Schwerpunkt Kulturhäuser Freimaurer, Frauentreff, DDR-Jugendclub: Die wechselvolle Geschichte des Kulturhauses Wernigerode

20. Juli 2020, 04:00 Uhr

1912 für die Freimaurer "Zum starken Licht am Brocken" erbaut, erlebte das Haus in Wernigerode eine wechselvolle Geschichte. Die Nazis verboten die Logen, aus dem Haus wurde ein Treffpunkt für die deutsche Frau. Zu DDR-Zeiten wurde es nach dem italienischen Kommunisten Togliatti benannt. Die Jugend traf sich dort zum Tanz und zur Märchenstunde. Nun nennt die Freimaurer-Weltkugelstiftung das Haus wieder ihr eigen und sieht es wie zur Gründungszeit als gesellschaftlichen Mittelpunkt der Stadt.

Seit über 100 Jahren steht am Heltauer Platz in Wernigerode das im historistischen Stil erbaute Logenhaus: Mit einem dorischen Säulenportikus wirkt es nicht nur von außen imposant. Auf die großzügige Anlage mit zwei Treppenaufgängen macht Bernd-Jürgen Sahland aufmerksam. Er ist Meister vom Stuhl, wie die Freimaurer den Vereinsvorsitzenden nennen: "Sie kommen also von beiden Seiten und gehen auf die Mitte zu."

Sitz der Loge "Zum starken Licht am Brocken"

1912 wurde das Haus speziell für die erst zehn Jahre zuvor gegründete Loge "Zum starken Licht am Brocken" erbaut. Es war die Hochzeit dieser im ausgehenden Mittelalter entstandenen geheimnisumwobenen Männerbünde. Bei rund 160 Mitgliedern brauchte man in Wernigerode damals ein geeignetes Vereinsheim, wie Sahland erläutert. Irgendeine Gastwirtschaft komme als Treffpunkt für Freimaurer nicht infrage, um Räume mit der passenden Symbolik zu schaffen, wurden Logenhäuser gebaut.

Neben einem als Tempel bezeichneten Raum, ist auch das Gebäude in Wernigerode gespickt mit Symbolik – dazu gehören Säulen oder das Dreieck an Türen und Fenstern, angelehnt an Winkelmaß und Zirkel, die Erkennungszeichen der Freimaurer. Außerdem gibt es einen großen Saal, Bernd-Jürgen Sahland zufolge wurde Tanz darin veranstaltet, offizielle Bälle, auch Vorträge für Frauen und Familien:

Das Haus war also nicht nur so ein bisschen mystischer, heimlicher Treffpunkt der Männer, sondern gesellschaftlicher Mittelpunkt der Stadt.

Bernd-Jürgen Sahland Freimaurer

Wo ist das alte Togliatti?

Doch währte das nur rund zwei Jahrzehnte. 1935 wurden die Freimaurer von den Nationalsozialisten enteignet und verboten. Aus dem Sitz der Loge in Wernigerode wurde das Haus der deutschen Frau. Am Ende des Zweiten Weltkrieges zog erst die sowjetische Kommandantur ein. Zu DDR-Zeiten nutzte es die NVA für Musterungen, außerdem war es Jugendclubhaus. Bernd-Jürgen Sahland beschreibt die multifunktionale Nutzung: "Im Obergeschoß war der Modellbauverein drin, im Mittelbereich war generell Diskothek und Tanzschule. Sonnabends wurde am Nachmittag ein Fernsehzimmer geöffnet, in dem die Kinder "Meister Nadelöhr" gucken konnten. Es hatte ja nicht jeder einen Fernseher zuhause in den 60er-Jahren."

Später bekam das Haus dann einen neuen Namen: Palmiro Togliatti – nach dem Generalsekretär der Kommunistischen Partei Italiens. Der prägte sich ein, sagt Sahland: "Das war die Zeit in Achtzigern, da hatte Wernigerode eine dieser berühmten Patenschaften mit einer italienischen Stadt. Damals musste alles irgendwie einen Namen kriegen. Da man sich ein bisschen international geöffnet hatte, wurde es der italienische Kommunist Palmiro Togliatti."

Wenn Sie heute jemanden fragen: 'Wo ist das alte Togliatti?' Das wissen die Einheimischen manchmal eher, als wenn man fragt: 'Wo ist das Logenhaus?'"

Bernd-Jürgen Sahland Freimaurer

Kein Wunder, denn erst nach 70 Jahren – wurden die Immobilien der Freimaurer nach dem Mauerfall zurückgegeben an die nationale Mutterloge.

Freimaurer geben sich offen

So gehört das Wernigeröder Haus bis heute der Weltkugelstiftung, die es vermietet, wie Bernd-Jürgen Sahland berichtet: "Das Philharmonische Kammerorchester war schon vor der Wende Mieter und ist es noch, das sind Probenräume und ein Archiv. Ab und zu haben wir auch schon kleine Konzerte durchgeführt. In der ersten Etage ist die Tanzschule Kastern mit Tanzsaal und Gastronomie. Im Erdgeschoss haben wir den Sozialverband. Im restlichen Bereich sind wir als Freimaurerloge drin."

Auch heute trifft sie sich nicht nur im geheimen Männerbund, wie immer noch von vielen vermutet, sondern auch mit Familie. Zum Tag der offenen Tür wird geladen. So bleibt das Haus trotz wechselvoller Geschichte ein gesellschaftlicher Treffpunkt.

Wie es um Kulturhäuser in Mitteldeutschland bestellt ist

Dieses Thema im Programm: MDR KULTUR - Das Radio | 22. Juli 2020 | 08:40 Uhr

Abonnieren