Ausstellung im Lutherhaus Eisenach Die unrühmliche Geschichte des kirchlichen "Entjudungsinstituts"

Im Eisenacher Lutherhaus gibt es die Sonderausstellung "Erforschung und Beseitigung. Das kirchliche 'Entjudungsinstitut' 1939-1945" zu sehen. Elf evangelische Landeskirchen finanzierten damals eine pseudowissenschaftliche Einrichtung mit über 100 Mitarbeitern, um den christlichen Glauben mit der nationalsozialistisch-völkischen Blut- und Boden-Ideologie kompatibel zu machen. Die Ausstellung zeigt dem Museumsbesucher auch, wie die Bewegung der deutschen Christen in Thüringen entstand, wie das Institut gearbeitet hat und welche Nachwirkungen es bis heute gibt.

Gleich im Eingang der Ausstellung steht eine mittelgroße Bronzeglocke. Sie stammt aus der evangelischen Kirche von Tambach-Dietharz im Thüringer Wald. Eine von insgesamt neun sogenannten NS-Glocken, die noch bis vor kurzem in verschiedenen Orten der Mitteldeutschen Kirche zum Gottesdienst riefen. Gegossen wurde sie 1936 mit der Aufschrift "In Treue dem Christus der Deutschen". "Damit", erzählt Jochen Birkenmeier, wissenschaftlicher Leiter und Kurator der Stiftung Lutherhaus Eisenach: "sollte auch deutlich gemacht werden, dass es sich hier um einen deutschen, nicht um einen jüdischen Christus handelt."

Die Glocke zeige, wie das Denken der Deutschen Christen damals in vielen evangelischen Gemeinden Thüringens verwurzelt gewesen sei, so Birkenmeier. "Und, das ist die erste und einzige Glocke, die bislang abgehängt wurde und auch in einer Ausstellung gezeigt wird. Nicht nur in Thüringen."

Ein Bild von Luther mit nationalheldischer Entschlossenheit

Konfrontiert wird der Besucher zunächst mit der Vorgeschichte des Instituts. Die Ausstellung zeigt eines der wahrscheinlich bekanntesten Porträts des Reformators, gemalt 1938 von NSDAP-Mitglied Otto von Kursell, verbreitet in unzähligen Kunstdrucken. Der Besucher blickt auf einen Luther mit nationalheldischer Entschlossenheit, passend zum Hakenkreuz auf dem Palas der Warburg.

Luthers Schrift von 1543 "Von den Juden und ihren Lügen" gehörte zum Rüstzeug der völkisch-nationalsozialistischen Deutschen Christen. Birkenmeier erzählt: "Der Landesbischof Martin Sasse hat ja direkt auch nach den Novemberpogromen 1938 eine Schrift herausgegeben, die wir hier auch zeigen in der Ausstellung, mit dem Titel: 'Martin Luther über die Juden, weg mit ihnen'. Das war im Grunde eine Kompilation aus lauter Lutherschriften, die als Beleg dafür dienen sollte, dass Luther eigentlich schon alles vorhergesagt hat und letztlich die Nationalsozialisten nur das ausführen, was Luther schon immer wollte. Und das war auch die Haltung dieser deutsch-christlichen Strömung."

Gott und Nationalsozialismus zu vereinen, fand schnell Anhänger

Die Deutschen Christen als nationalsozialistische Strömung der protestantischen Kirche hatten ihren Ursprung im Wieratal, im Altenburger Land, an der Grenze zu Sachsen. Hier waren zwei junge Pfarr-Vikare aus Bayern aktiv, die schon am Hitlerputsch 1923 in München beteiligt waren. Siegfried Leffler und Julius Leutheuser fanden schnell Anhänger für ihre Idee, Gott und Nationalsozialismus zu vereinen.

Thüringen war sicherlich ein Zentrum der Deutschen Christen, sie sind ja auch hier entstanden. Die Deutschen Christen haben hier auch die Kirchenleitung gestellt, und hatten auch eine sehr viel stärkere Durchsetzungskraft als in anderen Landeskirchen.

Jochen Birkenmeier, wissenschaftlicher Leiter und Kurator der Stiftung Lutherhaus Eisenach

Die "Entjudung des religiösen Lebens"

Pfarrer Siegfried Leffler gehörte zu den Gründern des sogenannten Eisenacher Entjudungsinstituts. Ebenfalls mit dabei war der Neutestamentler Walter Grundmann von der Universität Jena. Er forderte, die "Entjudung des religiösen Lebens" sei Aufgabe deutscher Theologie und Kirche.

Man hat die sogenannte Reichskristallnacht als Anlass gesehen, nun endlich auch die Kirche zu 'entjuden'. Und dieses Institut sollte die wissenschaftliche Grundlage dafür liefern, um eben Kirche, Liturgie, Gesangbuch, Bibel von allen jüdischen Bezügen "zu reinigen".

Michael Weise, Stiftung Lutherhaus

Und das erfolgte sehr radikal, so Mitkurator Michael Weise von der Stiftung Lutherhaus. Das Institut gründete Außenstellen in Weimar und Jena. Auch in Siebenbürgen. Deren Mitarbeiter kamen aus dem gesamten Reichsgebiet, aus allen Landeskirchen. So wurden 87 Prozent der traditionellen Kirchenlieder aussortiert und stattdessen Soldatenlieder in das neue Gesangbuch der Deutschen Christen "Großer Gott, wir loben Dich" aufgenommen.

"Ebenso sehen wir in der Vitrine auch die neue Botschaft Gottes, das ist die sogenannte entjudete Bibel, die das Institut 1940 herausgegeben hat und die in einer Auflage von über 200.000 Exemplaren auch gedruckt wurde", erzählt Weise weiter. Hebräische Begriffe wie Zion, Halleluja oder Hosianna wurden gestrichen. Aus Jesus von Nazareth wurde Jesus der Galiläer. Während alle jüdischen Bezüge aus der Bibel getilgt wurden, wurde zeitgleich die jüdische Bevölkerung Thüringens ins Exil getrieben und in die Vernichtungslager deportiert.

Aus Jesus von Nazareth wurde Jesus der Galiläer

Jochen Birkenmeier vom Lutherhaus Eisenach betont, dass in der Ausstellung Dinge gezeigt werden, die die Ausstellungsmacher selbst erst entdeckt haben. Wie z. B. ein geplantes Ausstellungsprojekt des Instituts über die Kirchengeschichte bis zum arischen Christus. Aus Kriegsgründen wurde auch ein Film über das germanische Christentum nicht mehr realisiert. Etliche Mitarbeiter bekamen den Einberufungsbefehl.

Im Dezember 1945 aus russischer Kriegsgefangenschaft heimgekehrt, wollte Walter Grundmann das Entjudungsinstitut jedoch weiter betreiben. "Weil er eben die grundsätzliche Arbeit weiterhin für gut hielt. Und auch sein Nachfolger in der Leitungsposition, Georg Bertram, hatte sich für eine Weiterführung des Instituts ausgesprochen, was dann auch zeigt, dass keinerlei Einsicht auf diesem Irrweg bei diesen beiden Leitern vorhanden war", sagt Michael Weise.

Ehemalige Mitarbeiter des Entjudungsinstitut fanden ihren Platz in der DDR

Das Eisenacher "Entjudungsinstitut" blieb geschlossen, die Dokumente wurden eingemottet. Das Personal fand i.d.R. wieder Anstellungen in den Kirchen. Leffler gab als einer der Wenigen ein Schuldeingeständnis ab. Grundmann schrieb noch 1969: "Wir hofften, mit unserer Arbeit der deutschen Christenheit und dem Nationalsozialismus einen Dienst zu tun". Als Lehrer prägte er da an den kirchlichen Seminaren Eisenach, Naumburg und Leipzig Generationen von Theologiestudenten.

Spuren völkisch-christlicher Ideologie sind bis heute in evangelischen Kirchen zu finden, wie es die Glocke im Eingangsbereich der Ausstellung anschaulich demonstriert. Gezeigt wird auch ein dezent-farbiges Bleiglasfenster von 1934 mit Kreuz und stilisierter Hakenkreuz-Dornenkrone. Ein Signet der Deutschen Christen, fotografiert in diesem Jahr in einer Thüringer Kirche.

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