Jubiläumsausstellung 100 Jahre Kunstsammlungen Chemnitz: Moderne auf Augenhöhe

Vor etwas mehr als hundert Jahren hat die Stadt Chemnitz begonnen, die gesammelten Kunstwerke auszustellen und der Allgemeinheit zugänglich zumachen. Was zu Beginn noch eine ziemlich diffuse Mischung war, entwickelte sich bald zu einem anerkannten Museum mit Schwerpunkt auf Moderne und Expressionismus. Nun feiern die Kunstsammlungen Chemnitz ihren 100. Geburtstag. In der Ausstellung "Im Morgenlicht der Republik" blickt das Museum auf seine Geschichte zurück.

David Schnell - Splitter
"Splitter" von David Schnell (2018) Bildrechte: Uwe Walter/VG Bild-Kunst

Bereits seit 1860 war der Chemnitzer Kunstverein "Kunsthütte" tätig und auch die Stadt selbst kaufte fleißig Kunst. Schließlich beschlossen die Stadtverordneten die Gründung einer Städtischen Sammlung, um den noch überschaubaren Kunstbesitz der Allgemeinheit zugänglich zu machen. Mit dem 1909 eingeweihten König-Albert-Museum, erbaut von Richard Möbius, war ein repräsentativer Bau im Herzen der Stadt vorhanden.

Von diffus zu kuratiert

Prägende Gestalt des ersten Jahrzehnts der neuen Sammlung war Friedrich Schreiber-Weigand, der in Personalunion die Geschicke des Kunstvereins und der neugegründeten Städtischen Sammlung führte. Ihm gelang es, dem neuen Museum ein eigenes Profil zu geben, es schnell in der deutschen Museumslandschaft zu positionieren und enge Verbindungen vor allem zu den expressionistischen Künstlern herzustellen. In nur wenigen Jahren formte er aus der durch Schenkungen und Stiftungen entstandenen, etwas diffusen Sammlung mit Hilfe zahlreicher Mäzene, eine moderne Sammlung mit dem Schwerpunkt Expressionismus. Besonders bemühte er sich um die Künstler der "Brücke", zu dessen Mitbegründer Karl Schmidt-Rottluff, der aus Chemnitz stammte, eine besonders enge Verbindung bestand.

Edvard Munch - Das kranke Kind
"Das kranke Kind" von Edvard Munch (1894) Bildrechte: may Voigt/Kunstsammlungen Chemnitz

Heute gehören zu den Städtischen Kunstsammlungen mehrere Museen mit jeweils eigenem Profil. Neben der Sammlung am Theaterplatz gibt es seit 13 Jahren das Sammlermuseum Gunzenhauser mit dem Schwerpunkt Klassische Moderne, das Schloßbergmuseum mit der stadtgeschichtlichen Sammlung und der Kunst des Spätmittelalters, sowie das Henry van de Velde Museum in der Villa Esche. Die Strumpffabrikantenfamilie ist ein eindrucksvolles Beispiel dafür, wie Geld und Kunstsinn, Aufgeschlossenheit und Repräsentationsbedürfnis, zusammenfanden. Edward Munch war der Porträtist der Familie, ihre Villa entwarf und stattete Henry van de Velde aus.

Das Museum steht sehr gut da. Es ist für meine Begriffe einer der Brückenköpfe der Stadt nach außen – international wie national. Chemnitz ist jetzt nicht Berlin oder München, trotzdem hat das Museum einen sehr guten Ruf aufgrund der Qualität seiner Sammlung, aufgrund der Qualität der Ausstellungen. Ich denke, dass wir mit der Kulturhauptstadtbewerbung 2025 noch einiges dafür tun können, dass sich das noch verbessert.

Frédéric Bußmann, Generaldirektor der Kunstsammlungen Chemnitz

Durch die Geschichte

In der Jubiläumsausstellung "Im Morgenlicht der Republik" sind alle Sammlungen mit ausgewählten Exponaten vertreten. In den sechs Kapiteln – Romantik, Arbeit=Wohlstand=Schönheit (nach einem Wandbild von Max Klinger im Rathaus), Expressionismus, Galerie der Moderne, Kunst im geteilten Deutschland und Dialoge – wird die 100-jährige Sammlungsgeschichte mit Gemälden, Grafiken, Plastiken, Plakaten, Fotos und Kunsthandwerk erzählt. Auch die bedeutende und wegen der Lichtempfindlichkeit der Stoffe nicht dauernd ausgestellte Textilsammlung ist mit Exponaten von William Morris bis zum Bauhaus vertreten. Rund 400 Werke aus einem Bestand von über 65.000 sind in den nächsten Monaten am Theaterplatz zu sehen.

Kircheisen - Damenstuempfe
Damenstrümpfe von der Familie Friedrich Kircheisen Bildrechte: may Voigt/Kunstsammlungen Chemnitz

Auch die Geschichte der Sammlung spielt eine wichtige Rolle: So stellte die Zeit des NS-Regimes eine Zäsur auch in der Geschichte der Chemnitzer Kunstsammlungen dar. Denn in der Zeit der Diktatur wurde – wie eigentlich überall in Deutschland – alles entfernt, was nicht der Ideologie entsprach und als "entartet" diffamiert wurde. Die Verluste betrafen den Kernbestand der Sammlung. Ein schöneren Blick in die Vergangenheit bietet das Carlfriedrich-Claus-Archiv, das den Nachlass, die Bibliothek und den Briefwechsel dieses eigensinnigen, heute international hochgeschätzten Künstler-Philosophen verwahrt – ein Alleinstellungsmerkmal der Kunstsammlungen.

Ernst-Ludwig-Kirchner - Chemnitzer Fabriken
"Chemnitzer Fabriken" von Ernst Ludwig Kirchner (1926) Bildrechte: sammlung deutsche Bank

Erstmals wird in der Ausstellung der Versuch gemacht, eine spezielle Präsentationsweise moderner Kunst zu rekonstruieren. Es handelt sich um die 1926 von Schreiber-Weigand eingerichtete "Galerie der Moderne", die in den Kojen die Bilder und Plastiken der Expressionisten auf und vor, jeweils mit dem Werk korrespondierenden, stark farbigen Wänden präsentierte. Das Farbkonzept stammte von Karl Schmidt-Rottluff. Da die exakten Farbtöne nicht dokumentiert sind, sondern nur in Presseberichten beschrieben und viele der Werke in Chemnitz gar nicht mehr vorhanden sind, ist nur eine Annäherung, eine zeitgenössische Interpretation möglich.

Während die Ausstellung ein Geschenk an treue und neue Besucherinnen und Besucher ist, hat die Kunstsammlung auch einen eigenen Wunsch zum 100. Jubiläum: finanzielle Unterstützung beim Erwerb des Gemäldes "Knabe in der Tram" (1912) von Erich Heckel, denn dafür reicht der städtische Ankaufsetat keinesfalls.

Informationen zur Ausstellung "Im Morgenlicht der Republik" – 100 Jahre Kunstsammlungen Chemnitz

Vom 25. Juli bis zum 25. Oktober 2020

Kunstsammlungen Chemnitz
Theaterplatz 1
09111 Chemnitz

Di, Do–So, Feiertag 11–18 Uhr
Mi 14–21 Uhr
Montag geschlossen

Kunst-Ausstellungen in Sachsen

Dieses Thema im Programm: MDR KULTUR - Das Radio | 24. Juli 2020 | 08:40 Uhr