Ausstellung Hygienemuseum Dresden führt in die Welt hinter Gittern

Die Sonderausstellung "Im Gefängnis – Vom Entzug der Freiheit" zeigt, wie sich Menschen hinter Gittern einrichten, zwischen Gewalt und Kreativität. Die Ausstellung entstand in Zusammenarbeit mit dem Musée des Confluences Lyon und dem Internationalen Rotkreuz- und Rothalbmondmuseum Genf – jetzt macht sie im Deutschen Hygienemuseum Dresden Station.

Häftling in einer Zelle
"Das Innere einer Zelle": Das Foto entstand im französischen Strafvollzug und ist in der Dresdner Ausstellung zu sehen Bildrechte: Gregoire Korganow

Metallgitter, Knastgeräusche, wie man sie aus Filmen kennt. Durch eine Art Schleuse betritt der Besucher die erste Zelle. Der Gefangene – meist sind es Männer – hat seine zivile Identität bereits abgegeben. Von nun an bestimmen andere, wie er zu leben hat: "Das heißt, wer hat das Sagen, wer bestimmt die Regeln, nach welchen Strukturen muß man sich orientieren, und das Zusammenleben ist sehr viel von Macht und leider auch von Gewalt geprägt", so Kuratorin Isabel Dzierson. Sie hat die Ausstellung "Im Gefängnis" zusammen mit Partnern in Lyon und Genf erarbeitet. Dresden ist die dritte Station.

Skurrile Exponate

Schachspiel aus Seife (Strafvollzugsmuseum Ludwigsburg)
Ein Schachspiel aus Seife aus der Sammlung des Ludwigsburger Strafvollzugsmuseums Bildrechte: Olivier Pasqual

Schmäh-Graffitis an der Wand, Schlagringe, umfunktionierte Gabeln oder das Messer in einem Kruzifix – viele Objekte stammen aus Gefängnissen, wurden gesammelt von Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern. Zum Teil stammen die Exponate aus Museen. In Sachsen gibt es zum Beispiel in Waldheim das Strafvollzugsmuseum, was man auch nur durch die JVA hindurch betreten kann.  

"In Kerkerluft sprießt Gemeinheit – sie schießt wie giftiges Unkraut empor." zitiert die Ausstellung Oscar Wildes Ballade vom Zuchthaus zu Reading, wo er Ende des 19. Jahrhunderts wegen homosexueller Unzucht einsaß. Eigentlich eines der damals neu gebauten Gefängnisse, wie sie nach der Französischen Revolution einem humaneren Strafvollzug dienen sollten.

Gefängnis von Autun (Bourgogne)
Das Gefängnis von Autun in der Bourgogne ermöglichte erstmals Rundumüberwachung. Bildrechte: Stiftung Staatlicher Kulturbesitz Frankreich

Die Kuratorin Dzierson meint, dass das Gefängnis von Anfang an einer Kritik ausgesetzt gewesen sei, die heute in abgewandelter Form noch existiere. Fachleute sprechen vom paradoxen Charakter des Gefängnisses. Jeremy Bentham hatte sich 1791 ein Panoptikum mit kreisförmigem Grundriss erdacht, das von einem zentralen Turm aus eine Rundumüberwachung ermöglichen sollte. Vorlage für zwei durchaus gegensätzliche Formen des Strafvollzugs bis heute, sagt Isabel Dzierson.

Vom Gefängnisalltag erzählen

Weit größeren Raum als die Architekturgeschichte des Gefängnisses nimmt der Alltag des Freiheitsentzugs ein. Fotos und Objekte zeigen, wie kreativ sich Gefangene in ihren engen Zellen einrichten. Schach mit Figuren aus Seife, ein Minikoran, der Heilige Georg aus Dosenblech und Silberpapier. Versteckte Handys in Zigarettenschachteln. Manche nutzen Wasserflaschen als Hanteln, stählen so ihren Körper.

Häftling hebt Flaschengewichte in Zelle
Improvisiertes Workout im Gefängnis von Poggioreale in Italien Bildrechte: Valerio Bispuri

Auch Tattoos, die mittlerweile überhaupt nicht mehr mit Gefängnis assoziiert werden, spielen dort noch immer eine große Rolle: "als letztes Ressort, was man frei gestalten kann", so Dzierson. Aber auch Drogen, Alkohol und Sex sind ein Dauer-Themen hinter Gittern. Die Kuratorin ergänzt: "...die ganzen negativen Effekte, die man hat, zum Beispiel sexuelle Gewalt, der man ausgeliefert ist, oder eben eine mangelnde Gesundheitsversorgung, das sind alles Dinge, die über den normalen Freiheitsentzug hinaus gehen."

Begehbare Zelle

"Änder' dich", heißt es dagegen 2015 in einem Hip-Hop Projekt der JVA Plötzensee. Knastmusik für Museums-Besucher. Aus einer orangen Gitter-Zelle kommend betritt man am Ende der Ausstellung einen großen schwarzen Kreis. Der Rechtswissenschaftler Prof. Bernd Maelicke spricht in einem Videointerview über Resozialisierung. Es geht auch um den Täter-Opfer-Dialog oder um Alternativen zum Strafvollzug im Gefängnis, etwa Fußfesseln oder das Konzept des offenen Vollzugs.

Während der Ausstellung sind auch Führungen mit früheren Gefangenen geplant. Auch sie blicken dann auf die Wand mit dutzenden großen Sanduhren, die zeigen, wie Lebenszeit im Gefängnis verrinnt.

Ausstellung 'Im Gefängnis' in Genf (Holzer/Kobler Architekturen Zürich, Berlin)
Blick in die Ausstellung "Im Gefängnis" Bildrechte: Radek Brunecky

Angaben zur Ausstellung Ausstellung "Im Gefängnis. Vom Entzug der Freiheit"
26. September bis 31. Mai 2021
Deutsches Hygiene-Museum

Anschrift:
Lingnerplatz 1
01069 Dresden

Öffnungszeiten:
Dienstag bis Sonntag und an Feiertagen, 10 bis 18 Uhr

Eintritt:
9 Euro, ermäßigt 4 Euro, Kinder bis 16 Jahre frei, Familienkarte 14 Euro

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Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Dieses Thema im Programm: MDR KULTUR - Das Radio | 26. September 2020 | 08:10 Uhr