Plakatmotiv der Ausstellung „Abenteuer der Vernunft“
Goethe wurde am 28. August 1749 geboren - in diesem Jahr ist sein 270. Geburtstag Bildrechte: Klassik Stiftung Weimar

Ausstellung in Weimar Warum Wissenschaftler Goethe auch irrte

Anhand der Forschungen von Goethe kann man den Wissensdrang seiner Zeit nachvollziehen. Zu sehen gibt es in einer Weimarer Ausstellung Kurioses und damals hochmoderne Forschungsmittel. Auch Irrwege, wie Goethes Farbenlehre oder die damals heftig geführten wissenschaftlichen Debatten zwischen Neptunisten und Vulkanisten lassen sich anschaulich nachvollziehen. Sie zeigen auf, was Wissenschaft auch heute noch lebendig macht und wo sie ihre Ursprünge hat.

von Jörg Sobiella, MDR KULTUR-Landeskorrespondent in Thüringen

Plakatmotiv der Ausstellung „Abenteuer der Vernunft“
Goethe wurde am 28. August 1749 geboren - in diesem Jahr ist sein 270. Geburtstag Bildrechte: Klassik Stiftung Weimar

Eine Ausstellung unter dem Titel "Abenteuer der Vernunft. Goethe und die Naturwissenschaften um 1800" ist derzeit anlässlich des 270. Geburtstages von Johann Wolfgang von Goethe in Weimar zu sehen. Es ist das erste Mal, dass Goethe und mit ihm die Naturwissenschaften der Zeit so umfassend präsentiert werden, merkt die veranstaltende Klassik Stiftung Weimar an. Anhand dieser Ausstellung lässt sich nachvollziehen, wie es vor etwas mehr als 200 Jahren zu einer regelrechten Explosion des wissenschaftlichen Wissens kam, an der nicht nur Goethe, sondern auch viele andere Dichter und Denker aktiv teilnahmen.

Dass Goethe sich als Wissenschaftler und Forscher für noch größer denn als Dichter hielt, versucht die Ausstellung nach Meinung von Ulrike Lorenz, Präsidentin der Klassik Stiftung Weimar, "mit einer zu Herzen gehenden Ausstellung mit innovativen Vermittlungskonzepten deutlich zu machen." Die Schau geht nicht nur zu Herzen, sie ist nicht nur ein Abenteuer der Vernunft, sie verwandelt das Interesse ihrer Besucher in ein Abenteuer der Sinne und der Fantasie.

Goethe steht im Zentrum unserer Ausstellung, aber eigentlich geht es nicht nur um ihn, sondern es geht um grundlegende Fragen der Naturwissenschaften und wie funktionieren sie eigentlich um 1800.

Kristin Knebel, eine der Kuratorinnen

Für Kuratorin Kristin Knebel verweist die Ausstellung auch auf die heutige Zeit, denn die "modernen Naturwissenschaften, wie wir sie heute kennen, haben ihre Grundlage in dieser Zeit."

Brillantkäfer aus Goethes Sammlungen, 1802.
Brillantkäfer aus Goethes Sammlungen, 1802 Bildrechte: Klassik Stiftung Weimar

Solchermaßen vorbereitet, betritt man die erste Rauminszenierung, geschaffen vom Dresdner Gestalterbüro "whitebox", die einmal mehr bewiesen haben, wie man mit kreativen Einfällen auch komplexe Zusammenhänge in lustvollen Erkenntnisgewinn verwandeln kann. Deren Gestalter, Daniel Sommer, erklärt: "Sie werden an mehreren Stellen der Ausstellung diese Bücher und Boxen sehen, und das sind alles mediale Elemente, die wir benutzen, um die sehr komplexen Inhalte auf eine einfach Art und Weise zugänglich zu machen. Und das Schöne an den Büchern ist, das ist eine Medienstation, wo Sie keine Erklärung brauchen. Jeder kann ein Buch aufschlagen […] wir haben hier oben Technik, die die Bücher erkennt und dann wird digitaler Inhalt mit gedrucktem vermischt."

Neptunist oder Vulkanist?

Johann Wolfgang von Goethe
Johann Wolfgang von Goethe genoss zu seiner Zeit und bis heute hohes Ansehen Bildrechte: Klassik Stiftung Weimar

Mit Goethes leidenschaftlichem Interesse für Bergbau, Gesteine und Fossilien öffnet sich die wissenschaftliche Gedankenwelt um 1800. Nachvollziehbar wird so auch ein heftiger wissenschaftlicher Streit der Goethe-Zeit. Es war der Disput zwischen den Neptunisten und den Vulkanisten. Die einen meinten, Gesteine seien nur aus den Ablagerungen verschwundener Meere entstanden, die anderen behaupteten, die Vulkane hätten das Gestein aus dem Erdinneren hervorgeschleudert. Goethe war ein Neptunist, gewalttätigte Prozesse wie Vulkaneruptionen waren ihm zuwider. In einer Hörbox, die gleichzeitig wie ein Guckkastenkino funktioniert, kann man sich in den Gelehrtenstreit hineinziehen lassen.

Thomas Schmuck, der Kustos der naturwissenschaftlichen Sammlungen im Goethe-Nationalmuseum erläutert den Konflikt: "Es geht hier darum: Was ist das Älteste, das man auf der Erde sehen kann? Für Goethe war es der Granit, der 'älteste Sohn der Erde'. Und Sie wissen vielleicht, es gibt eine große, lebhafte Diskussion um Basalt und Granit; man sollte gar nicht glauben, dass darüber so gestritten wurde. Sie werden, wenn Sie in die Box gehen, diesen wilden Streit verfolgen können."

Reicher Schatz

Dergestalt unterhaltsam belehrt ist man immer wieder erstaunt über den Reichtum der Goetheschen Sammlungen. Sie reichen vom Kuriosum bis zu ersten wissenschaftlichen Apparaten.

Zwei Prismen von Flint- und Crownglas aus Goethes Sammlungen.
Zwei Prismen von Flint- und Crownglas aus Goethes Sammlungen Bildrechte: Klassik Stiftung Weimar

Auch Goethes wissenschaftliches Hauptkampffeld gibt es zu sehen: seinen physikalischen Experimenten mit dem Licht und der Farbenlehre, die er für seine größte Lebensleistung hielt, bedeutsamer als seinen "Faust". Für Goethe war Licht etwas Sonnenhaftes, Unteilbares, während Newtons Theorie durch die Spektralanalyse Joseph Fraunhofers glänzend bestätigt wurde. Wie der Weimarer Farbenolympier auf diese bahnbrechende Entdeckung reagierte, erklärt am Ende der Ausstellung aus einer Videoinstallation heraus der Astrophysiker und Wissenschaftsmoderator Harald Lesch: "Goethe ist damit natürlich nicht ganz einverstanden, er konnte ja auch nicht wissen, dass das eine der wichtigsten Entdeckungen der gesamten Astronomie ist. Es ist der erste Schritt hin zur Astrophysik."

Die Ausstellung Abenteuer der Vernunft. Goethe und die Naturwissenschaften um 1800

Schiller-Museum Weimar
28. August 2019 bis 5. Januar 2020

Öffnungszeiten
28. August - 26. Oktober 2019: Di–So 9:30–18:00 Uhr
27. Oktober 2019 - 5. Januar 2020: Di–So 9:30–16:00 Uhr

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Dieses Thema im Programm: MDR KULTUR - Das Radio | 28. August 2019 | 07:40 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 29. August 2019, 13:33 Uhr

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