Doris Ziegler, Große Passage, 1989-1990, Mischtechnik auf Leinwand, 295x350cm, Privatbesitz
Neuentdeckung: Der Bilderzuyklus "Passegenbilder" von der Leipziger Malerin Doris Ziegler. Hier: "Grosse Passagen". Bildrechte: VG Bild-Kunst Bonn, 2019, Foto: InGestalt/Michael Ehritt

Ausstellung "Point of No Return" – Kunstmuseum Leipzig blickt auf Friedliche Revolution

Zum 30-jährigen Jubiläum der Friedlichen Revolution zeigt das Museum der bildenden Künste Leipzig (MdbK) erstmals umfassende künstlerische Perspektiven zum Umbruch 1989. Die Schau umfasst mehr als 300 Werke von 106 Künstlerinnen und Künstlern und versucht, 20 Jahre nach den ideologischen Grabenkämpfen um die deutsch-deutsche Kunst einen neuen Kanon zu bilden: Was und wer Kunst in der DDR denn nun wirklich prägte. Die Ausstellung ist vom 22. Juli bis 3. November 2019 zu sehen.

von Ulrike Thielmann, MDR KULTUR

Doris Ziegler, Große Passage, 1989-1990, Mischtechnik auf Leinwand, 295x350cm, Privatbesitz
Neuentdeckung: Der Bilderzuyklus "Passegenbilder" von der Leipziger Malerin Doris Ziegler. Hier: "Grosse Passagen". Bildrechte: VG Bild-Kunst Bonn, 2019, Foto: InGestalt/Michael Ehritt

Ganz klar: Hier geht es um Wiedergutmachung, um erlittene Kränkungen, teils gar um Entzug der künstlerischen Lebensgrundlage. Jene Debatten der 90er-Jahre, sie sind plötzlich wieder gegenwärtig, betritt man die neue, dicht gehängte – im Hauptsaal des Leipziger Bildermuseums gar in Petersburger Manier präsentierte – Ausstellung, mit dem Titel "Point of No Return". In den 90ern stritt man im westdeutschen Feuilleton und unter Museumsleuten darüber, was zu bewahrende Kunst aus der DDR sei, was "ab" ins Depot musste oder am besten gleich bei den Künstlern, in deren Ateliers, zu verbleiben hatte.

Essenz der DDR-Kunst

Zwei Kuratoren, die sich seit Jahrzehnten mit DDR-deutscher Kunst beschäftigen, die Experten Christoph Tannert und Paul Kaiser, konnten nun im Museum der bildenden Künste Leipzig, ihr Wissen um jene verdrängte DDR-Kunst in einer Schau bündeln. Jene Kunst, die nach ’89 weder mit "staatsnah" noch mit "dissidentisch" etikettiert wurde, die für den kulturpolitischen Ost-West-Diskurs als Munition nicht taugte, die aber letztlich die Essenz der DDR-Kunst ausmacht.

Wir sind in einer Zeit mit einem gestiegenen ostdeutschen Selbstbewusstsein, das auch mit Selbstthematisierung verbunden ist und natürlich auch mit einem nachholenden Gerechtigkeitsbewusstsein vieler Künstler, endlich in dem Sinne auch wahrgenommen zu werden.

Paul Kaiser, Kurator der Ausstellung

Dafür gab es bisher keine Strukturen, erklärt Paul Kaiser: "Es gab kein Interesse der Museen, auch nicht der ostdeutschen Museen. All das ist erst in den drei, vier Jahren, die zurückliegen, passiert."

Hans Winkler, Konstruktive Beschwörung, 1991, Gouache und Latex auf Leinen, 140x120cm, Nachlass Hans Winkler, Chemnitz 7 min
Bildrechte: InGestalt/Michael Ehritt, © VG Bild-Kunst Bonn, 2019

Die Ausstellung "Point of No Return" im MdbK Leipzig erzählt von einer DDR-Kunst, die politische Kategorien gar nicht braucht - und genau deshalb auch für viele junge Leute attraktiv ist. Kurator Paul Kaiser im Gespräch.

MDR KULTUR - Das Radio Di 23.07.2019 08:40Uhr 07:06 min

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Kritische Auseinandersetzung mit der DDR

Wasja Götze, Die reizende Mauer, 1988, Öl/Hartfaserplatte, 92x123cm, Privatbesitz,
Wasja Götze, Die reizende Mauer, 1988, Öl/Hartfaserplatte, 92x123cm. Bildrechte: Wasja Götze

Mehr als 300 Werke, hauptsächlich Malerei, aber auch Fotografie und Plastik, vereint die Schau auf rund 1.500 Quadratmetern. 106 Künstlerinnen und Künstler sind präsent: Große Namen aber auch solche, die selbst Fachleute für DDR-Kunst nicht kannten. Alle Werke setzen sich kritisch mit der DDR-Gesellschaft auseinander, manche zeigen gar vor ’89 die Mauer, was verboten war. 

Alfred Weidinger, Direktor des Leipziger Museums der bildenden Künste, als Österreicher in neutraler Position zur DDR-Kunst, ermöglichte die Schau in seinem Haus: "Es wird viele Überraschungen geben, weil das einfach Kunstwerke sind, die wir aus den Archiven rausgeholt haben, die die Künstler seit Ewigkeiten nicht mehr gezeigt hatten", erklärt Weidinger.

Und einige Kunstwerke sind überhaupt noch nie gezeigt worden. Und das wird auch entsprechenden Einfluss auf die Kunstgeschichtsschreibung dieses Landes haben.

Alfred Weidinger, Direktor Museum der bildenden Künste Leipzig

Thematische Räume: DDR-Popart und gedeckte Farben

Thematische Räume sind entstanden, die Titel tragen wie "Artisten und Masken" oder "Transit", auch einen "Raum der Ironie" gibt es. Mit farbstarken, bunten Werken des DDR-Popart-Künstlers Wasja Götze, als auch des Ostberliners Hans Ticha, seinem Werk "99,9 Prozent" von 1982, einer nicht ganz ungefährlichen Satire auf die Stimmenauszählungen bei DDR-Wahlen. Die meisten der präsentierten Werke der Schau sind jedoch viel in gedeckten Farben gehalten, von realsozialistischer Düsternis geprägt, als auch von künstlerischen Form-Experimenten, gar vom Widerstreit der verschiedenen Malschulen im zänkischen Zwergstaat. Und, bislang völlig im Hintertreffen der deutsch-deutschen Kunstrezeption: Chemnitz, früher Karl-Marx-Stadt, jene sächsische Großstadt ohne Kunsthochschule, in den 80ern aber künstlerisch innovativ, besonders im Bereich der Fotografie.

"Point of No Return": Ein Blick in die Ausstellung

Clemens Gröszer, Marin á cholie, 1991-1992, Mischtechnik auf Leinwand, 176x88cm, Brandenburgisches Landesmuseum für moderne Kunst
Clemens Gröszer, Marin á cholie, 1991-1992, Mischtechnik auf Leinwand, 176x88cm. Bildrechte: VG Bild-Kunst Bonn, 2019, Foto: InGestalt/Michael Ehritt
Clemens Gröszer, Marin á cholie, 1991-1992, Mischtechnik auf Leinwand, 176x88cm, Brandenburgisches Landesmuseum für moderne Kunst
Clemens Gröszer, Marin á cholie, 1991-1992, Mischtechnik auf Leinwand, 176x88cm. Bildrechte: VG Bild-Kunst Bonn, 2019, Foto: InGestalt/Michael Ehritt
Cornelia Schleime, o.T. (aus: Horizontebilder), 1985-1986, Mischtechnik auf Japanpapier auf Flies, 140x140cm, Sammlung Leo Lippold
Cornelia Schleime, o.T. (aus: Horizontebilder), 1985-1986, Mischtechnik auf Japanpapier auf Flies, 140x140cm. Bildrechte: Cornelia Schleime, Foto: InGestalt/Michael Ehritt
Doris Ziegler, Große Passage, 1989-1990, Mischtechnik auf Leinwand, 295x350cm, Privatbesitz
Doris Ziegler, Große Passage, 1989-1990, Mischtechnik auf Leinwand, 295x350cm. Bildrechte: VG Bild-Kunst Bonn, 2019, Foto: InGestalt/Michael Ehritt
Hans Ticha, Agitator (Rufer, 1988, Öl auf Leinwand, 194x134cm, Galerie Läkemäker Berlin
Hans Ticha, Agitator (Rufer, 1988, Öl auf Leinwand, 194x134cm. Bildrechte: InGestalt/Michael Ehritt, © VG Bild-Kunst Bonn, 2019
Hans Winkler, Konstruktive Beschwörung, 1991, Gouache und Latex auf Leinen, 140x120cm, Nachlass Hans Winkler, Chemnitz
Hans Winkler, Konstruktive Beschwörung, 1991, Gouache und Latex auf Leinen, 140x120cm. Bildrechte: InGestalt/Michael Ehritt, © VG Bild-Kunst Bonn, 2019
Jürgen Schäfer, Ich und Ich (I), 1980, Acryl auf Leinwand, 200x100cm, Privabesitz,
Jürgen Schäfer, Ich und Ich (I), 1980, Acryl auf Leinwand, 200x100cm. Bildrechte: Jürgen Schäfer, Foto: InGestalt/Michael Ehritt
Lutz Fleischer: Trunkenes Paar, 1981, Öl auf Leinwand, 131x116cm, Privatbesitz,
Lutz Fleischer: Trunkenes Paar, 1981, Öl auf Leinwand, 131x116cm. Bildrechte: Lutz Fleischer, Foto: InGestalt/Michael Ehritt
Lutz Friedel, Adler (Die Brüder), 1989, Öl auf Bitumen und Plastikteile auf Leinwand, 220x220cm, Privatbesitz,
Lutz Friedel, Adler (Die Brüder), 1989, Öl auf Bitumen und Plastikteile auf Leinwand, 220x220cm. Bildrechte: InGestalt/Michael Ehritt, © VG Bild-Kunst Bonn, 2019
Norbert Wagenbrett, Aufbruch, (Aus Zyklus: „Sieben Bilder zur Geschichte der Sowjetunion“), 1989-90, Öl/Leinwand, 181x132 cm, Kunstarchiv Beeskow
Norbert Wagenbrett, Aufbruch, (Aus Zyklus: „Sieben Bilder zur Geschichte der Sowjetunion“), 1989-90, Öl/Leinwand, 181x132. Bildrechte: Andreas Kämper, © VG Bild-Kunst Bonn, 2019
Trak Wendisch, Zungenabschneider, 1988, Mischtechnik auf Leinwand, 130x130cm, Privatbesitz
Trak Wendisch, Zungenabschneider, 1988, Mischtechnik auf Leinwand, 130x130cm. Bildrechte: InGestalt/Michael Ehritt, © VG Bild-Kunst Bonn, 2019
Wasja Götze, Die reizende Mauer, 1988, Öl/Hartfaserplatte, 92x123cm, Privatbesitz,
Wasja Götze, Die reizende Mauer, 1988, Öl/Hartfaserplatte, 92x123cm. Bildrechte: Wasja Götze
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Viele Künstlerinnen vertreten

Cornelia Schleime, o.T. (aus: Horizontebilder), 1985-1986, Mischtechnik auf Japanpapier auf Flies, 140x140cm, Sammlung Leo Lippold
Cornelia Schleime, o.T. (aus: Horizontebilder), 1985-1986, Mischtechnik auf Japanpapier auf Flies, 140x140cm. Bildrechte: Cornelia Schleime, Foto: InGestalt/Michael Ehritt

Zudem tauchen erfreulicherweise in der Schau mehr Künstlerinnen auf, als man zu hoffen wagte. Neben festen Größen wie Annette Schröter oder Cornelia Schleime etwa die bei Berlin lebende Malerin Ulla Walter. Zu den Neuentdeckungen der Ausstellung gehört indessen ein saalfüllender Bilderzyklus, "Passagenbilder", der Leipziger Malerin Doris Ziegler. Zwischen 1988 und 1993 geschaffen, manifestiert er in den Leipziger Passagen den Umbruch jener Zeit.

Interessant ist es deshalb, weil wir viele Bilder gefunden haben, wo Künstlerinnen und Künstler das Ereignis des Mauerfalls imaginieren und vorwegnehmen; die Künstler haben eben eine soziale Intelligenz, Dinge und Erscheinungen spürbar zu machen. Und in diesem Zyklus von Doris Ziegler ist das in den Leipziger Messepassagen verortet zu sehen – finde ich ein sehr wichtiges Dokument.

Paul Kaiser, Kurator der Ausstellung

Neuer Kanon über prägende DDR-Kunst

30 Jahre nach der "Friedlichen Revolution" und 20 Jahre nach den schlimmsten ideologischen Grabenkämpfen um die deutsch-deutsche Kunst versucht diese Schau im Leipziger Bildermuseum einen neuen Kanon zu bilden: Was und wer Kunst in der DDR denn nun wirklich prägte.

Norbert Wagenbrett, Aufbruch, (Aus Zyklus: „Sieben Bilder zur Geschichte der Sowjetunion“), 1989-90, Öl/Leinwand, 181x132 cm, Kunstarchiv Beeskow 4 min
Bildrechte: Andreas Kämper, © VG Bild-Kunst Bonn, 2019

Über die Ausstellung Point of No Return - Wende und Umbruch in der ostdeutschen Kunst

Museum der bildenden Künste Leipzig
Katharinenstraße 10
04109 Leipzig

Eröffnung | 22.07.219, 18:00 Uhr
23. 07. 2019 - 03.11.2019

Öffnungszeiten
Mo: geschlossen
Di, Di-So: 10:00-18:00Uhr
Mi: 12:00-20:00 Uhr
Feiertage: 10:00-18:00 Uhr

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Dieses Thema im Programm: MDR KULTUR - Das Radio | "Wende" und Umbruch in der ostdeutschen Kunst? | 22. Juli 2019 | 08:40 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 22. Juli 2019, 04:00 Uhr

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