Vorher und Nachher Leipziger Foto-Ausstellung "Metamorphosen" zeigt Wandel der Industriekultur

Industriekultur ist heute allgegenwärtig. Dazu leistete die Fotografie einen nicht unwesentlichen Teil, indem sie seit dem späten 19. Jahrhundert immer wieder Fabriken, Werkstätten, Arbeiter und Arbeiterinnen als auch die hergestellten Produkte in den Fokus nahm. In diesem Jahr feiert Sachsen 500 Jahre Industriekultur und die Kunsthalle der Leipziger Sparkasse huldigt in einer Ausstellung den letzten 32 Jahren der Industrie-Fotografie in Sachsen huldigt.

Blick in eine Ausstellung
Blick in die Ausstellung "Metamorphosen" Bildrechte: Kunsthalle der Sparkasse Leipzig

Den Bildern von Gerhard Gäbler, einem Tableau von neun  Schwarz-Weiß-Fotografien gleich am Eingang, können sich die Besucher kaum entziehen. Wie manch anderer hat auch Gäbler die bizarren Widersprüche im Arbeiter- und Bauern-Staat – zwischen Jubelparolen und Tristesse – gern frontal und im Ausschnitt festgehalten. 1952 in Leipzig geboren, gehörte er viele Jahre der renommierten Leipziger Agentur "Punctum" an. Während seines Studiums bei Evelyn Richter und Arno Fischer lichtete er 1988 auch arbeitende Menschen ab, vor allem in körperlich anstrengenden Berufen, die durch die Würde, die sie ausstrahlen, beeindrucken: das rußverschmierte Gesicht des Gießers des VEB Eisenwerk Erla oder einen Arbeiter mit Presslufthammer inmitten einer der damals toten Straßenzüge Leipzigs. "Das Besondere ist die Art und Weise wie er diese neun Arbeiter fotografiert. Er kommt ihnen ausgesprochen nahe mit der Kamera, sie blicken ausnahmslos direkt ins Objektiv und damit direkt auf den Betrachter. So entsteht gleich in der Eingangs-Situation eine große Unmittelbarkeit", erklärt Philipp Freytag. Er hat die Schau in der Kunsthalle kuratiert, die den Wandel der sächsischen und Leipziger Industriekultur der letzten 32 Jahre zeigt und 1988 beginnt.

Blick in eine Ausstellung
Porträtserie von Gerhard Gäbler Bildrechte: Kunsthalle der Sparkasse Leipzig

Vorher und Nachher

Beim Rundgang durch die Ausstellung, die insgesamt Handschriften von sechs Leipziger Fotografen und Fotografinnen vereint, erschließen sich dem Publikum die Persönlichkeiten von Arbeiterinnen und Arbeitern im Wandel der Zeiten, etwa durch die Fotos von Christiane Eisler, die Ende der 70er-Jahre an der Leipziger Hochschule für Grafik und Buchkunst (HGB) bei Harald Kirschner und Evelyn Richter studierte. "Christiane Eisler ist ganz stark von der sozialdokumentarischen Fotografie, die gelegentlich auch als Leipziger Schule der Fotografie bezeichnet wird, geprägt. Sie ist eine ausgesprochene Menschenfotografin", sagt Freytag. Eisler zeigt im Vorher-Nachher-Prinzip die Gesichter aus der "Böhme Schokoladenfabrik" in Delitzsch von 1992 und im Nachfolgeunternehmen von 2020. Mit den Umbrüchen in der Produktion haben sich die Gesichtszüge geändert, wiewohl es in den neuen Werkshallen kaum noch Menschen zu sehen gibt.  

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Foto-Serie von Konstanze Göbel Bildrechte: Kunsthalle der Sparkasse Leipzig

Dem Vorher-Nachher-Prinzip verpflichten sich in der Schau auch Konstanze Göbel und Harald Kirschner, beide haben sie ebenfalls an der HGB Fotografie studiert und eben auch gelehrt. Göbel, Jahrgang 1950, ist vor allem durch ihre Halle-Serie aus den 80er-Jahren bekannt. Kirschner, geboren 1944, leitete die Fotoklasse in Leipzig sogar kurze Zeit. In der Kunsthalle der Sparkasse zeigt er mit Fotos aus den frühen 90er-Jahren und von heute den Gesichtswechsel im Leipziger Stadtteil Plagwitz: Damals bestimmten rauchende Schlote und Maschinengeratter das Viertel, das gegen Ende der DDR zur schmutzigen Ecke der Stadt verkam. Bald sollten tausende Menschen ihre Arbeit verlieren, die heute in dem, mittlerweile gentrifizierten, Stadtteil nicht mal mehr wohnen. Vordergründig zeigen wir, wie sich das Stadtbild verändert hat, wie sich sehr markante Architekturen verändert haben, zum Beispiel auf der Alten Messe oder eben in Plagwitz. Da steht aber eben so viel mehr dahinter", erklärt Freytag die Intension der Ausstellung.

Einschneidende Folgen des Jahres 1989

Die einschneidenden städtebaulichen und sozialen Folgen nach 1989 sprechen auch aus den zwei Fotoserien von Konstanze Göbel, die sich die Hallen der Alten Leipziger Messe vornimmt: einerseits mit strengen, schönen Architekturfotografien in schwarz-weiß, die 1992 noch möglich waren, andererseits mit Farbfotografien aus dem Jahr 2020, die Verfall und teils inadäquate Umnutzung bescheinigen. Die Parameter der Vergleichbarkeit vernachlässigt Göbel zugunsten der Aussage.

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Fotografie von Sieghard Liebe Bildrechte: Kunsthalle der Sparkasse Leipzig

Auch die Fotografen Sieghard Liebe, ab 1966 Lehr-Institution in der Leipziger Fotoklasse, und Bernd Cramer, ebenda in den 90er-Jahren ausgebildet, präsentieren keine Vor-Nachher-Fotografie, etwa vom in den 90er-Jahren durch Neubauten "umgepflügten" Leipziger Zentrum oder den neuen Industriewelten um die Stadt. Sie setzten laut Freytag lieber auf markante Einzelbilder: "Bernd Cramer dokumentiert eben nicht einen Ort, indem er ihn von A bis Z abfotografiert oder einen gewissen Weg entlanggeht. Er hat auch keine klassische Erzählung in seiner Bildfolge. Zum einen bewirkt er dadurch eine Verwobenheit seiner Bildserie und zum anderen gibt es narrative Impulse, ohne Dinge 'auszuerzählen'." Die Ausstellung, die mit fotokünstlerischem Blick den Wandel der Leipziger und sächsischen Industriearchitektur thematisiert, bezeugt zudem jene Perspektive der Leipziger Dokumentarfotografie, die in all den Jahren des Wechsels Bestand hatte.

Informationen zur Ausstellung "Metamorphosen – Industriekultur im Wandel. Positionen Leipziger Fotograf:innen 1988-2020
Vom 25. September bis 20. Dezember 2020

Kunsthalle der Sparkasse Leipzig
Otto-Schill-Straße 4a
04109 Leipzig

Öffnungszeiten:
Mi 12-20, Do-So 10-18
Montag und Dienstag geschlossen

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Dieses Thema im Programm: MDR KULTUR - Das Radio | 24. September 2020 | 13:40 Uhr