Ausstellung "Sorbian Street Style" – zwischen Mode und Tracht

Trachten sind aus dem Alltag so gut wie verschwunden. Ausnahme: Das bayrische Dirndl, das vor allem beim Oktoberfest eine modische Renaissance feiert. Doch wie sieht es in anderen Teilen Deutschlands aus? In Bautzen lagert im Sorbischen Museum mit unzähligen historischen Trachten ein großer Schatz. Das kulturelle Vermächtnis eines Volkes, das zwar sehr klein, aber überaus vielfältig ist. Jede Region hatte ihre eigenen Trachtenvarianten, für jeden Anlass gab es genau festgelegte Kleidervorschriften. Eine Ausstellung versucht, diesen Schatz zu heben: "Sorbian Street Style".

Blick in Ausstellung 'Sorbian Street Style'
Ein Blick in die Ausstellung "Sorbian Street Style" Bildrechte: MDR/Eva Gaeding

Würde man so auf die Straße gehen? Eine weiße Jacke zum Beispiel: Der Stoff erinnert an zerknittertes Papier. An die Schultern sind lange, weiße Bänder genäht, auf die mit rotem Faden Wörter gestickt worden sind. Weht ein Luftzug durchs Museum, flattern die Bänder leise mit.

Entworfen hat die Jacke Lea Kelm, 28 Jahre alt, Absolventin einer privaten Design-Akademie in Leipzig. Das Sorbische Museum in Bautzen, in dem sie nun ausgestellt ist, hatte unter dem Motto "Sorbian Street Style" zu einem Designwettbewerb aufgerufen. Kelm belegte mit ihren Entwürfen den ersten Platz. An den Sorbischen Trachten, von denen sich die Modedesignerin inspirieren lassen sollte, faszinierte sie vor allem das Handwerkliche:

Der Blaudruck, die Stickereien, die Bedeutung dahinter. Dass alles eine Bedeutung hat, das fand ich, das Schönste.

Modedesignerin Lea Kelm über Sorbische Trachten

Doch wer kann heute noch dieses ausgeklügelte Zeichensystem entschlüsseln? "Es ist so, dass die Tracht aus dem Alltag verschwindet, mehr und mehr. Das ist nicht nur hier im sorbischen kleinen Mikrokosmos so, sondern generell", erklärt Museumschefin Christina Bogusz: "Was kann man da rüberretten? Es wird niemand mehr alltäglich die Tracht tragen, aber wir können diese wunderbaren Elemente oder Ideen auf heutige Mode oder neue Kreationen übertragen."

Upcycling: Aus Schürzen werden Miniröcke

Blick in Ausstellung 'Sorbian Street Style'
Ein Exponat der Ausstellung "Sorbian Street Style" Bildrechte: Serbski muzej - Sorbisches Museum Bautzen

Wie das aussehen kann, zeigen nicht nur die drei Preisträger-Kollektionen des Designwettbewerbes. In der Ausstellung sind auch die Resultate zweier Upcycling-Projekte mit Schülern zu sehen. Die nähten aus ausrangierten Schürzen Miniröcke oder funktionierten die Trachtenhaube zum Basecap um. Auch die Entwürfe bereits etablierter Modedesigner, die mit Elementen sorbischer Kleidung arbeiten, wie das im Spreewald ansässige Label "Wurlawy", füllen einen Raum. Ein solch unkonventioneller Umgang mit dem sorbischen Kulturgut gefiel nicht jedem:

Es gab Diskussionen, natürlich. Wie das so ist, man hat immer Leute, die sehr eng in Traditionen denken, was ja nicht verwerflich ist. Sondern man will ja auch schützen und bewahren, aber nur die reine Bewahrung wird uns auch nicht weiterbringen.

Andrea Paulik, Kuratorin
Blick in Ausstellung 'Sorbian Street Style'
Zwischen Mode und Tracht: "Sorbian Street Style" Bildrechte: Serbski muzej - Sorbisches Museum Bautzen

Und bei genauerer Betrachtung waren die Grenzen von Mode und Tracht schon immer durchlässig, meint Kuratorin Andrea Paulik:

"Das ist ja auch bekannt, dass die Trachten aus der Mode geschöpft haben. Das war Jahrhunderte lang so, dass man geschaut hat, wie sind die Adligen gekleidet, wie die Bürgerlichen, man hat Ideen geklaut, gemopst. Also man erkennt immer wieder, von Renaissance zum Biedermeier, bestimmte Schnitte, die übernommen wurden. Man war zwar immer ein bisschen zeitversetzt, ein bisschen später, aber grundsätzlich spiegeln die Trachten absolut Mode wieder."

Auch die Mode bedient sich der traditionellen sorbischen Elemente schon seit längerer Zeit, wie einige wundervolle Entwürfe aus den 70er-Jahren zeigen. Am Ende des Rundganges ist man durchaus berauscht von so viel modischem Einfallsreichtum. Für Christina Bogusz geht es jedoch um mehr:

Wenn wir daran denken Strukturwandel Lausitz - wo kommen wir her und wo wollen wir hin? Dann kann ich mir gut vorstellen, dass das auch ein Punkt sein kann: Wir entwickeln ein Lausitzer Label, mit dem wir uns selber identifizieren, mit dem wir aber auch rausgehen.

Christina Bogusz, Museumsdirektorin
Blick in Ausstellung 'Sorbian Street Style'
Blick in die Ausstellung "Sorbian Street Style" Bildrechte: Serbski muzej - Sorbisches Museum Bautzen

Mit einem solchen Lausitzer Label, so Bogusz, könnte man nicht nur die sorbische Kultur lebendig halten, sondern auch die regionalen Techniken des Blaudrucks und der Leineweberei. Und damit anknüpfen an die lange Tradition der Textilindustrie in der Region. Vielleicht würden über das Label dann auch ein paar Entwürfe von Lea Kelm und den anderen Gewinnern des Designwettbewerbes verkauft, spinnt Bogusz einen Hoffnungsfaden. Das Zwiegespräch zwischen Mode und Tracht bleibt jedenfalls spannend.

Was sich durchsetzen wird, das wissen wir auch nicht, ich denke mal am Ende ist es das Schöne, das Ästhetische und das Praktische. Und auch natürlich die Lebensfreude. Das sind so Kriterien, die kommen immer wieder. Wir werden sehen.

Andrea Paulik, Kuratorin
Modedesigner Jan Lorenz 3 min
Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Kak móže načasna serbska moda wupadać?
Wie kann moderne sorbische Mode aussehen?

Wuhladko Sa 05.10.2019 11:45Uhr 02:43 min

Rechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Video

Infos zur Ausstellung Sorbian Street Style
22.09.2019 – 01.03.2020

Serbski muzej / Sorbisches Museum
Ortenburg 3
02625 Bautzen

Ausstellungs- und Ausflugstipps

Dieses Thema im Programm: MDR KULTUR - Das Radio | 16. Oktober 2019 | 16:10 Uhr

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