"BIG D@T@! BIG MON€Y!" Leipziger Kunst-Ausstellung zeigt die Abgründe der Digitalisierung

Big Data ist eines der wichtigsten Schlagworte unserer Zeit. Mit Hilfe riesiger Datenmengen könnte alles besser kontrolliert werden – am Ende auch jeder einzelne Mensch. Die Ausstellung "Big Data! Big Money" in der Halle 14 auf dem Leipziger Spinnereigelände zeigt sieben künstlerische Arbeiten, die sich mit den Werkzeugen und Auswirkungen beschäftigen. So sollen auch die "User" angeregt werden, sich mit ihren Daten auseinanderzusetzen.

RYBN.ORG, ADM8 5 min
Bildrechte: Halle 14

Das Netz weiß alles über uns und vergisst nichts! Das ist schon lange bekannt. Nicht nur Geheimdienste, auch Internet-Firmen speichern unsere Bewegungen, wissen, wo wir uns aufhalten, wer unsere Freunde sind und was uns im Netz gefällt. Erschreckt schauen wir nach China, wo das Internet vom Staat kontrolliert wird und eine kleine Elite rund 1,4 Milliarden Menschen erzieht, die im richtigen Moment gelobt oder getadelt werden.

Datenspuren

Ein orwellscher Albtraum, den die Halle 14 in ihrer neuen Schau "Big Data! Big Money!" mit sieben Kunstpositionen recht ergreifend ausmalt. So zeigt etwa die Künstlerin Joana Moll eins zu eins, aber umso erschreckender, das "Verborgene Leben eines Amazon-Users" auf. Dazu gehört ein rund 1,40 Meter hoher Stapel Papier, den nur eine einzige Bestellung auslöst: 8.424 Seiten Programmiertext, die Joana Moll für ihre Kunst-Installation ausgedruckt hat und die jetzt auf der Empore der Halle 14 in Leipzig stehen.

Das ist nicht irgendetwas, was irgendwo stattfindet, an der Wall Street oder im Silicon Valley. Das verändert unseren Alltag, das verändert unsere Persönlichkeit und wir sollten das kennen, um es auch gestalten zu können und auch nach einer demokratischeren Form dieser neuen Informationstechnologien zu suchen.

Michael Arzt, Leiter der Halle 14

Beklemmende Installation

Die angstbesetzten Werkzeuge der Daten- und Finanzindustrie – die Halle 14 trägt sie, teils künstlerisch verfremdet, für ihre neue Ausstellung zusammen. So durchschreiten die Besucher etliche dunkle Räume: Die Physiognomie der Halle 14, einer verlassenen Werkshalle auf dem Gelände der Leipziger Baumwollspinnerei, verwandelt sich dem Thema wunderbar an. Besonders finster ist jener Raum, den RYBN.ORG geschaffen hat. Das französische Künstlerkollektiv hat einen Handelsroboter programmiert, der seit 2011 auf Finanzmärkten selbstständig investiert und spekuliert.

Die Ästhetik des Ausstellungsraums orientiert sich am informatischen Binärcode, bei dem auf schwarzem Untergrund weiße Wortgruppen, Zeichen, Fragmente leuchten. Auch Aktienkurse ordnen sich in die Schwarz-Weiß-Ästhetik ein, die auf uns umso beklemmender wirken, wenn sie abstürzen. So geschehen im so genannten Flash-Crash im Jahr 2010, den bis heute niemand erklären kann. "Das Tempo dieses Absturzes kommt durch diesen automatisierten Handel. Keiner weiß warum: Es gibt keine Nachricht, die das ausgelöst hat und das verstärkt sich dadurch, weil die Algorithmen darauf reagieren", erläutert Michael Arzt die Auswirkungen.

Gerald Nestler, CONTINGENT ETHICS. Portraits of a Philosophy Series II. Haim Bodek, 2014. Filmstill
Szene aus dem Kunstfilm "Contigent Ethics" von Gerald Nestler Bildrechte: Gerald Nestler/ Halle 14

Keine leicht Kost

Noch ganz erschüttert davon wendet man sich – auf den ersten Blick – gefälligeren, freundlicheren, ironischeren Arbeiten in der Schau zu: Etwa einem idyllisch-kitschigen Gemälde "Adam und Eva im Garten Eden", dessen Bergkette der Leipziger Fotokünstler Falk Messerschmidt dem so genannten "Angstbarometer" in den Jahren der Finanzkrise  von 2007 bis 2009 anpasste. Spielereien serviert auch die Installation des Wiener Autors Gerhard Nestler, der in Videos und Aktionen Finanzmarktexperten zu Wort kommen lässt aber auch in einer grafischen Serie farbig-humorvoll mit möglichen Börsenkurven spielt, bei Kauf-Optionen wie "Long Call" oder "Short Put". Psychedelisch verfremdet begegnet einem schließlich die Börsenwelt in der Position der britischen Künstlerin Suzanne Treister. Sie geht teils augenzwinkernd dem Mythos von selbst ernannten Techno-Schamanen nach, die mithilfe psychoaktiver Pflanzen und von Algorithmen nichts Geringeres als das Universum beeinflussen wollen, aber auch den Börsenkurs ihres Unternehmens.

Varvara & Mar, Data Shop (Data Honey), 2017
Eine Dose aus dem "Data Shop" von Varvara & Mar Bildrechte: Halle 14

Dann ist da noch der "Data Shop" des Duos Varvara & Mar, das in der Ästhetik der frühen 60er, von Andy Warhols "Campbell's Suppendosen", den virtuellen Handel mit personenbezogen Daten veranschaulicht. Mit kleinen, golden schimmernden Konservendosen, in denen es Datensalat und Datensahne zu kaufen gibt. "Die Dosen machen in der Form eines Supermarktes sichtbar, was uns nicht so klar und sichtbar ist", meint Michael Arzt. "Wenn wir im Internet einkaufen gehen oder uns im Internet bewegen, werden unsere Daten dort gesammelt." Besucherinnen und Besucher können diese Dosen auch kaufen. Sie müssen sich dann aber dazu verpflichten, ihre Dose niemals zu öffnen. "Also hier wird Datenschutz groß geschrieben!", fasst Arzt zusammen. Auch wenn gerade der "Data Shop" den Besuchern den Einstieg ins Thema Big Data einfach macht, bietet die Ausstellung keine leichte Kost. Die sieben Kunstpositionen geben keine schnellen Antworten und wollen studiert werden – nicht bloß betrachtet.

Informationen zur Ausstellung "BIG D@T@! BIG MON€Y!"
in der Halle 14 auf dem Spinnereigelände
vom 26. September bis zum 5. Dezember

Spinnereistraße 7
04179 Leipzig

Öffnungszeiten: Di bis So, 11-18 Uhr

Ausstellungen in Leipzig

Dieses Thema im Programm: MDR KULTUR - Das Radio | 29. September 2020 | 17:10 Uhr