alte Knabenschule. Sie verfiel lange Zeit. Dann kaufte der Arbeitskreis Werbener Altstadt das Gebäude – sanierte es und machte ein Café daraus. Bildrechte: MDR/Luca Deutschländer
Blick in den Gastraum eines im Biedermeier-Stil errichteten Cafés
Es lädt heute im Biedermeier-Stil zu einem Kaffee und selbstgebackenem Kuchen ein. Bildrechte: MDR/Luca Deutschländer
Neben einem restaurierten Gebäude ist ein Logo zu sehen.
Geöffnet ist jetzt im Sommer immer donnerstags bis sonntags. Bildrechte: MDR/Luca Deutschländer
Ein entkerntes und verfallenes Fachwerkhaus in Werben
Viele alte Fachwerkhäuser sind inzwischen restauriert. Die, die es noch nicht sind, sind inzwischen verkauft und sollen perspektivisch von ihren Besitzern restauriert werden, wie dieses hier. Bildrechte: MDR/Luca Deutschländer
An einer Holztür klebt ein Schild, auf das eine Weisheit von Heine geschrieben ist.
Bei einem Spaziergang in Werben entdeckt der aufmerksame Besucher immer wieder kleine Botschaften, angebracht von einer Einwohnerin. Bildrechte: MDR/Luca Deutschländer
Zwei Männer stehen in einem Gebäude, einer redet, der andere hört ihm zu.
Jochen Großmann (rechts) ist der Vorsitzende des Arbeitskreises Werbener Altstadt, der in Werben dafür sorgt, dass die Altstadt nicht dem Verfall preisgegeben ist. Bürgermeister Bernd Schulze freut sich über das Engagement so vieler Werbenerinnen und Werbener. Bildrechte: MDR/Luca Deutschländer
Blick auf mehrere geklinkerte Gebäude in der Hansestadt Werben, vor denen gebaut wird.
Neulich erst wurde in dieser Straße – aktuell wird hier Breitband verlegt – ein neues Dach nach historischen Maßstäben gedeckt. Bildrechte: MDR/Luca Deutschländer
In Werben hängt an einem Laternenmasten ein Schild, das auf den Elberadweg hinweist.
Zu sehen bekommen all das zahlreiche Touristen, die allein wegen des Elberadweges nach Werben kommen. Bildrechte: MDR/Luca Deutschländer
An einem früheren Stadttor von Werben steht auf einem Schild Elbtor Museum Werben
Sehen dann auch das Elbtor, das einzige verbliebene von einst vier Stadttoren. Bildrechte: MDR/Luca Deutschländer
Jochen Großmann vom Arbeitskreis Werbener Altstadt unterhält sich bei einem Spaziergang mit MDR-Reporter Florian Leue.
Jochen Großmann weiß darüber viel zu berichten, hier im Gespräch mit MDR-Reporter Florian Leue (rechts). Bildrechte: MDR/Luca Deutschländer
Auf einer Fliese ist eine Zeichnung des Elbtors von Werben zu sehen.
Und weil Großmann Werben inzwischen lieben gelernt hat, hat er in seiner Küche sogar passende Fliesen angebracht. Diese hier zeigt, genau, eine Zeichnung des Elbtores. Bildrechte: MDR/Luca Deutschländer
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Mit historischem Ensemble in die Zukunft

Und auch hier haben Großmann und seine Mitstreiter und Mitstreiterinnen noch weitere Pläne: Das Café soll als Ort für Konzerte und Lesungen etabliert werden. So wollen sie die Kultur in Werben fit für die Zukunft machen – aber eben in historischem Gewand.

Mehrere unterschiedlich gut erhaltene Fachwerkhäuser, im Hintergrund Teile einer Kirche. 1 min
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Fr 29.07.2022 14:25Uhr 00:30 min

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Dieses Thema im Programm: MDR KULTUR - Das Radio | 29. Juli 2022 | 16:10 Uhr