"Störenfriede" 13. Biennale Chemnitz zeigt aktuelle Entwicklung der Grafik

In Chemnitz ist am Dienstag die 13. Grafikbiennale mit dem Titel "100 Sächsische Grafiken" eröffnet worden. Der Wettbewerb ist seit 1990 Tradition. Bereits in der DDR wurde der landesweite Wettbewerb "100 ausgewählte Grafiken" ausgelobt. Seit 1990 sind es nun die "100 Sächsischen Grafiken", die alle zwei Jahre gezeigt werden. Alle wichtigen sächsischen Grafikern und Grafikerinnen haben schon an der Biennale teilgenommen. Dieses Jahr steht der Wettbewerb unter dem Motto "Störenfriede".

Akos Novaky - STÖRFALL, 2020, Holzschnitt, 210 x 297 mm, Auflage 6, © VG Bild-Kunst Bonn
"STÖRFALL" von Akos Novaky Bildrechte: VG Bild-Kunst Bonn

Das Bedürfnis nach dem Kasper oder dem Störenfried kennen wir alle. In der Schule entsteht dieser Wunsch bei sogenannten "Lern-Inhalten", deren Sinn sich der Klasse nicht erschließt. Dann schlägt die große Stunde des Kaspers! "Störenfriede sind die Motoren der gesellschaftlichen Entwicklung", steht nun im Katalogtext der 13. Grafikbiennale "100 Sächsische Grafiken", deren Motto dieses Jahr "Störenfriede" ist.

Was ist ein Störenfried?

Wer diese Logik etwas verknappt findet – eingedenk dessen, dass es natürlich zwischen Kunstschaffenden und Störenfrieden eine Schnitt-Menge gibt – kann bei Betreten der Chemnitzer Ausstellung seinen eigenen Kurz-Exkurs in Sozialpädagogik abhalten. Die Älteren sich erinnern, dass noch vor wenigen Jahrzehnten Strafe und Autorität alternativlose Mittel waren, um Störenfrieden beizukommen oder sich vergegenwärtigen, was dies über die jeweilige Gesellschaft aussagt. Heute werden ausgemachte jugendliche Störenfriede lieber engmaschig begleitet, statt bestraft. Ihre Aufmerksamkeit auf weniger Störendes lenkt, es wird sozusagen manipuliert.  

Aber ist, wer sich nicht manipulieren lässt, schon ein "Motor der gesellschaftlichen Entwicklung"? Und wie sind die ausgewählten 78 Künstler und Künstlerinnen mit dem Motto "Störenfriede" umgegangen? Eine Frage an Jurymitglied Matthias Lindner, Direktor der Neuen Sächsischen Galerie in Chemnitz: "Wir haben gemerkt, dass 'Störenfriede' ein Begriff ist, der derzeit immer wieder 'aufploppt', wenn man gesellschaftliche Beobachtungen anstellt. Leute greifen ein ins Soziale, stören wirklich den Frieden im Bösen, aber es gibt auch Störenfriede, die endlich mal etwas aufrütteln. Ganz oft weiß man nicht genau, ob es das eine oder das andere ist. Das ist ein ausreichender Grund, um so ein Thema hinauszugeben."

Es bekommt Farbe

Erstaunlich viele Künstler nehmen in dieser anregenden Schau tatsächlich Bezug auf das gestellte Thema: in Titel und Bild. Manche tun es gar humorvoll, wie der Leipziger Künstler Wolfgang Henne: "im niedriggehölzgarten werden die störenfriede sistiert, zwischen verhagelter petersilie" heißt sein Siebdruck in sieben Farben.  Lothar Rericha, Preisträger der Grafikbiennale 2018, zeigt in einem klassischen Schwarz-Weiß-Holzschnitt "Die Störung in den Zeiten der Störung": Chaos ist programmiert. Der Dresdener Gerhard Deke und die Leipzigerin Anija Seedler präsentieren indessen ihre computerbasierten Grafiken als "Störenfriede" im heeren Hort der Druckgrafik. Bei dem Radebeuler Künstler Frank Hoffmann erweisen sich, in einem malerischen Siebdruck in vier Farben, die "Zeitgeister" wiederum als Störenfriede: kleine, rote Gebilde am düsteren Firmament.

Wolfgang Henne, im niedriggehölzgarten werden die störenfriede sistiert, zwischen verhagelter petersilie, 2020, Siebdruck in sieben Farben, 810 x 580 mm, Auflage 20, © VG Bild-Kunst Bonn
"im niedriggehölzgarten werden die störenfriede sistiert, zwischen verhagelter petersilie" von Wolgang Henne Bildrechte: VG Bild-Kunst Bonn

Sighard Gille, Leipziger Malinstitution, untersucht in seiner Grafik "Connewitz", wie Polizei und damit der Staat, heute (auch) mit Störenfrieden umgeht: strafend. Furios gezeichnet, mutieren die Gesetzeshüter zu Rittern, die wild um sich schlagen. Natürlich spielt Farbe bei Gille eine Rolle, wie in immer mehr Grafiken. Matthias Lindner betont, dass aufgrund der fehlenden Verkaufszahlen kaum noch Auflagen gedruckt werden und die Künstler daraus eine Bildentwicklung betreiben, die immer mehr dem Gemälde ähnelt. Man bewegt sich also von der Druckgrafik weg, obwohl man klassische Druckprozesse benutzt. Es fällt uns auch innerhalb der Jury schwer, klare Grenzen zu ziehen."

Sighard Gille - Connewitz, 2020, 61x83 cm, Zinkografie, NSG
"Connewitz" von Sighard Gille Bildrechte: VG Bild-Kunst Bonn

Konzentration in Leipzig

So brauchte etwa die Leipziger Künstlerin Maria Ondrej fünf Platten für ihre farbige Ätzradierung. Ihre Druck-Collage mit dem alchemistisch anmutenden Titel "the mind behind" (dt. "der geist dahinter") wird so zum Unikat. Alchemie, das magische Hantieren mit Farben und Ingredienzien, scheint in der Druckgrafik 2020, nicht nur in Sachsen ein Gebot der Stunde. Farbig agiert auch der Chemnitzer Künstler Osmar Osten in seinen Holzrissen. Zudem geraten auch die Druck-Techniken immer exotischer, betonen das Unikate der grafischen Arbeit. Erkennbar ist da auch bei den beiden geometrisch-abstrakt gehaltenen Holzdrucken mit dem Titel "Puer robustus" der Leipziger Künstlerin Susanne Werdin. Die Farben werden mit Hand auf die Hölzer aufgetragen und dann braucht es eine große Erfahrung und Sicherheit, um in dieser Form auf dem Holz genau zu wissen, in welchen, hauchdünnen Graden ich die Farbe brauche, damit diese Wirkung entsteht", erklärt Matthias Lindner.

Maria Ondrej, the mind behind, 2020, Photogravure, Kaltnadel, Ätzradierung aus fünf Platten, 410 x 550 mm, Unikat, © VG Bild-Kunst Bonn
"the mind behind" von Maria Ondrej Bildrechte: VG Bild-Kunst Bonn

Seit einigen Jahren schon bemerkt die Jury der "100 sächsische Grafiken" die zunehmende Konzentration von Grafik-Künstlern und -Künstlerinnen in Leipzig. Dresden lässt nach in der druckgrafischen Präsenz, "was eine eigene Untersuchung wert" sei, sagt Lindner. Künstler aus anderen Landesteilen Sachsens behandelt die Jury mittlerweile wie Kostbarkeiten.

Informationen zur Ausstellung "Störenfriede" – 13. Biennale sächsischer Druckgrafik
22. September bis 6. Dezember 2020

Neue Sächsische Galerie
Moritzstraße 20
09111 Chemnitz

Ausstellung in Chemnitz und Sachsen

Dieses Thema im Programm: MDR KULTUR - Das Radio | 22. September 2020 | 12:10 Uhr