Klangkunst "Wisentaland": Thüringer Sagen als Hörspiel neu erleben

Die Wisenta ist ein kleiner Zufluss der Saale im Osten Thüringens. Vermutlich lebten die großen gleichnamigen Tiere im 11. Jahrhundert noch in der Schleizer Gegend. Dass sie reich ist an alten Sagen, entdeckte der Weimarer Klangkünstler Kay Kalytta eher zufällig nach seinen vielen Ausflügen in die Region. Er lud Autorinnen wie Daniela Danz ein, die alten Geschichten neu zu erzählen. Sie klingen wie die Landschaft, deren Sound er selber eingefangen hat. Auf dem Portal "Wisentaland" lässt sich kostenfrei eintauchen in diese kaum bekannte Sagenwelt.

Wisentaland
Einladung zu einer Klangreise im Online-Portal "Wisentaland" Bildrechte: Kay Kalytta

Die Gegend rund um die Wisenta hat etwas Mystisches, findet Kay Kalytta. Der Weimarer Klangkünstler hat in den vergangenen Jahren viele einsame Ausflüge in die Region bei Ziegenrück und Schleiz unternommen. Er fühlt sich an eine Fjordlandschaft erinnert, "dadurch dass ja diese zwei Talsperren da sind. Dann gibt es sehr tiefe Wälder. Und mittendrin die Wisenta als kleiner Bach. Es gibt verstecke Orte, die wunderschön sind. Auch an der Saale."

Inspiriert von alten Thüringer Sagen und Originalaufnahmen

Wisentaland
Fasziniert vom Fieldrecording in Wisentaland und anderswo: Kay Kalytta Bildrechte: Kay Kalytta

Vor einigen Jahren fiel Kalytta dann eher zufällig ein Sagen-Büchlein aus der Region in die Hände, zusammengestellt zu DDR-Zeiten von Günter Wachter.

Die Texte beflügelten ihn, weil sie tief in die Geschichte eintauchen und Geschichten erzählen, die kaum einer noch kennt:

"Und da habe ich beim Lesen gedacht: 'Mensch, das ist ja Wahnsinn.' Da kann man fragen: 'Okay, wer ist eigentlich ein Ur-Thüringer? Welche Menschen haben hier mal gelebt, was haben die für eine Rolle gespielt, was ist politisch passiert?'"

Daniela Danz holt das Hüttenmännchen in die Gegenwart

So nahm das Projekt seinen Lauf: Kalytta bat verschiedene lokale Autorinnen und Autoren, sich eine Sage herauszusuchen und zu einem Hörspiel umzuarbeiten. Es gab keine Vorgaben, inwieweit die Vorlage eine Rolle spielen sollte. Auch Schriftstellerin Daniela Danz nahm das Angebot an, sie adaptierte die Sage "Das Hüttenmännchen von Burgkammer". In der ursprünglichen Geschichte geht es um fleißige Hüttenmännchen, die ein Eisen-Hammerwerk am Laufen halten, bis sie eines Tages entdeckt werden.

Daniela Danz, Leiterin des Schillerhauses in Rudolstadt
Schriftstellerin Daniela Danz Bildrechte: Nils-Christian Engel

Danz machte daraus eine Hörspiel rund ums Thema niedergehende Industrie, mit dem Titel "Der fremde Blick". Darin heißt es: "Dicht gemacht. Da stehen wir und man braucht uns nicht mehr. Wenn dich das Glück die ganze Zeit anschaut, machst du dir gar nichts draus. Aber plötzlich dreht es sich um und dreht zur Tür raus. Und da weißt du – es ist aus. Und du fragst dich, was du falsch gemacht hast ..." Dazu erklärt Danz: "Das fand ich in der Hinsicht interessant, dass Menschen sich ein politisches Problem persönlich zu Herzen nehmen und meinen, dass es an ihrem individuellen Verhalten liegt, wenn sich das Schicksal von ihnen abgewendet hat. Aber im Grunde ist es ein politisches Problem."

Nicht nur Danz hat aus der Sage ein Hörspiel mit ganz neuer Kraft geschaffen. Auch die anderen Stücke locken mit ungewöhnlichen Zugängen zu den alten Texten. Verena Zeltner holt in "Saalezauber" eine Sagengestalt in die Jetzt-Zeit, lässt eine Nixe auf dem Campingplatz urlauben. Stefan Petermann macht aus der Ursprungsgeschichte "Der Pestmann von Schleiz" kurzerhand einen Podcast sozusagen als Pestilenz-Update, die Corona-Pandemie lässt grüßen.

Akustisch-mystisch und original

Wisentaland
Hier spielt "Das Hüttenmännchen von Burgkammer", das Daniela Danz adaptierte. Bildrechte: Kay Kalytta

Diese Hörspiele sind eigensinnig, ungewöhnlich, lustig und vor allem auch von Kay Kalytta wunderbar akustisch-mystisch umgesetzt.

Viele Atmo- und Geräusch-Aufnahmen stammen aus sogenannten Field-Recordings. Heißt, sie wurden direkt an den Orten aufgenommen, um die es in den Geschichten auch geht:

Klar, es gibt Riesenbibliotheken. Du kannst mittlerweile alles kaufen. Aber uns war wichtig, dass man die Original-Klänge von dem Ort hat. Das ist viel schöner. Ich habe sie dann auch 360-Grad produziert. Es lohnt sich deswegen sehr, die Geschichten über Kopfhörer zu hören. Dann kommt man noch mehr in diesen Raum rein.

Also, Kopfhörer auf, Augen zu und los geht's auf ins Sagen umwobene Wisentaland. Das Projekt des Thüringer Vereins Lese-Zeichen steht kostenfrei online.

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Dieses Thema im Programm: MDR KULTUR - Das Radio | 12. März 2021 | 08:10 Uhr

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