Schau "Die Stille im Lärm der Zeit" Sonderausstellung zeigt Marc, Macke und Nolde in der Moritzburg Halle

Das Kunstmuseum Moritzburg in Halle zeigt Werke aus der Sammlung von Karl Ziegler, darunter Meisterwerke des Expressionismus und der klassischen Moderne von Franz Marc, August Macke und Emil Nolde. Der spätere Chemie-Nobelpreisträger Ziegler stammte ursprünglich aus Halle. Seinen dank chemischer Patente erlangten Reichtum investierte er in außergewöhnliche Kunstwerke, die nun in der Saalestadt zu sehen sind.

von Ulrike Thielmann, MDR KULTUR-Kunstexpertin

Lyonel Feiningers "Roten Turm II" von 1930, Öl auf Leinwand kann man in der Ausstellung nur schwer übersehen. Ihn hatte der Bauhausmeister in seiner großen Halle-Serie geschaffen, die aus elf großformatigen Gemälden, Skizzen, Zeichnungen, Fotos besteht. Obwohl auf elementare geometrische Formen reduziert – steigende und stürzende Linien – kann jeder Halle-Kundige den Realismus würdigen, mit dem der Künstler das Wahrzeichen der Stadt ins Bild gesetzt hat.

Erich Heckel: Weidende Pferde in der Ausstellung1909, Öl auf Leinwand, 73,5 x  85,5 cm
Erich Heckel: Weidende Pferde in der Ausstellung1909, Öl auf Leinwand, 73,5 x 85,5 cm Bildrechte: Nachlass Erich Heckel, Hemmenhofen 2019 / Foto: Stiftung Sammlung Ziegler

Ursprünglich war die gesamte Halle-Serie Feiningers im Besitz der Moritzburg, wurde aber von den Nationalsozialisten im Zuge der Aktion "Entartete Kunst" in alle Winde zerstreut. 1967 erwarb schließlich der Chemiker und Nobelpreisträger Karl Ziegler aus Mühlheim an der Ruhr den "Roten Turm II" für seine Sammlung – in der Nachkriegszeit eine der bedeutendsten der Moderne und des Expressionismus. Nun hängt der "Rote Turm II" zum wiederholten Mal in der Moritzburg, umgeben von jenen drei Gemälden aus der Halle-Serie, die wieder dem Museum gehören. In einer Art "Heimatkundekabinett", wie es Wolfgang Büche, Kurator der Ausstellung, nennt.

Alte Ausstellungsgröße zeigen

Karl Ziegler
Der Chemiker Karl Ziegler trug eine einzigartige Sammlung zusammen Bildrechte: dpa

Die ursprüngliche Kunstsammlung der Moritzburg den Besuchern vor Augen zu führen, darum geht es viel in dieser Schau, die ein umfangreiches Konvolut der Sammlung Ziegler vorstellt.

Ab 1936, noch vor der Aktion "Entartete Kunst", lernte der Chemiker Karl Waldemar Ziegler zumindest noch den Geist jener legendären Expressionismus-Sammlung an der Moritzburg kennen, die die visionären Museumsleiter Max Sauerlandt und Alois Schardt zuvor aufgebaut hatten. Die Jahre im kunstsinnigen Halle sollten später einen großen Einfluss auf die Sammlertätigkeit des Ehepaares Karl und Maria Ziegler haben, die in ihrer Sammlung nicht die provozierenden, aufwühlenden Werke des Expressionismus zusammentrugen, sondern eher solche, die der Liebe des Ehepaares zur Natur Ausdruck verliehen – weshalb die Ausstellung in Halle auch "Die Stille im Lärm der Zeit" heißt.

Kohleforscher mit Faible für Kunst

Emil Nolde: Königskerze und Lilien, Öl auf Leinwand
Emil Nolde: Königskerze und Lilien, Öl auf Leinwand Bildrechte: Stiftung Sammlung Ziegler im Kunstmuseum Mülheim an der Ruhr / Nolde Stiftung Seebüll 2019

Bis 1945 agierte Karl Ziegler als Direktor des chemischen Instituts der Universität Halle, betrieb dort auch kriegswichtige Forschung, bis er schließlich nach Mühlheim an der Ruhr übersiedelte und sich ganz seiner vormaligen "Nebenaufgabe" widmete, die man ihm 1943 zusätzlich übertragen hatte, nämlich der Leitung des seinerzeitigen "Kaiser-Wilhelm-Instituts" (nach dem Zweiten Weltkrieg in "Max-Planck-Institut" umbenannt) für Kohleforschung.

Prof. Ziegler dehnte die Kohlenforschung auf die Erforschung von Kohlenstoffverbindungen aus und fand damit beim Bergbau wenig Zustimmung, wurde aber 1963 für das Mülheimer Polyethylen-Verfahren bei Normaldruck mit dem Nobelpreis für Chemie ausgezeichnet. Die Produktion des Kunststoffes, aus dem Bierkästen oder Tragetaschen gemacht werden, expandierte stürmisch, die Lizenzrechte machten Ziegler zum Millionär.

Ein Herz für Halle

August Macke: Stickende Frau im Sessel, 1909/10, Öl auf Holz, 57,8 x 47,2 cm
August Macke: Stickende Frau im Sessel, 1909/10, Öl auf Holz, 57,8 x 47,2 cm Bildrechte: Stiftung Sammlung Ziegler im Kunstmuseum Mülheim an der Ruhr, Foto: Wolfgang Morell, Bonn

Halle muss die Familie Ziegler dabei stets in guter Erinnerung behalten haben, so spendete Zieglers Tochter, Marianne Witte, nach 1989 gar mehrere Millionen für die Sanierung des Stadtgottesackers. Nun kommt auch Halle in den Genuss, während der Sanierung des Stamm-Museums Bilder der Sammlung Ziegler zeigen zu dürfen – eine so schnell nicht wiederkehrende Gelegenheit.

Alexej von Jawlenskys künstlerische Entwicklung hin zur strengen Abstraktion lässt sich in dieser Schau beispielsweise anhand von vier Landschaftsgemälden nachvollziehen. Ein kleiner Sonderraum, speziell mit Werken von Franz Marc, ist entstanden, inmitten dessen die Moritzburg eine ihrer zwei Bronzeplastiken des Künstlers zeigt (die einzigen überhaupt!): Es sind Pferde, die im Kreise spielerisch miteinander umgehen.

Wer im Bauhausjahr nach Bauhaus-Kunst sucht, wird in der Ausstellung auch fündig: Ein Aquarell von Oskar Schlemmer mit dem Titel "Bewegte Gruppen" aus dem Jahr 1931/32 zieht die Betrachter in die Dimensionen der Bauhausbühne, für die der Bauhausmeister sein berühmtes "Triadisches Ballett" erschuf – einen Mythos, den jeder kennt, den aber nur die wenigsten gesehen haben. Ach ja, und auch Werke von Macke und Nolde zeigt die Schau in höherer Konzentration.

Franz Marc: Schlafendes Reh, 1913, Gouache und Bleistift auf Papier, 45,4 x 37,7 cm
Franz Marc: Schlafendes Reh, 1913, Gouache und Bleistift auf Papier, 45,4 x 37,7 cm Bildrechte: Stiftung Sammlung Ziegler im Kunstmuseum Mülheim an der Ruhr

Die Ausstellung Die Stille im Lärm der Zeit – Marc, Macke, Nolde
Meisterwerke aus der Sammlung Ziegler

10.02. – 12.05.2019
Kunstmuseum Moritzburg (Halle/Saale)

Öffnungszeiten:
täglich außer Mittwoch von 10-18 Uhr geöffnet

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Dieses Thema im Programm: MDR KULTUR - Das Radio | 09. Februar 2019 | 08:45 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 13. Februar 2019, 15:30 Uhr

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