Andreas Rost Dresdner Foto-Ausstellung zeigt ungeschminkten Blick auf die Wiedervereinigung

In der Nacht der Wiedervereinigung waren in Berlin, dem Brennpunkt der Teilung und des Kalten Krieges, zahlreiche Kamerateams und Fotografen unterwegs. Einer von ihnen war Andreas Rost aus Leipzig. Er war der Meinung, dass die Bilder zu sehr von Jubel und einem westlichen Blick geprägt sind. Seine Fotos bildeten schon damals viel Wehmut ab. Die Staatlichen Kunstsammlungen Dresden zeigen diese Bilder nun, nachdem sie 30 Jahre lang in der Schublade lagen.

Ein Mann steht in der Menge und blickt mit geweiteten Augen in die Luft, vielleicht sogar in die Zukunft. Das Foto wurde aufgenommen in der Nacht vom 2. zum 3. Oktober 1990 in Berlin, mitten im Trubel zwischen Brandburger Tor und Reichstag. Schon damals stellte sich dem Fotografen Andreas Rost die Frage, ob das nur Momentaufnahmen einzelner Menschen sind oder ob sie die Ostdeutschen auch repräsentieren:

"Es war 30 Jahre lang unglaublich schwierig, diese Bilder zu zeigen. Die Urteile waren oft vernichtend: 'Ach Andreas, das kann man doch nicht zeigen!' Und dann hieß es: 'Aber Du warst so prophetisch!'"

Ein anderer Blick

Zwei Frauen, ein Mann stehen schauend
Bildrechte: Andreas Rost

In der Nacht vor der Wiedervereinigung porträtiert der Fotograf Andreas Rost Feiernde in Berlin. Auf seinen Bildern sind zum Beispiel ein Mann mit DDR-Stahlhelm und Metzgerjacke oder zwei Frauen mit symbolischen Nelken zu sehen. Es sind Bilder des Übergangs mit Menschen, die aus der Masse heraustreten. Sie liegen zwischen Selbstdarstellung, Resignation und diffuser Hoffnung. Ihre Gesichter spiegeln das ganze emotionale Spektrum der letzten Stunden der DDR. "Wenn ich es richtig rekonstruiere, wollte ich deswegen Porträts machen, weil ich schon damals irgendwie das Gefühl hatte, dass der Blick auf die Wiedervereinigung sehr westlich geprägt ist und zwar in dem Sinne, dass die westdeutschen Kollegen und Kolleginnen meistens große Menschenmengen – meistens jubelnd, Wahnsinn schreiend, oder auch nach der Banane rennend – fotografiert und gefilmt haben. Das fand ich nicht ausreichend", blickt Andreas Rost zurück.

Andreas Rost studierte 1990 Fotografie in Leipzig und ist in der Bürgerrechtsbewegung der DDR aktiv. Er versteht sich als Großstadtfotograf. Ihn interessieren dokumentarische Bilder und Ereignisse, die an den Rändern der Gesellschaft stattfinden. Er will dort sein, wo sich viele Menschen versammeln, wo sich Gefühle zeigen. Für ihn ist das Jahr 1990 wie eine archäologische Grabungsstätte: Schichten werden freigelegt und Wunden brechen auf. Er fotografiert, weil er die Menschen in dem Land, in dem er aufgewachsen ist, verstehen will. Als Bürgerrechtler hat er den Traum von einem anderen Land – und lange daran geglaubt, dass er seine Vision von der Veränderung der Gesellschaft mit allen DDR-Bürgern gemeinsam träumt.

Der Traum endet

Überrascht von den Massen, die Helmut Kohl zujubeln, muss er zur Kenntnis nehmen, dass er jene, für die er Politik machen will, gar nicht kennt: "Ich war in der Bürgerrechtsbewegung aktiv und musste entdecken, dass die Leute sich von uns und von unseren Ideen abgewendet haben. Mir war die Erklärung zu simpel, dass die Leute nur der Banane oder der Westmark nachrennen. So einfach liegen die Sachen nicht. Deswegen bin ich auf die Straße gegangen und deswegen habe ich fotografiert." Andreas Rost fotografiert die Menschen nicht liebenswert. Es sind bittere Bilder vom Ausverkauf eines Landes, dass seine Bürger über Jahrzehnte wie unmündige Kinder gegängelt hat. Sie halten das Geld als Symbol der neuen Freiheit und der Unabhängigkeit in den Händen und die alte Ungläubigkeit steht ihnen in den Gesichtern. Niemand wollte mehr lange warten auf Veränderungen.

Mann mit Flagge als Umhang und Fackel in der Hand
Bildrechte: Andreas Rost

Bei den ersten freien Wahlen in der DDR erhielten die Bürgerrechtler nur fünf Prozent der Stimmen. Das war der Moment, als Andreas Rost aus der Politik ausstieg. Er war enttäuscht. Die Fotografie war für ihn die Möglichkeit, sich mit diesen Gefühlen auseinanderzusetzen: "Ich habe mir wahrscheinlich mit diesem Fotografieren so einen Besinnungsraum geschaffen, in dem ich darüber nachdenken konnte: Was ist passiert? Fotografieren heißt auch immer: Ich distanziere mich."

Spätes Verstehen

Junger Mann mit Deutschlandflagge
Bildrechte: Andreas Rost

Bei der Einheitsfeier in jener Oktobernacht 1990 sucht Andreas Rost Bilder, die hinter die Kulissen der Euphorie blicken. 30 Jahre später ist der distanzierte Blick des Fotografen in die Zukunft von damals im Museum angekommen. "Wiedervereinigung", so lautet lapidar der Titel der Ausstellung, als wäre schon klar, was da zu erwarten ist. Aber erst jetzt, so scheint es, können wir verstehen, was Andreas Rost schon durch die Kamera gesehen hat: "Ich habe in den Bildern schon gesehen, dass nicht nur Freude an diesem Abend vorherrscht, sondern auch Zweifel bis hin zur Angst da war. Mich hat auch beschäftigt, dass unglaublich viel Nationalismus sichtbar war. Wir haben in der Ausstellung eine Reichskriegsflagge, aber das war nicht die einzige. Das war etwas, was in diesem ansonsten fast karnevalesken Treiben irgendwie nicht gesehen wurde. Oder man wollte es auch nicht sehen." Die Fotos von Andreas Rost haben eine eigentümliche Kraft. Sie bilden eine Gegenwart ab, die in dem Moment der Belichtung mehr als nur Vergangenheit ist: Geschichte. Unbegreiflich, unsichtbar für jeden Einzelnen, der sie bezeugt.

Informationen zur Ausstellung Die Ausstellung "Andreas Rost. Wiedervereinigung" läuft bis zum 1. November im Kupferstichkabinett der Staatlichen Kunstsammlungen Dresden.

Residenzschloss
Taschenberg 2
01067 Dresden

Öffnungszeiten:
Mi bis Mo, 10-17 Uhr
Dienstag ist Ruhetag

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Dieses Thema im Programm: MDR FERNSEHEN | 01. Oktober 2020 | 22:05 Uhr