Ausstellung Multimedia-Kunst über Treuhandanstalt – "Pochen"-Biennale in Chemnitz

Zum 30. Jahrestag der deutschen Wiedervereinigung rückt die Arbeit der Treuhandanstalt wieder in das Licht der Öffentlichkeit. Auch die alle zwei Jahre stattfindende Biennale "Pochen" in Chemnitz hat die Privatisierung der DDR-Betriebe zum Thema der Ausstellung gemacht. Die 20 Künstlerinnen und Künstler haben sich mit der Privatisierung der DDR-Industrie auseinandergesetzt. In assoziativen Arbeiten beschäftigen sie sich mit der Bedeutung der D-Mark und dem Vermächtnis der alten Betriebe.

Biennale Pochen
Biennale Pochen Bildrechte: Spinnerei e.V./Bela Bender

Der ehemalige VEB Wirkmaschinenbau Altchemnitz im Kombinat Textima wurde 1994 von der Treuhand liquidiert. Der heute sanierte Gewerbepark ist also ein idealer Ausstellungsort für künstlerische Assoziationen zum leidigen Thema Treuhand, die ab 1990 für die Privatisierung der DDR-Betriebe verantwortlich war und bis heute unter starker Kritik steht. "Wir sind der Überzeugung, dass es wirklich viele Themen in der Region gibt, die jahrelang nicht verhandelt wurden. Wir wollen diese auf das Tableau bringen", erklärt der 33-Jährige das große Interesse der Chemnitzer an diesem eigentlich seit 26 Jahren scheinbar abgeschlossenen Thema. Gruner ist als Vorstandsmitglied des Vereins "Spinnerei e.V." der Hauptorganisator der Biennale "Pochen".

Fakten und Geschichten

Ehemalige Beschäftigte der von der Treuhand abgewickelten oder verscherbelten Betriebe kommen in einem Teil der Ausstellung zu Wort, in dem das Berliner Museum für Werte Interviews dokumentiert. Denn von sich aus kamen die Bürger nicht mit eigenen Geschichten. Jan Stassen musste feststellen, "dass das Thema tiefer liegt und ein bisschen mehr auf den Schmerzpunkt drückt. Und es hat länger gebraucht, bis wir Geschichten bekommen haben."

Die große weiß gestrichene Ausstellungshalle aber gehört 24 Künstlern aus mehreren Ländern. Es geht ihnen mit Ausnahme einer großen Piktogramm-Wand von Andreas Siekmann nicht um ökonomische Zusammenhänge. Siekmann, auch schon auf der Kasseler documenta vertreten, hat schon 2005 unter dem Titel "Faustpfand, Treuhand und die unsichtbare Hand" sehr faktenkundig, aber mit versteckter Ironie die Jahre 1990 bis 1994 im Wortsinn nachgezeichnet.

Assoziationen zu Kapitalismus und D-Mark

Sonst dominiert die assoziative Beschreibung eines Kapitalismus', zu dessen Normalität nun einmal die feindliche Übernahme störender Konkurrenten gehört – solche weltmarktfähigen Devisenbringer gab es auch in der DDR. Dem ging allerdings die hier schon fast sakral überhöhte Anbetung der D-Mark voraus: "Auf der einen Seite diese berühmte Einführung der Deutschem Mark 1990, und auf der anderen Rückseite sehen Sie immer wieder verschiedene Betriebe hier aus Chemnitz, die damals abgewickelt wurden", erzählt Jan Stassen.

Biennale Pochen Chemnitz
David Polizins Arbeit bei der Biennale Bildrechte: Bela Bender

Eine Wortinstallation zählt die Synonyme für das Verb "liquidieren" auf. Fotoinstallationen zeigen den morbiden Charme verlassener Betriebe. David Polzin spinnt Firmenlogos weiter, wenn diese Betriebe überlebt hätten. Was stattdessen kam, karikieren Nonsens-Maschinen und auf besonders makabre Weise ein langes Video in einem eigenen Raum, das unter dem Titel "Kinder Country" die Lust US-amerikanischer Filme an der Apokalypse, an Horror und Gewalt dokumentiert. "Wir haben versucht, in dieser Ausstellung einen sehr zeitgenössischen Blick, auch vielleicht den einer jüngeren Generation und den einer Perspektive aus dem Jetzt auf das Thema zurückzubringen", sagt Kuratorin Sabine Maria Schmidt von den Chemnitzer Kunstsammlungen.

Wende – heute und damals

Biennale Pochen Chemnitz
Blick in die Hauptausstellung der Biennale "Pochen" Bildrechte: Bela Bender

Nicht im Widerspruch dazu steht der zentrale und echt ostalgische Berg von Originalstühlen des Berliner Runden Tisches von 1989. Die Absicht der Kuratoren scheint anzukommen, wenn man Linda Kolodjuk, Reporterin des Studentenmagazins "Rabatz" der Chemnitzer Universität hört: "Gerade weil Ost-Charme oder der Osten oder diese Ost-Ästhetik sehr trendy ist momentan – und ich fände es wichtig, mehr Hintergründe dazu zu erfahren und zu sehen, dass nicht alles so romantisch ist." Ein etwas anderes Resümee zieht der zweite Kurator und Künstler Olaf Bender: "Alle waren relativ glücklich mit ihrer D-Mark, und ich glaube, wir hätten zu dieser Zeit mehr DDR-Bürger gebraucht, die das durchschaut hätten."

Im zentralen Tietz-Kaufhaus und im Landesmuseum für Archäologie gibt es Außenstellen dieser "Pochen"-Biennale. Sie kann durchaus als Ergänzung zur laufenden sächsischen Industriekultur-Landesausstellung angesehen werden, die das Treuhand-Thema nicht ausspart.

Informationen zur Ausstellung Die multimediale Biennale "Pochen" 2020 läuft bis zum 1. November.

Wirkbau Chemnitz
Lothringer Straße 11
09120 Chemnitz

Öffnungszeiten
Di bis Fr von 15-19 Uhr
Sa und So von 11-19 Uhr

Kunst in Chemnitz

Dieses Thema im Programm: MDR KULTUR - Das Radio | 22. Oktober 2020 | 17:10 Uhr