Ausstellung Zeitgenössische Bildhauerei: "twittering machine" im Volkspark Halle

Spätestens wenn wieder über den Entwurf eines neuen Denkmals gestritten wird, fällt auch Kultur-Fernsten auf, dass zeitgenössische Bildhauerei vieles umfassen kann: Werke, die sich dreidimensional im Raum ausdrücken. Steinerne Monumente indessen – vielleicht auch noch figürlicher Natur – sind inzwischen nur noch eine Spielart der aktuellen Bildhauerei. Deutlich wird das in der Ausstellung "twittering machine" zu junger, zeitgenössischer Plastik in der Burg Galerie im Volkspark Halle.

Es ist heimelig in dem kleinen Ausstellungsraum. Ein Lichtspiel auf dem Boden dreht seine Runden, wirft Licht in den Raum - und abstrahierte Schatten an die Wand. Wunderbar bei kaltem Herbstwetter, einer Zeit, in der wir uns in unsere Innenwelt zurückziehen und uns gerne einlassen auf wohlig erleuchtete Assoziationsräume. Was gibt es in dem Raum zu assoziieren? Nun, Schatten wandern über die Wände, auch über jene Wand mit hellen Dachschindeln. Oder sind es Schuppen?

Claudia Piepenbrock Kabinenbogen, zonierend und sittsam, 2017
Claudia Piepenbrock Kabinenbogen, zonierend und sittsam, 2017 Bildrechte: Claudia Piepenbrock/Matthias Keller

Die eine Wand, die ist komplett beschichtet worden und erfährt dadurch eine ganz andere Materialität. Das könnte sich ein großes Reptil vorbeibewegen oder aber man denkt, man steht vor einer Hauswand im Außenbereich. Man denkt nicht mehr an den Raum, an den man gedacht hätte, wenn man vorher dringestanden hätte, man wird in einen Erzählraum eingeführt.

Dr. Jule Reuter, Mit-Kuratorin der Schau

Zudem steht ein Häuschen auf dem Boden. Aus Aluminium und mit steilem Dach thront es auf einem kleinen gelben Häufchen Schwefels.

Objekte erzählen Geschichten

Mythisch, märchenhaft muten die Objekte im Raum an, erzählen eine Geschichte, in der auch konische Nägel aus Holz oder Wachs zu Schattenwerfenden Plastiken zu werden. Die Installation, die die beiden Münchener Künstler Lukas Hoffmann und Emanuel Guarascio geschaffen haben, gehört auch zur zeitgenössischen Bildhauerei.

So wie alle 23 Arbeiten, von 14 Bildhauern und Bildhauerinnen, in der neuen Schau der Burg Galerie im Volkspark. Ihre Werke stammen aus den Einreichungen von über 100 Künstlern aus der ganzen Republik zum 20. Gustav-Weidanz-Preis im Jahr 2019, benannt nach Gustav Weidanz, der an der Kunsthochschule in Halle die Fachklasse für Bildhauerei leitete, von 1916 bis 1959. Der Preis hat Tradition: seit seiner  Begründung zu DDR-Zeiten im Jahr 1975 will er "hiesige Künstler würdigen, aber auch über Halle hinaus wirken" und somit auch überregional das Bewusstsein für die Möglichkeiten der Bildhauerei schärfen.

Alles, was dreidimensional ist, gehört erst einmal zu dem Feld der Bildhauerei. Und dazu gehören natürlich auch Aktionen, dazu gehören auch ein Stück weit performative Sachen, partizipative Dinge, teilweise auch Aktionen, die nur mit Kamera oder Fotografie festgehalten sind. Und dieses ganze weite Feld ist einfach unwahrscheinlich spannend.

Rolf Wicker, Prorektor an der Burg und Professor für bildnerische Grundlagen in der Plastik

Leo Heinik, Milieustudie (Lurker) I, 2018
Leo Heinik, Milieustudie (Lurker) I, 2018 Bildrechte: Leo Heinik

Traditionelle Ansätze

Aber auch Arbeiten, die sich in ihrem Formen-Vokabular an die klassische Bildhauerei anlehnen, zeigt die Schau, so die "Mauersegler" aus Betonguss, welche die in Halle und Braunschweig ausgebildete Jana Mertens einerseits als klassisch figürliche Vogelleiber darstellt, andererseits in der Formensprache der Brutalismus-Architektur ab den 50er-Jahren.

"Welche Gültigkeit haben immer wieder neu aufschäumenden Träume von zeitgenössischer Architektur?", scheint die Künstlerin zu fragen. Unkonventionelle bildhauerische Lösungen überwiegen in der Schau. Auch Materialerkundungen werden angestellt. "Kann eine zeitgenössische Plastik aus Schaumstoff sein?", fragt die Berliner Künstlerin Claudia Piepenbrock und liefert den überzeugenden Beweis gleich mit.

Auch andere Künstler der Ausstellung reiben sich am Althergebrachten in der Bildhauerei. So agiert Johannes Hugo Stoll aus Stuttgart, teils mit Humor - und per Postkarte, die jenen Moment vor der 5,17 Meter hohen Monumentalstatue des David in Florenz festhält, in dem Stoll einer offenkundigen Bewunderin eine Nackenmassage verabreicht. Dringend nötig vom vielen Aufschauen!

Johannes Hugo Stoll, Renaissance-Massage, 2014
Johannes Hugo Stoll, Renaissance-Massage, 2014 Bildrechte: Johannes Hugo Stoll

Ironische Geste

Ebenfalls amüsiert, oder, ob leichter Blasphemie, erbost, wird das Publikum die "pieta duepuntozero" , die "Pieta 2.0", des Düsseldorfer Künstlers Paul Schuseil betrachten, die nicht mehr wie im Original nach Michelangelo im Petersdom Maria zeigt, die den toten Christus in den Armen hält, sondern mithilfe von Orthesen und Exo-Skeletten sichtbar macht, wieviel Stütze – körperlicher und auch ideeller Natur – machtvolle menschliche Handlungen brauchen.


Dr. Jule Reuter erläutert die ironische Geste, die hierbei auch deutlich mache, dass es auch nicht mehr dieses klassische oder kanonische Bild der Mutter Gottes gebe. Darin sehe die Mit-Kuratorin auch eine Anspielung auch auf die Profanierung des Religiösen, wenn man auch an diesen ganzen Devotionalienhandel denke. Und so bleiben Paul Schuseils Körper von Maria und Jesus im transzendenten Bereich, also unsichtbar. Schuseil zeigt nur ihre gegenständlichen Stütz-Apparaturen; Beweise ihrer Existenz auf Erden. Wenn auch ironischer Natur.

Laura Franzmann UV-covering (King Size), 2017 und Suitable (I-V), 2017
Laura Franzmann UV-covering (King Size), 2017 und Suitable (I-V), 2017 Bildrechte: Laura Franzmann/Sarah Hablützel

Mehr Informationen Die Ausstellung "twittering machine – Positionen junger Bildhauer*innen aus Deutschland" läuft bis zum 08. November 2020.

Volkspark | Burg Galerie
Schleifweg 8 a, 06114 Halle

Öffnungszeiten
Montag bis Sonntag, 14 bis 19 Uhr
Eintritt ist frei

Weitere Ausstellungen

Dieses Thema im Programm: MDR KULTUR - Das Radio | 16. Oktober 2020 | 11:15 Uhr